Er wirkt sportlich, diszipliniert, erfolgreich. Einer, der sein Leben im Griff hat. Er trainiert viel, achtet auf seine Ernährung, wirkt kontrolliert, manchmal vielleicht ein wenig zu perfektionistisch. Im Freundeskreis gilt er als ehrgeizig, im Job als verlässlich. Niemand würde vermuten, dass genau hinter dieser Fassade etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist.

Genau das ist das Problem: Ein gestörtes Essverhalten sieht man nicht immer auf den ersten Blick. Es versteckt sich oft gut – hinter vermeintlich gesunden Routinen, hinter Leistungs­willen oder dem Wunsch, „alles richtig zu machen“. Ess­störungen haben kein einheitliches Gesicht und bei Männern werden sie deshalb besonders leicht übersehen.

Christof Argeny, Facharzt für Psychiatrie
Christof Argeny, Facharzt für Psychiatrie © Robert Harson

Späte Diagnose, ähnliche Ursachen

Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Essstörungen beginnen meist schon in jungen Jahren – allerdings nicht bei allen gleich. „Bei den 13- bis 18-Jährigen sind rund 2,4 Prozent der Mädchen und 0,9 Prozent der Burschen betroffen – Tendenz steigend“, sagt Christof ­Argeny, Facharzt für Psychiatrie und ärztlicher Leiter von sowhat, dem Kompetenzzentrum für Menschen mit Essstörungen in Wien, St. Pölten und Mödling. Auffallend: Mädchen erkranken meist schon im frühen Teenageralter, bei Buben zeigt sich die Symp­tomatik im Durchschnitt etwas ­später, was aber möglicherweise an einer verzögerten Diagnose liegt. Viele Frage­bögen und Screening-Verfahren orientieren sich noch immer stark an weiblichen Symptommustern. Gleichzeitig wird Essverhalten bei Männern weniger kritisch hinterfragt – weder im Alltag noch in der ärztlichen Praxis. Wer viel isst, gilt schnell als „guter Esser“, wer Gewicht zunimmt, als „kräftig gebaut“. Hinzu kommt ein biologischer Faktor: Männer haben von Natur aus einen geringeren Körperfettanteil. „Das führt dazu, dass sie selbst bei einem scheinbar unauffälligen BMI bereits deutlich abgemagert sein können“, erklärt Argeny. Warn­signale werden dadurch ­leichter übersehen. Besonders deutlich zeigt sich das beim Binge-Eating, einer Essstörung, bei der Betroffene wiederholt große Mengen an Nahrung in kurzer Zeit zu sich nehmen. Diese Form der Essstörung wird bei Männern häufig erst dann erkannt, wenn bereits Folgeerkrankungen, wie Adipositas, Bluthochdruck oder Stoffwechselprobleme bestehen. Nicht selten kommt die Diagnose eher zufällig zustande, etwa im Rahmen eines anderen medizinischen Vorfalls.

Dabei unterscheiden sich die Ursachen zwischen Männern und ­Frauen kaum. Leistungsdruck, Schön­heit­sideale und ein ­fragiles Selbstwertgefühl ­spielen bei beiden eine zentrale ­Rolle. „Essstörungen sind eng mit Selbstwert­themen verknüpft und können als eine Art Bewältigungsstrategie verstanden werden“, sagt Claudia Fuchs, Leiterin der Psychotherapie bei so­what. Social Media verstärkt diesen Druck – mit perfekt inszenierten Körper­bildern, die oft unerreichbar bleiben.

Zwischen Rückzug und Sprachlosigkeit

Was nach außen oft un­­scheinbar wirkt, ist für Betroffene innerlich hoch belastend. Gerade Männer entwickeln Strategien, um ihre Probleme zu verstecken oder sie gar nicht erst zu benennen. „Viele können gar nicht sagen, wie es ihnen geht. Diese Sprach­losigkeit erleben wir sehr häufig“, so Fuchs.

Claudia Fuchs, Psychotherapeutin
Claudia Fuchs, Psychotherapeutin © Robert Harson

Für Angehörige ist das eine Herausforderung. Denn Essstörungen zeigen sich nicht immer offen. ­Stattdessen sind es oft ­kleine Veränderungen: Jemand zieht sich zurück, wird ­stiller, gereizter oder wirkt plötzlich sehr kontrolliert. Vielleicht wird das gemeinsame Essen vermieden, vielleicht auch übermäßig trainiert. Der wichtigste Schritt ist dann, diese Veränderungen ernst zu nehmen und das Gespräch zu suchen. Allerdings nicht mit Fokus auf

Essen oder Gewicht. „Essstörungen sind psychosomatische Erkrankungen. Wenn man zu sehr über das Essverhalten spricht, verstärkt man oft nur die Symp­tomatik“, warnt Fuchs. Viel hilfreicher ist es, echtes Interesse zu zeigen und Raum für Gespräche zu schaffen.

Das braucht Geduld. Viel Geduld. Denn wer betroffen ist, reagiert anfangs oft mit Abwehr. „Das ist ­völlig normal. Wichtig ist, sich davon nicht abschrecken zu ­lassen“, sagt Fuchs. Es geht nicht darum, täglich nachzufragen oder Druck aufzubauen, sondern darum, verlässlich da zu sein und immer wieder zu signalisieren: Ich sehe dich, und du kannst mit mir sprechen. Vertrauen entsteht nicht über Nacht. In der therapeutischen Praxis zeigt sich, dass es manchmal Jahre dauern kann, bis sich jemand wirklich öffnet. Umso wichtiger ist ein Umfeld, das dranbleibt, ohne zu drängen.

In der therapeutischen Behandlung selbst wird bewusst nicht zwischen Männern und Frauen unterschieden. Im Gegenteil: Der Austausch in gemischten Gruppen wird oft als besonders entlastend erlebt. Zu hören, dass andere ähnliche Gedanken und Gefühle haben, nimmt vielen Betroffenen das Gefühl, allein zu sein.

Hinsehen macht den Unterschied

Essstörungen sind komplex und sie betreffen Frauen wie Männer. Der entscheidende Unterschied liegt oft nicht in der Erkrankung selbst, sondern darin, wie früh sie erkannt wird. Genau deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Manchmal beginnt Hilfe mit einer einfachen Frage: „Wie geht es dir eigentlich wirklich?“