Maria holt wie jeden Morgen die Post aus dem Briefkasten. Neben Rechnungen und Werbung ist dieses Mal auch die Erinnerung an die Mammografie dabei, die in Österreich ab dem 45. Lebensjahr alle zwei Jahre durchgeführt werden soll. „Stimmt, das sollte ich wieder machen“, denkt die 52-Jährige und legt den Brief zur Seite. Wochen werden zu Monaten, der Termin ist längst in Vergessenheit geraten, bis eine gute Freundin von ihrer Krebsdiagnose erzählt. Maria ruft noch am selben Tag im Röntgeninstitut an. Tatsächlich wird auch bei ihr ein Tumor entdeckt – rechtzeitig, weil noch klein und damit gut behandelbar.

„Dank Fortuna wurde der Krebs bei mir so früh diagnostiziert“, erzählt Maria später in der Turngruppe. Doch eigentlich handelt es sich hier nicht um Glück oder Zufall, es ist vielmehr das Ergebnis regelmäßiger Vorsorge.

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Zahlen, die wachrütteln

Laut Österreichischem Krebsreport erhalten jedes Jahr rund 44.000 Österreicherinnen und Österreicher die Diagnose Krebs, besonders häufig sind bei Frauen Brust-, Darm- und Lungenkrebs, bei Männern Prostata-, Lungen- und Darmkrebs . Damit ist Krebs eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen unserer Zeit. Etwa 20.000 Menschen sterben jährlich an den Folgen der Erkrankung, dabei zeigen internationale Studien wie jene des Medizinjournals „The Lancet“, dass vier von zehn dieser Todesfälle vermeidbar wären – vorausgesetzt, Vorsorge- und Früherkennungsangebote werden genutzt. „In jedem Lebensalter gilt: Je früher ein bösartiger Tumor entdeckt und behandelt wird, desto besser sind die Chancen auf Heilung, auf Überlebensgewinn, jedenfalls aber auf eine Verbesserung der Lebensqualität“, ist Johannes Steinhart, Präsident der Österreichischen Ärztekammer, überzeugt. Doch genau hier liegt die Herausforderung: Das Wissen ist da, die Angebote sind es auch, aber sie werden nicht konsequent in Anspruch genommen, weshalb auch Paul Sevelda, Präsident der Österreichischen Krebshilfe, an die Gesundheitspolitik appelliert: „Zu diesem Thema braucht es noch mehr und noch gezieltere, zielgruppengerechte Aufklärung.“ Beim Prostatakrebs etwa, der häufigsten Krebserkrankung bei Männern, deren Erkrankungsrisiko ab 65 deutlich steigt, liegt der Anteil jener Männer über 60, die zumindest einmal bei der Vorsorgeuntersuchung waren, bei nur 63 Prozent. Das ist gerade bei dieser Krebsart problematisch, da frühe Stadien meist keine Beschwerden verursachen. Wer erst bei Symptomen zum Arzt geht, kommt oft spät.

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Frauen nehmen Vorsorgeangebote im Vergleich zu Männern häufiger wahr, wie Shahrokh F. Shariat, Direktor des Comprehensive Cancer Center Vienna, bestätigt. Dafür gibt es auch strukturelle Gründe: „Frauen haben meist früher und regelmäßiger Kontakt mit dem Gesundheitssystem. Sie sind zum Beispiel durch regelmäßige gynäkologische Unter­suchungen oder das Mammografie-Screening seit Jahren viel stärker in organisierte Vorsorgeprogramme eingebunden und Vorsorge wird viel stärker zur Normalität“, so Shariat. Gerade bei Brustkrebs zeigt sich sehr gut, was Früherkennung leisten kann: Werden die Tumore früh entdeckt, steigen die Heilungschancen auf bis zu 95 Prozent. „Bei Männern passiert die Früherkennung von zum Beispiel Prostatakrebs hingegen noch viel zu oft zufällig und unsystematisch. Oft gehen sie erst zum Arzt, wenn Beschwerden da sind.“ Dass Vorsorge häufig aufgeschoben wird, hat unterschiedliche Gründe – von Zeitmangel bis hin zu Unsicherheit im Umgang mit möglichen Befunden. Umso wichtiger sei ein Umdenken: „Vorsorge ist keineswegs ein Zeichen von Angst, sondern von Verantwortung – für sich selbst, für die Familie und für die Zukunft“, betont Shariat.

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Doch welche Vorsorgeuntersuchungen sind sinnvoll, ab welchem Alter und in welchem Rhythmus? Um diese Fragen zu klären, haben wir bei der Österreichischen Krebshilfe nachgefragt und die aktuellen Empfehlungen zusammengefasst:

Für Frauen

Die häufigsten Krebsarten bei Frauen sind Brustkrebs, Darm­krebs, Lungenkrebs, Gebärmutterhalskrebs und Eierstockkrebs, wobei Brustkrebs nach wie vor die führende Diagnose stellt. Umso wichtiger ist es, regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen wahrzunehmen, die eine frühzeitige Erkennung ermöglichen und die Heilungschancen deutlich verbessern.

