Im Wartezimmer einer Notfallambulanz ist es selten still. ­Seiten werden in Zeitschriften umgeblättert, jemand tippt nervös aufs Handy, ein Kind rutscht unruhig auf dem Sessel hin und her. Dann kommt die Frage der Ärztin oder des ­Arztes: „Wie stark sind Ihre Schmerzen auf einer ­Skala von null bis zehn?“ Eine Frau denkt kurz nach und sagt: „Sechs, vielleicht auch sieben – es zieht bis in den Rücken, und nachts wache ich davon auf.“ Neben ihr zuckt ein Mann mit den Schultern: „Wird schon wieder, ist nicht so schlimm.“ Zwei Menschen, ähnliche Beschwerden – und doch zwei ­völlig unterschiedliche Arten, damit umzugehen.

Schmerz ist eigentlich etwas sehr Konkretes: Da ist ein Signal im Körper, etwas stimmt nicht, etwas braucht Aufmerksamkeit. Und trotzdem wirkt er nie nur körperlich. Er wird bewertet, eingeordnet, manchmal heruntergespielt, manchmal überbetont. Schon kleine Unterschiede im Sprechen darüber können zeigen, wie verschieden Menschen Schmerz wahrnehmen und wie sehr auch Erziehung, Erfahrung und Rollenbilder hineinspielen. Gerade hier beginnt die spannende Frage der Gendermedizin: Warum berichten Frauen häufiger und differenzierter über Schmerzen? Warum neigen Männer eher dazu, sie auszuhalten? Und was sagt das über unseren Körper und über unsere Gesellschaft aus?

Biologie im Schmerzsystem

„Chronische Schmerzen treten bei Frauen deutlich häufiger auf als bei Männern“, erklärt Rudolf Likar, Leiter der Abteilung für Schmerztherapie am Klinikum Klagenfurt. Die Unterschiede sind nicht nur subjektiv wahrnehmbar, sondern auch statistisch klar belegt: Migräne ist bei Frauen rund 2,5-mal häufiger, Spannungskopfschmerz tritt dreimal so oft auf, chronische Verlaufsformen sogar bis zu zehnmal häufiger. Auch Erkrankungen wie Fibromyalgie oder rheumatoide Arthritis betreffen Frauen deutlich stärker.

© Sissi Furgler

Die Ursachen sind vielschichtig. Schmerz entsteht nicht nur dort, wo etwas „weh tut“, sondern im Zusammenspiel von Nerven, Gehirn, Hormonen und Psyche. Besonders das Hormon Östrogen spielt eine zentrale Rolle in der Schmerzverarbeitung. „Schwankungen des Östrogenspiegels führen zu einer niedrigeren Schmerztoleranz bei Frauen“, so Likar. Diese hormonellen Veränderungen beeinflussen die Reizweiterleitung im Nervensystem und damit auch die Intensität, mit der Schmerz wahrgenommen wird. Hinzu kommen genetische Unterschiede sowie Erfahrungen, die sich über Jahre im sogenannten Schmerzgedächtnis verankern können,. Auch psychologische Faktoren wie Angst oder depressive Verstimmungen verstärken die Wahrnehmung.

Rollenbilder und Schmerzverhalten

Neben biologischen Faktoren beeinflussen auch gesellschaftliche Prägungen das Schmerzerleben erheblich. „Frauen und Männer haben unterschiedliche Strategien im Umgang mit Schmerz“, sagt Likar. Frauen nehmen Beschwerden häufig früher ernst, suchen eher ärztliche Hilfe und können Schmerzarten differenzierter beschreiben. Sie sind auch eher offen für ganzheitliche oder ergänzende Therapieformen. Männer hingegen tendieren häufiger dazu, Schmerzen auszuhalten oder sie zu verdrängen. Selbstbehandlung, etwa mit Schmerzmitteln ohne ärztliche Abklärung, ist ebenso verbreitet wie das Ignorieren erster Symptome. Problematisch daran: Schmerzen werden dadurch oft später diagnostiziert und behandelt.

Gesellschaftliche Rollenbilder verstärken dieses Verhalten zusätzlich. Das alte Motto „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ wirkt bis heute nach – oft subtil, aber wirksam. Schmerz zu zeigen, gilt bei Männern noch immer häufiger als Zeichen von Schwäche, während bei Frauen die Kommunikation über Beschwerden gesellschaftlich akzeptierter ist. Dass Frauen bei der Geburt eines Kindes oft als „übermenschlich“ schmerzresistent beschrieben werden, erklärt Likar übrigens mit dem sogenannten „positive outcome“: Die Schmerzen sind mit einem schönen Erlebnis verbunden und werden dadurch deutlich besser ausgehalten als Schmerzen im Krankheitskontext.

Schmerz neu gedacht

Für die moderne Medizin ergeben sich daraus klare Konsequenzen. „Wichtig ist es, Schmerz ernst zu nehmen, auch wenn er subjektiv ist“, betont Likar. Unterschiedliche Wirkungen von Medikamenten spielen dabei ebenfalls eine Rolle: Opioide wirken bei Frauen etwa zwei- bis dreimal stärker, gehen aber auch häufiger mit Nebenwirkungen einher. Auch bei Wirkstoffen wie Gabapentin oder Pregabalin zeigen sich geschlechterspezifische Unterschiede in der Pharmakokinetik, also der Verarbeitung im Körper. Gleichzeitig gilt: Angst, Depression und Stress müssen früh erkannt und mitbehandelt werden, da sie das Schmerzerleben massiv verstärken können. Moderne Schmerztherapie bedeutet daher immer auch psychologische und soziale Begleitung.

Am Ende zeigt sich ein klares Bild: Schmerz ist kein einheitliches Signal, sondern ein hochindividuelles Zusammenspiel aus Biologie, Psyche und Gesellschaft. Oder wie es Likar zusammenfasst: „Erst das Verständnis all dieser Ebenen macht eine wirklich geschlechtersensible Schmerzmedizin möglich.“