Anna fühlt sich seit Wochen erschöpft, antriebslos und traurig. Sie schläft schlecht, ist erschöpft, zieht sich zurück. Schließlich fasst sie sich ein Herz, sucht Hilfe bei der Hausärztin und bekommt die Diagnose Depression. Markus dagegen wird zunehmend gereizt, trinkt mehr, reagiert aggressiv. Dass dahinter eine Depression stecken könnte, kommt lange niemandem in den Sinn – ihm selbst am wenigsten. Zwei Lebensrealitäten, die zeigen: Psychische Erkrankungen haben viele Gesichter – und oft auch ein Geschlecht.
Frauen, Männer, Unterschiede
Laut dem Gender-Gesundheitsbericht „Psychische Gesundheit“ erkranken Frauen häufiger an Depressionen, Angst- und Essstörungen, Männer hingegen leiden häufiger an Suchterkrankungen. Besonders betroffen sind sie von Alkohol- und Substanzabhängigkeiten. Die Gründe für diese Unterschiede liegen weniger in der Biologie als in gesellschaftlichen Normen. Im Laufe unserer Entwicklung lernen wir je nach Geschlecht unterschiedlich mit Gefühlen und Problemen umzugehen. „Frauen stehen unter einem stärkeren gesellschaftlichen Druck, einem bestimmten Schönheitsideal zu entsprechen, was zur vermehrten Entwicklung von Essstörungen beiträgt“, erklärt Katharina Hotter, klinische und Gesundheitspsychologin am Institut für Frauen- und Männergesundheit in Wien. „Riskantes Verhalten, unter anderem was Alkohol- und Drogenkonsum betrifft, ist leider häufig mit dem gesellschaftlichen Bild von Männlichkeit verbunden, was die Wahrscheinlichkeit, eine Suchterkrankung zu entwickeln, erhöht.“ Diese unterschiedlichen Prägungen beeinflussen maßgeblich, welche psychischen Erkrankungen sich eher zeigen.
Verborgene Zeichen
So weit zu den Unterschieden in der Erkrankung, aber selbst ein und dasselbe Leiden kann sich je nach Geschlecht sehr unterschiedlich äußern. Besonders deutlich wird das bei der Depression. Während Frauen häufiger klassische Symptome wie Niedergeschlagenheit, Traurigkeit, Rückzug und Erschöpfung zeigen, fallen Männer oft durch ein ganz anderes Verhalten auf. „Statt Traurigkeit zeigen Männer oft Gereiztheit, Wut oder sogar Aggression. Auch riskantes Verhalten oder erhöhter Alkohol- und Drogenkonsum können Hinweise auf eine zugrundeliegende Depression sein“, so die Expertin. Das hat Folgen für die Diagnostik: Viele dieser Anzeichen werden nicht sofort als psychische Erkrankung erkannt. Betroffene geraten dadurch später oder gar nicht in Behandlung – ein Umstand, der das Risiko für schwere Verläufe erhöht.
Zu Hilfe!
Auch der Weg nach dem Erkennen von Symptomen verläuft unterschiedlich. „Frauen suchen viel früher und häufiger professionelle Hilfe beim Hausarzt oder bei der Psychotherapeutin. Auch informelle Unterstützungsangebote wie Selbsthilfegruppen oder Gespräche mit Freundinnen oder Freunden werden von Frauen deutlich besser angenommen“, sagt Hotter und findet es schade, dass viele Männer zögern, sich frühzeitig Hilfe zu suchen. „Männer werden oft erst durch körperliche Symptome oder akute Krisen wie zum Beispiel ernsthafte Suizidgedanken dazu bewegt, sich professionelle Unterstützung zu holen“, bedauert sie.
Diese Zurückhaltung hat viel mit gesellschaftlichen Vorstellungen von Männlichkeit zu tun. Wer gelernt hat, Probleme alleine lösen zu müssen, empfindet das Eingestehen von Überforderung oft als Schwäche. Genau das erschwert jedoch den rechtzeitigen Zugang zu Hilfe. Tatsächlich ist die Suizidrate bei Männern signifikant höher, obwohl sie seltener wegen psychischer Erkrankungen in Behandlung sind.
Therapie nach Maß
In der Behandlung zeigt sich: Eine Patentlösung für alle psychischen Erkrankungen gibt es nicht. „Wie bei jeder Therapie braucht es auch hier ein maßgeschneidertes Konzept, das auf die individuellen Gegebenheiten der Person eingeht“, betont Hotter. Tatsächlich gibt es aber geschlechterspezifische Unterschiede in der Wirksamkeit verschiedener Ansätze. Frauen profitieren häufig von Therapien, die emotionale Verarbeitung, Beziehungen und soziale Unterstützung in den Mittelpunkt stellen. Männer sprechen oft besser auf strukturierte, zielorientierte Methoden an, die konkrete Handlungsstrategien vermitteln.
Psychische Gesundheit ist kein Thema, das sich über einen Kamm scheren lässt. Wer Unterschiede zwischen Frauen und Männern ernst nimmt, schafft die Grundlage für bessere Diagnosen, wirksamere Therapien und vor allem für mehr Verständnis im Alltag. Denn manchmal ist es genau dieses Verständnis, das den entscheidenden ersten Schritt erleichtert: darüber zu sprechen und sich Hilfe zu holen.
Die häufigsten psychischen Erkrankungen
Depression
Anhaltende gedrückte Stimmung und Interessenverlust
Typische Symptome: Traurigkeit, Erschöpfung, Schlafstörungen, Konzentrationsprobleme
Behandlung: Psychotherapie, ggf. Antidepressiva, Bewegung und Tagesstruktur
Angststörungen
Übermäßige, oft unbegründete Angstreaktionen
Typische Symptome: Innere Unruhe, Herzrasen, Vermeidung bestimmter Situationen
Behandlung: Psychotherapie (v. a. Verhaltenstherapie), Entspannungsverfahren, ggf. Medikamente
Suchterkrankungen
Abhängigkeit von Substanzen oder Verhaltensweisen
Typische Symptome: Kontrollverlust, starkes Verlangen („Craving“), Vernachlässigung anderer Lebensbereiche
Behandlung: Entzug, Psychotherapie, Selbsthilfegruppen, langfristige Begleitung
Essstörungen
Gestörtes Verhältnis zu Essen und zum eigenen Körperbild
Typische Symptome: Starkes Kontrollverhalten beim Essen, Gewichtsschwankungen, verzerrte Körperwahrnehmung
Behandlung: Psychotherapie, Ernährungsberatung, medizinische Betreuung
Burnout
Zustand emotionaler, körperlicher und geistiger Erschöpfung durch anhaltende Überlastung
Typische Symptome: Ausgebranntsein, innere Leere, Leistungsabfall, Distanz zur Arbeit
Behandlung: Entlastung im Alltag, Psychotherapie, Anpassung der Lebens- und Arbeitsbedingungen
Chronischer Stress
Dauerhafte Überforderung ohne ausreichende Erholungsphasen
Typische Symptome: Nervosität, Schlafprobleme, Reizbarkeit, körperliche Beschwerden (z. B. Kopfschmerzen)
Behandlung: Stressmanagement, Entspannungstechniken, Bewegung, ggf. psychologische Unterstützung