Für Gebärmutterhalskrebs sollte ab dem 20. Geburtstag jährlich ein Krebsabstrich (PAP-Test) im Rahmen der gynäkologischen Untersuchung erfolgen. Ab dem 30. Lebensjahr wird zusätzlich alle drei Jahre ein HPV-Test empfohlen, wobei Abstrich und Test abwechselnd durchgeführt werden sollten, um Doppeluntersuchungen zu vermeiden. Parallel dazu schützt die HPV-Impfung vor Infektionen mit Humanen Papillomviren, die neben Gebärmutterhalskrebs auch andere Krebsvorstufen im Genitalbereich sowie Krebs im Rachen- und Kehlkopfbereich verursachen können. Die Impfung wird Mädchen, Buben, Frauen und Männern ab dem 9. Lebensjahr empfohlen und ist in Österreich seit Februar 2023 für alle bis zum vollendeten 21. Lebensjahr kostenlos verfügbar.

Die Früherkennung von Brustkrebs erfolgt über die Mammografie, mit der kleine, noch nicht tastbare Tumore entdeckt werden können. Frauen ab 40 Jahren wird geraten, alle zwei Jahre eine Mammografie durchführen zu lassen, während das nationale Brustkrebs-Früherkennungsprogramm Frauen zwischen 45 und 74 Jahren automatisch alle 24 Monate eine Einladung zusendet. Eigenes Abtasten der Brust stärkt das Bewusstsein für Veränderungen, ersetzt aber keine Früherkennung.

Darmkrebs lässt sich ab dem 45. Geburtstag durch regelmäßige Vorsorge reduzieren: Eine Koloskopie sollte alle sieben bis zehn Jahre bei einer zertifizierten Stelle erfolgen, alternativ kann der jährliche bis zweijährliche FIT-Stuhltest durchgeführt werden.

Und schließlich sollte auch die Haut regelmäßig auf Veränderungen überprüft werden – eine Selbstuntersuchung vor und nach den Sommermonaten hilft, Auffälligkeiten früh zu erkennen.

Für Männer

Auch für Männer spielt Vorsorge eine wichtige Rolle, um Krebs frühzeitig zu erkennen und die Heilungschancen zu verbessern. Die häufigsten Krebs­arten bei Männern sind Prostata­krebs, Lungenkrebs, Darmkrebs, ­Blasenkrebs und Nierenkrebs.

Ein zentraler Bestandteil der Früherkennung ist die monatliche Selbstuntersuchung der Hoden, die ab dem 14. Geburtstag durchgeführt werden ­sollte, um Veränderungen möglichst früh zu bemerken. Ab dem 45. Geburtstag wird Männern empfohlen, regelmäßig eine Prostatauntersuchung beim Arzt wahrzunehmen, die neben einem Gespräch zur Kranken­geschichte auch den PSA-Test umfasst.

Wie bei Frauen ist auch die Darmkrebsfrüherkennung ab dem 45. Geburtstag wichtig: Dabei kann alle sieben bis zehn Jahre eine Koloskopie bei einer zertifizierten Unter­suchungsstelle erfolgen oder alternativ ein FIT-Stuhltest ­jährlich bzw. mindestens alle zwei Jahre durchgeführt ­werden.

Darüber hinaus sollten Männer ihre Haut mindestens zweimal jährlich, vor und nach den Sommermonaten, selbst auf auffällige Veränderungen kontrollieren. Ein weiterer Schutz ist die HPV-Impfung, die Infektionen mit Humanen Papillom­viren verhindert. HPV kann bei Männern zu Krebsvorstufen und Tumoren am Penis, Anus sowie im Rachen- und Kehlkopfbereich führen. Die Impfung wird ab dem 9. Lebensjahr empfohlen und ist in Österreich bis zum vollendeten 21. Lebensjahr kostenlos verfügbar.

Hürden im Kopf
Krebsvorsorge bedeutet nicht, ständig an Krankheit zu denken, sondern bewusst für die eigene Gesundheit zu sorgen. Es geht um Klarheit statt Unsicherheit, um rechtzeitiges Handeln statt spätes Reagieren. Am Ende ist es eine einfache Entscheidung mit großer Wirkung: den Termin nicht aufzuschieben, sondern wahrzunehmen. Denn Vorsorge ist keine lästige Pflicht, sondern eine der wirksamsten Möglichkeiten, die eigene Gesundheit langfristig zu schützen.