Männer kommen, Frauen nicht. Oder – frei nach der legendären Diner-Szene von Meg Ryan im Kult-Klassiker „Harry and Sally“ – sie tun nur so, als ob. Der „Orgasm-Gap“ besagt, dass Frauen beim heterosexuellen Sex viel weniger oft zum Höhepunkt kommen als Männer. Einer Erhebung im Journal of Sexual Medicine (2024) zufolge überschätzen viele Männer die Häufigkeit der weiblichen Höhepunkte deutlich, auch weil sie selbst sehr oft einen solchen erleben. Während 87 Prozent der Männer angaben, jedes Mal zum Höhepunkt zu kommen, trafen nur 49 Prozent der Frauen dieselbe Aussage. Eine weitere Studie legt nahe, dass sich dieser Wert auch nicht mit zunehmendem Alter verändert oder verbessert.
Können Frauen Lust lernen, Anna Beran?
Die österreichische Sexualtherapeutin Anna Beran, die sich in ihrer Arbeit vor allem auf Frauen fokussiert, erklärt diese Lücke ganz nüchtern. „Die Vagina hat nur Druck- und Reiberezeptoren, letztere aber eigentlich auch nur am Eingang. Die klassische Penetration bringt also für Frauen nicht sehr viel. Es ist keine besonders erregungsfördernde Bewegung.“ Dennoch würden viele Frauen, die zu ihr in die Beratung kämen sagen, dass der „richtige“ Sex aus so einer Penetration bestehe. „Dass sie dann aber eigentlich keine Lust haben, ist nicht weiter verwunderlich, denn unser Hirn ist recht einfach gebaut. Wenn uns etwas Spaß macht, haben wir Lust. Wenn das alles aber sehr mühsam ist oder sich sogar nach Arbeit anfühlt, dann gibt es auch keine Lust auf ein nächstes Mal“, so Beran.
Sie plädiert dafür, sich zu fragen, welche Art von Sexualität es sein müsste, die Spaß macht. Und hier kommt die Scham ist Spiel, denn „Lust ist ein Ausdruck von Selbstkontakt. Erst musst du wissen, was dir selbst Lust bereitet, ehe eine zweite Person ins Spiel kommt, aber das hat man Frauen sehr lange überhaupt nicht zugestanden“, so die Expertin.
Der Schlüssel für weibliche Lust liegt in der Klitoris. Dieses Organ ist einzig und allein zum Lustgewinn im weiblichen Körper, wurde aber sehr lange auch in der Medizin und in Anatomiebüchern vernachlässigt. Die Klitoris kann bis zu 12 Zentimeter groß sein, hat innere Schwellkörper und kann unterschiedlich stimuliert werden. Erst im März 2026 gelang es einem Forschungsteam aus Amsterdam eine 3D-Aufnahme mit all den Nervengeflechten der Klitoris zu erstellen.
Erstaunlich dabei ist, dass es im 19. Jahrhundert eine sehr präzise Darstellung inklusive Schwellkörper der Klitoris schon gab, aber vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieser anatomische Umstand aus der Fachliteratur verbannt oder verschwiegen. 1844 veröffentlichte der deutsche Mediziner und Anatomie-Experte Georg Ludwig Kobelt nämlich schon eine präzise Auflistung der männlichen und weiblichen Lustorgane. Doch bis in die späten 1980er-Jahre war stets nur von dem sichtbaren Teil der Klitoris die Rede. Die Wende brachte erst die Arbeiten der australischen Urologin Helen O‘Connell, die von 1989 bis 2005 einige Ergebnisse zur „Anatomie der Klitoris“ veröffentlichte und die komplexe Struktur und Wirkweise nachzeichnete.
Zurück zum Orgasmus-Gap rät auch Anna Beran Frauen, sich zuerst selbst zu entdecken, die Existenz dieses Lustorganes wahrzunehmen und den Blick auf Sexualität demnach etwas zu verschieben. „Das Lustorgan der Frauen ist riesengroß, es ist tatsächlich nur für die Lust hier, aber das wissen viele Frauen einfach noch nicht.“