Heilkräuter erleben keine Renaissance, weil sie neu wären – sondern weil man sie wieder ernster nimmt. „Heilkräuter spielen nach wie vor eine Rolle als sanfte Therapiemethode“, sagt Hans Bachitsch, Präsident der Kärntner Apothekerkammer und Apotheker in Villach in vierter Generation. Besonders dort, wo klassische Medizin ergänzt wird oder an ihre Grenzen kommt, bleiben Pflanzen relevant. Nicht als Gegenentwurf, sondern als Teil eines größeren Systems.

Hans Bachitsch, Präsident der Kärntner Apothekerkammer und Apotheker
Hans Bachitsch, Präsident der Kärntner Apothekerkammer und Apotheker © Apothekerkammer Kärnten

Und der Blick zurück zeigt: Das Wissen ist alt. Schon Paracelsus arbeitete mit der Überzeugung, dass pflanzliche Wirkstoffe gezielt eingesetzt werden können – lange bevor der Begriff „Phytotherapie“ überhaupt existierte. Kräuter waren nie nur Hausmittel. Sie waren immer auch Medizin. Heute ist die rationale Phytotherapie auch mit Studien belegt und anerkannt.

Zwischen PMS und Prostata

In der Praxis werden Pflanzen oft noch in Kategorien gedacht: Frauenkräuter hier, Männerkräuter dort. In der Gynäkologie kommen sie bei PMS, Wechselbeschwerden, Krämpfen oder zur Geburtsvorbereitung zum Einsatz, in der Männerheilkunde vor allem bei Prostata- und Harnbeschwerden. „Dort ist die Wirkung teilweise auch medizinisch gut belegt“, so Bachitsch. Doch diese Trennung hält nicht lange stand. Viele Beschwerden – von Schlafstörungen bis Stress oder urologischen Themen – betreffen alle Geschlechter gleichermaßen

„Die Pflanze denkt nicht in Rollen“

„Die Natur hat keine Frauen- und Männerkräuter – diese Einteilung entsteht erst im menschlichen Denken“, sagt die Bärnbacher Apothekerin und Phytotherapie-Ausbildnerin Judith Mürzl. Für sie ist entscheidend, dass Pflanzen nicht für ein Geschlecht wirken, sondern für einen konkreten Menschen mit einer konkreten Beschwerde. Selbst klassische Zuordnungen verlieren so ihre Eindeutigkeit: Frauenmantel etwa wird traditionell zwar in der Frauenheilkunde eingesetzt, kann aber ebenso bei Männern Verwendung finden.

Judith Mürzl, Apothekerin und Phytotherapie-Ausbildnerin
Judith Mürzl, Apothekerin und Phytotherapie-Ausbildnerin © Privat

Wenn Tee nicht mehr reicht

So vertraut der Kräutertee ist – er ist nur eine von vielen Formen. „Manche Pflanzen eignen sich nicht für den Aufguss“, erklärt Bachitsch. Harte Früchte oder bestimmte fettlösliche Inhaltsstoffe entfalten im Tee kaum Wirkung oder können unter Umständen zu unerwünschten Begleiterscheinungen führen. Dann braucht es andere Darreichungsformen: Extrakte, Pulver oder Tinkturen – konzentrierter, stabiler, oft auch wirksamer.

Breite Wirkung statt Ein-Schalter-Prinzip

Phytotherapie folgt keiner schnellen Logik. „Eine Pflanze wirkt meist nicht unmittelbar innerhalb von drei Stunden“, betont Mürzl. Sie braucht Zeit, richtige Anwendung und ein Verständnis für Zusammenhänge. Seit Jahren bildet Mürzl Apotheker und Apothekerinnen innen in genau diesem Bereich aus – von Wirkung und Dosierung über Wechselwirkungen bis hin zu realistischen Erwartungen. Denn Pflanzen sind keine Ein-Wirkstoff-Systeme. Sie wirken vielschichtig, breit und oft subtil. Genau das macht sie therapeutisch interessant – und wissenschaftlich anspruchsvoll

Tradition, Trend – und Realität

Die Nachfrage wächst, ebenso die Trends: Ashwagandha, Rosenwurz, Kurkuma oder Artischocke tauchen auf, werden diskutiert und vermehrt erforscht. Nach einigen Jahren sieht man die langfristigen Wirkungen und Anwendungsgebiete. „Die Regulierung hat hier auch eine Schutzfunktion“, sagt Mürzl. Generell: Frauen zeigen sich in der Praxis oft offener für pflanzliche Ansätze, Männer bleiben häufig bei dem, was für sie funktioniert – dann aber sehr konsequent.

