Es gibt sie auch heuer, die Filme, die instant-preisverdächtig sind – nicht bei allen kann man das nachvollziehen. „Fatherland“ des polnischen Regisseurs Pawel Pawlikowski erzählt in überarrangiertem Schwarzweiß über Thomas Manns Deutschlandreise und bietet viel bildungsbürgerliche Identifikationsfläche, sonst wenig. Der japanische Kultregisseur Hirokazu Koreeda wagte mehr: In seinem Drama „Sheep in the Box“ verliert ein Ehepaar seinen kleinen Sohn – die Ankunft einer Roboter-Kopie des Kindes führt tatsächlich zu einem unerwarteten Happy End. Asghar Farhadis „Parallel Tales“ blieben mehr Geschichten von gestern. Wenig Fans fand auch der Wettbewerbsfilm „Paper Tiger“ von James Gray, ein Thriller mit Adam Driver und Scarlett Johansson.
Ryusuke Hamaguchis „All of a Sudden“ begeisterte dafür trotz Überlänge mit seiner liebevollen Erzählung über eine mögliche Revolution in der Alten- und Krankenpflege, ebenso wie Adèle Exarchopoulos in jeder einzelnen Szene von „Garance“ von Jeanne Herry, die mit der Story über eine alkoholkranke Schauspielerin einen der mitreißendsten, charmantesten und positivsten Film des Wettbewerbs ablieferte. „Fjord“, das neue Drama vom rumänischen Regisseur Cristian Mungiu („4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“) spaltete die Geister und blieb thesenhaft. Auf „Minotaur“ von Andreï Zviaguintsev konnte man sich einigen – ein böses Drama über einen russischen Unternehmer und seine Entscheidungen ausgelöst durch den Überfall auf die Ukraine. Weder Rodrigo Sorogoyen („The Beloved“, mit Javier Bardem) noch Altmeister Pedro Almodóvar („Bitteres Fest“, mit Leonardo Sbaraglia) konnten das Publikum davon überzeugen, dass alte Regisseure tatsächlich spannende Figuren sind.
Die Revolution war anderswo zu Hause – wie so oft in den Nebenschienen. Die ruandische Regisseurin Marie-Clémentine Dusabhejambo erzählte im packenden Film „Ben’Imania“ davon, wie die überlebenden Frauen des Genozids an den Tutsi Strategien zum Weiterleben finden, mit großer Empathie, Würde und sanftem Humor.
„Woman on Trial“ von Lauriane Escaffre und Yvo Muller ist ein klassisches Gerichtsdrama über jenen Prozess, bei dem zwei mutige Frauen in Frankreich Seite an Seite Ende der 1970er-Jahre für ihre körperliche Selbstbestimmung kämpften, in den Hauptrollen spielen Charlotte Gainsbourg und Cécile de France. Swann Arlaud in Emmanuel Marres „Notre Salut“ zeigt die Story eines Mitläufers während des Faschismus, Lala Marrakchi porträtiert in „Strawberries“ eine Marokkanerin, die sich auf spanischen Erdbeerfeldern durchschlägt und ebenfalls vor Gericht für ihr Recht kämpft. Judith Godréche, seit ihrer Serie „Icon of French Cinema“ eine wichtige #meToo-Kämpferinnen der französischen Filmbranche, verfilmte mit „Memoire de Fille“ den autobiographischen Roman von Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux. Die geniale Komödie „Jim Queen“ sorgte wohl für die meisten Lacher des Festivals – im Animationsfilm wird die schwule Szene von Paris von einem Virus bedroht, der hetero macht (Socken in Sandalen! Fußballwissen!) – das Drama „Elephants in the Fog” des nepalesischen Regisseurs Abinash Bikram Shah über eine Gruppe transsexueller Frauen beweist ebenso, wie radikal sich die Filmwelt verändert, wenn Filme mit Menschen gemacht werden, und nicht über. Die Kinozukunft leuchtet.