Am Mittwoch hat am Landesgericht Salzburg ein Prozess wegen Hasskriminalität im Umfeld der sogenannten „Pedo Hunter“-Szene begonnen. Drei junge Männer und eine junge Frau müssen sich wegen krimineller Vereinigung, versuchter absichtlich schwerer Körperverletzung und versuchten Mordes verantworten. Sie sollen im Oktober 2024 Männer zu einem Treffen mit einem vorgeblich 14-jährigen Mädchen in die Pinzgauer Gemeinde Lend gelockt haben. Dort wurden die Opfer brutal misshandelt. Der erste Prozesstag gab einen erschütternden Einblick in die Gedankenwelt der Beschuldigten.
Als Haupttäter gilt ein 24-jähriger gebürtiger Deutscher, der wie die anderen Angeklagten im Pinzgau lebt. Er kam laut Staatsanwaltschaft auf der Plattform Telegram mit einer Szene in Kontakt, die unter dem Deckmantel der Jagd auf Pädophile oder vermeintliche Pädophile Fake-Profile auf Dating-Plattformen anlegt und Treffen an abgelegenen Orten ausmacht. Die Opfer werden dann von mehreren maskierten Tätern massiv misshandelt und erniedrigt. „Die Übergriffe werden ‚Hunts‘ genannt, die Gruppen sind österreichweit und teilweise international vernetzt“, erklärte die Staatsanwältin im Prozess. Die Taten werden gefilmt, die Videos anschließend in internen Gruppen und auf einschlägigen Foren hochgeladen.
„Bad Lisa“ war der Lockvogel für die Männer
Auch der 24-Jährige erstellte im Sommer 2024 einen Fake-Account, um Opfer anzulocken. Er trat dabei als 14-jähriges Mädchen mit Profilnamen „Bad Lisa“ auf. Gemeinsam beschloss die Gruppe – zwei weitere junge Männer im Alter von 21 bis 22 Jahren und die 25-jährige Freundin des Deutschen – ihren Opfern „eine Abreibung zu verpassen“.
Ein erstes Treffen mit einem vermeintlichen Pädophilen im August 2024 scheiterte noch, weil das Opfer skeptisch wurde. Am 27. Oktober und am 31. Oktober 2024 lockte die Gruppe aber jeweils einen Mann – einmal Mitte 40, einmal Mitte 50 – zu einem vermeintlichen Sextreffen nach Lend. Dort wartete die Freundin des Hauptangeklagten als Lockvogel, nach kurzer Begrüßung tauchten die Angeklagten mit über den Kopf gezogenen Sturmhauben auf. In beiden Fällen prügelten sie auf Körper und Kopf ihrer Opfer ein, einmal kam auch ein Teleskopschlagstock, einmal ein Baseballschläger zum Einsatz. Das erste Opfer erlitt Prellungen, Hämatome, Rissquetschwunden sowie den Bruch eines Zahns.
Opfer flehte: „Bitte lasst's mich in Ruh“
Vier Tage später wurde die Gruppe erneut aktiv. Dieses Mal wurde dem Opfer mit Stahlkappenschuhen auch brutal gegen den Kopf getreten, zudem wollte man dem Mann die Haare abrasieren. Die junge Frau filmte die beiden Übergriffe, im zweiten Fall sprühte sie dem Opfer auch Pfefferspray ins Gesicht. Immer wieder flehte dieses auf dem vor Gericht abgespielten Beweisvideo: „Bitte lassts mich in Ruh. Ich tue euch nichts.“ Dennoch wurde der Mann so schwer misshandelt, dass er Brüche der Rippen und im Gesicht und eine Gehirnblutung erlitt. „Die Taten sind genau auf den Videos zu sehen“, sagte die Staatsanwältin. „Aufgrund der großen Brutalität ist dabei von einer Tötungsabsicht der Beteiligten auszugehen.“
Die Angeklagten entschuldigten sich in der Verhandlung bei den Opfern und berichteten zum Teil von bereits geleisteten Entschädigungszahlungen. Zum Gros der Vorwürfe zeigten sie sich geständig. Den Mordversuch wiesen die Männer und die Frau allesamt zurück: „Ich habe das Pedo-Hunting in den sozialen Medien gesehen und bin einer Gruppe beigetreten. Ich dachte, das wäre etwas Gutes“, sagte der Hauptangeklagte. Es sei nicht geplant gewesen, dass es solche Ausmaße annimmt. Sein Verhalten bezeichnet er heute als „Scheiße“: „Das hätte nicht sein müssen.“
Ein Verteidiger erklärte, sein Mandant habe als Kind selbst Gewalterfahrungen erlebt. „Er wollte Kinder vor Pädophilen schützen. Er dachte, mit dem Pedo Hunting etwas Hilfreiches für die Gesellschaft zu tun.“ Der Anwalt der Frau betonte hingegen, dass seine Mandantin nur gefilmt und Pfefferspray eingesetzt habe. „Es ging ihr darum, jemanden dazu zu bringen, sich in Zukunft von 14-jährigen Mädchen fernzuhalten.“ Und der vierte Angeklagte soll nach Aussage seines Rechtsanwalts überhaupt nur einmal zugeschlagen haben.
Fünfter Angeklagter war nur Mitläufer
Vor Gericht saß heute auch ein vierter Mann (22) aus dem Pinzgau. Er war nur wegen absichtlich schwerer Körperverletzung angeklagt. Er soll erst kurz vor der ersten Attacke von einem Freund gefragt worden sein, ob er nicht mitkommen wolle, um einen „Pädophilen zu erschrecken“. Er ist auch der einzige des Quintetts, der nicht seit der Verhaftung vor 14 Monaten in Untersuchungshaft sitzt. Den fünf Angeklagten dürfte übrigens durchaus bekannt gewesen sein, dass über 14-Jährige in Österreich legal einvernehmlichen Sex miteinander haben können.
Im März 2025 waren bei einer bundesweiten Polizeioperation unter der Federführung des Landeskriminalamts Steiermark („AG Venator“) bei einem Schlag gegen die „Pedo Hunter“-Szene in sieben Bundesländern und in der Slowakei 18 Personen festgenommen worden. Sie sollen überwiegend Homosexuellen fälschlicherweise Pädophilie unterstellt haben und sie misshandelt haben. Durch die in Foren und ins Netz gestellten Videos kam die Polizei so auch auf die Spur der Salzburger Angeklagten. Insgesamt hat die „AG Venator“ rund 30 solcher Gruppen ausgeforscht, wie Leiter Rene-Alexander Kargl der Kleinen Zeitung berichtete.
Der Geschworenenprozess wird am Freitag fortgesetzt. Dann wird auch ein Urteil erwartet.