Offen bleiben – im Denken und in der Anwendung

Am Ende geht es weniger um Kategorien als um Genauigkeit im Umgang mit Wirkstoffen. Pflanzen sind keine einfachen Zuordnungen, sondern komplexe Systeme mit vielen Ebenen. Anders gesagt: Die Pflanze bleibt, was sie ist. Die Einordnung entsteht im Blick des Menschen.

Kräuter für alle

Bockshornkleesamen:
Für ihn und sie wichtig – bei ­Stillenden etwa, um die Milch­bildung zu ­fördern. Bockshornklee kann aber auch – geschlechter­­über­greifend – den Blutzucker­spiegel senken. Er enthält ­wichtige ­Aminosäuren und Proteine. ­Verwendet werden die sehr harten Früchte in Pulverform.

Brennnesselwurzel (und -samen):
Die Brennnessel ist ein ­echtes Gesamtkonzept: Die Samen gelten als mineral­stoffreich und ­nährend, die Wurzel wird traditionell bei Beschwerden der Blase und bei ­gutartiger Prostata­vergrößerung eingesetzt. Auch bei Harnwegs­beschwerden wird sie verwendet. Die Blätter sind bekannt für ihre ­aus­leitenden Eigenschaften.

Frauenmantel:
Traditionell als „Frauenkraut“ ­bezeichnet, ist Frauen­mantel nicht ausschließlich weiblich ­relevant. Seine Gerbstoffe wirken ­adstringierend, also zusammenziehend auf Schleimhäute. Dadurch wird er unter anderem bei Magen-Darm-Beschwerden, Übelkeit und bei Durchfall eingesetzt oder auch als Gurgelmittel. Volks­medizinisch wird er zudem bei ­gynäkologischen und uro­logischen Themen verwendet – wissenschaftlich ist das jedoch nur teilweise belegt.

Ginseng:
Auch „Menschenwurzel“ genannt, gilt Ginseng landläufig als Aphrodisiakum und „männerstärkend“. Häufig wird er als belebend, tonisierend und ­leistungsfördernd beschrieben – sowohl für Männer als auch für Frauen.

Schafgarbe:
Historisch auch als „Jungfrauenkraut“ bezeichnet. Sie wird ­traditionell bei Unterleibsbeschwerden und Zyklus­unregelmäßigkeiten eingesetzt. Geschlechterübergreifend kann sie krampflösend auf den Magen-Darm-Trakt wirken und durch ihre Bitterstoffe die Verdauung anregen.

Mönchspfeffer alias Keuschlamm:
Empfohlen im Mittelalter von ­Hildegard von Bingen und historisch für ­Männer genutzt. Er diente schon ­Mönchen, um den Zölibat leichter leben zu ­können, als Pfefferersatz. Durch seine östrogen­anregende ­Wirkung verhilft er Frauen zu einem regelmäßigen Zyklus (follikel­stimulierend, Linderung bei prä­menstruellem Syndrom), soll allerdings nicht in der Stillzeit eingenommen werden. Seine hormonell aus­gleichende Wirkung ist deshalb für Frauen sehr gut geeignet. Verwendet werden die runden Körner (Pulver oder Trockenextrakt) der strauch­artigen mediterranen Pflanze, die ­bläuliche Blüten trägt und neuerdings auch in unseren Gefilden gedeiht.

Kräutertee: ­Kleine Blätter, große ­Wirkung

Natürliche Helfer

Salbei:
Hilft Frauen im Wechsel bei Hitze­wallungen, hemmt die Schweißbildung. So gesehen auch für Männer relevant.

Himbeerblätter:
Klassisch in der Frauenheilkunde ­eingesetzt, ­insbesondere zur Vor­bereitung auf die Geburt.

Kleinblütiges Weidenröschen:
Gilt tendenziell als Männerkraut. Es kann die Um­­wandlung von Testosteron beeinflussen und wird daher bei gutartiger Prostatavergrößerung sowie ­häufigem Harndrang eingesetzt. Zusätzlich wird ihm eine unterstützende Wirkung auf den Cholesterin­spiegel zugeschrieben.

Sägepalme:
Ursprünglich in Nordamerika be­­heimatet. ­Verwendet werden die Früchte als Extrakt oder Pulver. Sie wird vor allem bei gutartiger Prostata­vergrößerung einge­setzt und beeinflusst hormonelle Umwandlungs­pro­zesse ­ähnlich wie das kleinblütige Weidenröschen.