Zerbrechlich ist noch eine Untertreibung: Ein hauchdünner Stängel, aus dem Blätter ragen, weitere Verästelungen und Blüten trägt es auch noch, das Wunderwerk. Wenn man es nicht besser wüsste, würde man den Teil einer Fuchsia für eine bis ins Detail gelungene Reproduktion aus Plastik halten. Ist sie aber nicht, die Pflanze ist echt und wirkt frisch, wie das blühende Leben – aber sie ist mausetot. Ihre Rückkehr ins Reich der Lebenden ist der Biologin Elke McCullough zu verdanken, die für das Universalmuseum Joanneum in der Präparation für die Botanik und die Zoologie zuständig ist.

Nicht, dass es im Vorfeld des Projektes nicht auch einige Zombies gegeben hätte, aber das, was mittlerweile das Studienzentrum in Graz-Andritz verlässt, ist hochpräzises Handwerk – museumsreif, was sonst. Zu sehen in der aktuellen Ausstellung „Blümchensex“ im Naturkundemuseum im Joanneumsviertel. Dort wird kurzweilig mit viel Humor und noch mehr Fachwissen „das wilde Treiben der Pflanzen“ dokumentiert, Elke McCullough hat dafür die Präparate beigesteuert. Pflanzen, die nicht nur echt ausschauen, sondern auch echt sind.

Jetzt blüht sie auf ewig: Rosskastanie
Jetzt blüht sie auf ewig: Rosskastanie © Universalmuseum Joanneum (JJ Kujek/N. Lackner)

Rund ein Jahr musste man von der Planung bis zum fertigen Präparat berechnen. Heißt: Was will man zeigen? Wann blüht die Pflanze? Wo wird sie gesammelt? Zumindest das konnte man zu Beginn klar beantworten, der Rest „war natürlich ein Experiment, weil jede Pflanze anders ist“, erinnert sich McCullough. Diese Andersartigkeit macht in der Umsetzung einen gewaltigen Unterschied, präpariert man eine Margerite oder eine blühende Kastanie: – die eine reduziert, die andere üppigst. Zunächst gilt es jedoch überhaupt zu entscheiden, wie man die Pflanze präpariert: mit Glycerin oder Silica-Gel? Letzteres hat sich in den meisten Fällen bewährt: Die Pflanzen werden ganz vorsichtig mit dem feinkörnigen Material vollständig bedeckt, um ihnen Wasser zu entziehen. Danach geht es erst richtig los.

Es drängt die Zeit

Selten bleiben die Pflanzen in einem Stück, fehlende Staubblätter da, eine verloren gegangene Narbe dort: „Da muss man dann echt basteln.“ Ein Umstand, den man schon beim Sammeln mitbedenken muss: Eine Pflanze wäre zu wenig, aber zu viele ergeben ein logistisches Problem, so die Botanikerin: „Nach dem Sammeln muss man richtig flott sein, weil die Pflanzen innerhalb von zwei, drei Stunden sofort verarbeitet werden müssen.“ Wer will schon welke Pflanzen sehen?

Präsentation in der Ausstellung „Blümchensex“
Präsentation in der Ausstellung „Blümchensex“ © Universalmuseum Joanneum (JJ Kujek/N. Lackner)

Es folgt Präzisionsarbeit, die Pflanzenteile werden per Hand koloriert und zusammengesetzt. Das ist kein Job für Ungeduldige: „Ich muss mit der linken und der rechten Hand gut arbeiten können. Man braucht dafür das richtige Gefühl, aber das entwickelt man von Jahr zu Jahr“, erzählt McCullough, die jedoch immer wieder von der Robustheit auch der filigransten Pflanzen begeistert ist.

Das Kolorieren ist eine Wissenschaft für sich, das tunlichst nicht koloriert ausschauen soll. McCullough arbeitet mit Ölfarben, trägt mehrere Schichten auf: „Man muss genau schauen, wie sich die Pflanze verhält. Blattunterseiten saugen tendenziell viel mehr Flüssigkeit auf und natürlich muss man auch die Struktur, etwa eines Blattes, wieder hervorbringen.“ Nicht nur die Wahl des Pinsels ist entscheidend, hinzu kommen weitere Faktoren: die Präsentation im Museum, die Farbwirkung der Präparate unter Kunstlicht, das mögliche Ausbleichen. Und da wäre noch die Sache mit dem Aufhören: „Ich spüre es, wenn ich aufhören muss. Perfektion ist der Tod von allem, man kann etwas wirklich kaputt perfektionieren. Es gibt einen Zeitpunkt, ab dem machst du die Dinge nur mehr kaputt.“ Wer Elke McCullough über die Schulter schauen möchte, hat nächste Woche beim Bloom-Fest „Wildwuchs“ die Gelegenheit.