Farben sind Ansichtssache. Politisch sowieso, aber auch in freier Wildbahn. Orange zum Beispiel: Würde man tibetische Mönche, Asfinag-Mitarbeiter, 99ers-Fans und Guantanamo-Häftlinge nebeneinander aufstellen, wären sie alle im gleichen Lager.

Farben sind aber auch Ansichtssache – historisch gesehen. Unser Artdirector Erich Repe (neben seinen digitalen Pinselschwüngen vor allem für seinen grünen Daumen bekannt) hielt beim Mittagessen zuletzt ein Privatissimum zu diesem Thema ab. „Die Farbe Blau gab es früher gar nicht“, konstatierte er und blickte dabei, wie zum Beweis, in die unendlichen Weiten des Himmels. Was meinte der Pausen-Philosoph nur? Gewiss, die Welt von früher war – wenn man den alten Fotos Glauben schenkt – schwarz-weiß. War mein Kollege diesem Trugschluss erlegen? Oder leitete er seine Theorie vom Mittelalter ab, das ja bekanntlich – und historisch nicht belegbar – besonders „dunkel“ war?

Das weindunkle Meer

„Keineswegs“, lautete die kühne wie kühle Antwort von Bildchef Repe, und er konkretisierte: Nicht die Farbe habe in bestimmten Sprachen gefehlt, sondern der Begriff, die kulturelle Selbstverständlichkeit.

Ich erkläre mir das so: Grün lag auf der Wiese, Rot war jedem spätestens nach dem ersten Keulen- oder Schwert-Gemetzel ein Begriff. Bei Blau war das schon schwieriger. Die Blaublüter waren nämlich rar gesät und im Grunde auch rot, wenn sie bluteten. Den Lapislazuli musste man auch erst einmal finden.

Und der Himmel und das Meer? Da zierte man sich auch. Besonders die Griechen (im Althochdeutschen existierte „Blau“ bereits). Berühmt ist die Beschreibung des Ozeans in Homers Ilias und Odyssee, wo vom „weindunklen“ Wasser die Rede ist.

Falsche Straßenbahnen und Aquarien

Ob die Stadt Graz auch weiterhin rotweinrot geführt wird, werden die Wahlen zum Gemeinderat am 28. Juni zeigen. Sicher ist nur: Im buntgefärbten Plakatdschungel herrscht bereits jetzt eine Verwirrung, die man beinahe als eigene politische Stilrichtung bezeichnen könnte. Erst vergangene Woche musste Straßenamtsleiter Thomas Fischer ausrücken, weil Blumenbeete mit Plakatparkplätzen verwechselt wurden – die Ständer mussten wieder weg. Doch auch dort, wo sie stehen dürfen, ist die Lage nicht immer klar.

Bei den Grünen fährt auf einem Sujet eine Bim durch die Zinzendorfgasse, wo eigentlich weder Gleise verlegt sind, geschweige denn Straßenbahnen verkehren. Auf einem anderen Plakat wurde aus der Doppelhaltestelle in der Neutorgasse sicherheitshalber eine einfache Haltestelle. Das echte Schild hätte die Abkürzung „HH“ getragen, was in Zeiten politischer Symbolsensibilität offenbar fehlinterpretiert werden hätte können.

Die KPÖ wiederum warnt nicht vor dem Untergang des Abendlandes, dafür aber vor dem untergehenden Sozialstaat und hält eines ihrer Plakate im Aquariumstil (das Wasser reicht fast bis zum Uhrturm). Das wirkt, als hätte jemand sein erstes Werk nach dem Grafik-Kurs auf Windows 95 vollendet. Ziemlich urig und aus der Zeit gefallen. Was kein Zufall sein dürfte. Die Partei wirbt bewusst mit den gleichen Sujets wie bei der Wahlkampagne der KPÖ im Jahr 2021. Und 2012, wenn man im Archiv stöbert. Das kann man konsequent nennen. Oder sehr konsequent. Die Kampagne sei „handgestrickt“, erklärte man stolz und betonte: „Wir geben unser Programm und unsere Sujets nicht an eine Werbeagentur“.

Kollaps und Klassenfeind

Die Neos, glaube ich, auch nicht. „Weniger Politik, mehr Kinderbetreuung“ lautet einer ihrer Slogans. Ein Satz, der in seiner inneren Spannung fast schon wieder interessant ist. Vielleicht hat auch schon die KI mitgeholfen, immerhin wollen die Pinken 1000 Mitarbeiter in der Verwaltung u.a. mittels Künstlicher Intelligenz einsparen.

Eingespart hat die SPÖ in Graz scheinbar auch ihre Spitzenkandidatin Doris Kampus. Die sucht man auf den Plakaten zumindest vergeblich. Dafür bekommt man allerlei Informationen – vor allem über den drohenden Kollaps in der Gesundheitsversorgung. Für eine Partei, die die Gesundheitsministerin im Bund stellt, eine durchaus spannende Strategie.

Ähnlich scheu agiert die FPÖ, bei der Spitzenkandidat Rene Apfelknab sich meist nur gemeinsam mit Landeshauptmann Mario Kunasek aus der Deckung wagt. Auch hier wird die Farbe nicht allein aufgetragen, sondern grundiert, sozusagen.

Und die Grazer Volkspartei? Sie ist im Werbewald der steirischen Landeshauptstadt nur mit einiger Mühe zu finden. Schwarz malt sie nicht, türkis auch nicht. Stattdessen setzt sie auf Dunkelrot-Gelb. Ausgerechnet die Farbe des Klassenfeindes! Aber wie bereits eingangs erwähnt: Farben sind Ansichtssache. In Graz gilt das derzeit sogar doppelt.