Gefühlt war es erst gestern, als Ihnen Ihr Kind stolz ein schiefes Herz aus rotem Buntpapier geschenkt hat, heute knallt es die Tür so laut zu, dass die Bilder an der Wand wackeln. Dazu ein vielsagendes „Chill mal!“ – und das nur, weil Sie es darum gebeten haben, das von ihm angerichtete Chaos im Badezimmer zu beseitigen, vom Wohnzimmer gar nicht erst zu reden. Hier auf dem Sofa liegen noch ein Hoodie, ein halb gegessener Apfel und ein Deo, das aktuell im Minutentakt benutzt wird.
Willkommen in der Pubertät! Wo früher „Mamaaa!“ durch die Wohnung hallte, bekommt man jetzt nur noch ein genervtes „Echt jetzt, Digga?“, begleitet von Augenrollen auf Oscarniveau. Und während Sie noch versuchen herauszufinden, wann genau Ihr süßes Kind gegen dieses schwer durchschaubare Wesen ausgetauscht wurde, steckt es längst mittendrin: irgendwo zwischen Kuschelbedarf und maximalem Rückzug, zwischen kindlich und ziemlich erwachsen.
Frühstarter und Spätzünder
Egal ob Mädchen oder Buben, die Pubertät machen alle irgendwann einmal durch. „Die großen Unterschiede liegen vor allem im Startzeitpunkt“, erklärt Werner Schlegel, Facharzt für Kinder- und Jugendheilkunde in Wien. Während bei Mädchen erste Anzeichen oft schon ab acht Jahren auftreten, beginnt die Entwicklung bei Buben im Schnitt etwas später. Das sorgt nicht selten für eine gefühlte Schieflage im Alltag: Hier die Tochter, die plötzlich erwachsen wirkt und über Makeup-Routinen und die aktuellsten Modetrends spricht, dort der Sohn, der noch tiefenentspannt mit seinem Lego spielt. Wissenschaftlich ist nicht eindeutig geklärt, warum das so ist. Klar ist aber: Der berühmte Wachstumsschub kommt bei beiden – nur eben zeitversetzt. Für Jugendliche bedeutet das: Der Körper verändert sich und fühlt sich dabei nicht immer wie der eigene an.
Hormone, Haare und Herausforderungen
Im Hintergrund läuft ein hochkomplexes hormonelles Programm, das den Körper komplett umkrempelt. Zu Beginn werden sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtshormone in kleinen Mengen ausgeschüttet.
Sie geben den Startschuss für Wachstum und Reifung. Sichtbar wird das bei Mädchen etwa durch Brustentwicklung und veränderte Körperformen, bei Buben durch Stimmbruch, Muskelaufbau und erste Barthaare. Klingt nach Biologieunterricht, fühlt sich im Alltag aber eher nach Dauerbaustelle an – inklusive Stimmungsschwankungen, die schneller wechseln als die Lieblings-Playlist auf Spotify. Gerade bei Mädchen kann eine Diskrepanz entstehen: körperlich schon weit, innerlich noch zurück. „Das kann zu Unsicherheiten führen“, sagt Schlegel. Doch auch Buben kämpfen – oft weniger sichtbar – mit Druck, Erwartungen und Gefühlen, die sich nicht so leicht in Worte fassen lassen.
Zwischen kindlich und erwachsen
Für Eltern ist diese Zeit vor allem eines: widersprüchlich. Eben noch wird gekuschelt, im nächsten Moment ist Nähe „cringe“. Gespräche schwanken zwischen tiefgründig und „six-seven“ (übersetzt: Ist mir egal). Die Laune kippt schneller als das WLAN, und manchmal wirkt alles wie ein einziger Stresstest für die Nerven. „Jugendliche verhalten sich in der Pubertät gleichzeitig kindlich und erwachsen, was für Außenstehende oft unlogisch erscheint“, erklärt Schlegel. Genau das macht die Begleitung so herausfordernd – und so wichtig. Es braucht Geduld, Humor und jede Menge Einfühlungsvermögen. Entscheidend ist, die Kommunikation anzupassen, auf Augenhöhe zu sprechen, zuzuhören und Verständnis zu zeigen, ohne sofort zu belehren. „Diese Balance ist entscheidend, um die Pubertät für Ihre Kinder möglichst angenehm und unterstützend zu gestalten“, so der Kinderarzt.
Die gute Nachricht: Die Pubertät geht vorbei. Die noch bessere: Irgendwo zwischen „Chill mal“, Türknallen und Deo-Wolken entstehen Persönlichkeit, Selbstständigkeit und ein neuer Blick auf die Welt. Und wenn Sie zwischendurch das Gefühl haben, Ihr „Puber-Tier“ sei ein kleines Rätsel geworden – keine Sorge: Es ist gerade dabei, sich selbst neu zu erfinden. Und das ist, bei aller Anstrengung, eigentlich ziemlich beeindruckend. Checkst du?