Sandra Wollner ist überwältigt: „Es war schon fantastisch, den Film überhaupt hier zu zeigen, die Rückmeldungen waren überwältigend und dass wir nun auch noch diesen Preis bekommen haben, fühlt sich surreal an. Es ist großartig!“ Die gebürtige Leobener Filmemacherin („The Trouble with Being Born“) mit Wohnort Berlin gewann mit dem Prix „Un certain regard“ für „Everytime“ den Hauptpreis der zweitwichtigsten Festivalschiene in Cannes – ein Umstand, der den derzeitigen Höhenflug des österreichischen Films befeuert.

Das wichtigste Filmfestival der Welt

Cannes, das wichtigste Filmfestival der Welt, ist für die 42-jährige Regisseurin eine neue Erfahrung gewesen: Über den roten Teppich zu gehen, sagt sie, sei „irgendwie abgefahren“, aber nicht ihr „allerliebster Teil des Filmemachens“. Beim Photocall, vor den vielen Kameras, habe das Ganze etwas „von einer anderen Welt“ gehabt. Absolute Sichtbarkeit ist hier ein Muss, doch Wollners Kino entsteht aus dem Gegenteil: aus dem Beobachten leiser Verschiebungen, aus Zwischenräumen, aus dem, was Menschen erst nicht in Worte fassen können.

In ihrem Film „Everytime“ geht es um den schlimmsten denkbaren Verlust: Eine Mutter verliert ihr Kind. Wollner interessiert daran der Moment danach, in dem das Leben trotzdem weitergehen muss. Bevor Trauer überhaupt möglich wird, müssen Menschen funktionieren. Genau darin liegt die Kraft dieses Films: Er beobachtet, wie Schock, Alltag, Schuld und Erinnerung ineinandergreifen.

Kein konkreter Fall

Der Ursprung der Geschichte liege nicht in einem konkreten Fall, sagt Wollner. „Es sind mehrere, die sich überlagern, die wir bestimmt alle selber kennen.“ Aus diesen Überlagerungen sei eine Konstellation geworden. „Wichtig war mir, mich dem Thema über Fiktion zu nähern. Mich hat das alltägliche Leben interessiert“. Bewusst hat Wollner deshalb auf eine allzu „melodramatische“ Umsetzung verzichtet: Der Verlust eines Kindes wird hier nicht als Ausnahmezustand in einer künstlich aufgeladenen Welt erzählt, sondern mitten im Normalen. Dadurch wirkt der Schrecken umso größer.

Für Birgit Minichmayr, die die Mutter spielt, war diese Normalität entscheidend. Wollner konnte sie sich in der Rolle vorstellen, ohne dass der Star die Figur überdeckt. „Sie kann komplett in diese Rolle aufgehen. Meine Aufgabe war dabei, einen Raum zu schaffen, in dem sie mir so weit vertraut, dass sie alles zulässt“.

Cannes gibt diesem stillen Film nun eine große Bühne. „Die Öffentlichkeit, die der Film hier bekommt, ist international wahrscheinlich kaum zu toppen“, weiß Wollner. „Ich finde, dieses Festival hat auch etwas Magisches. Hier waren schon so viele Filmgrößen, da schwingen schon Geister mit. Eine große Freude, hier mit dabei gewesen zu sein“.