Die moderne Medizin wirkt auf den ersten Blick objektiv, präzise und universal gültig. Doch ein großer Teil ihres Wissens basiert historisch auf einem sehr einseitigen Bild: dem männlichen Körper. Er war über Jahrzehnte der Standard in Studien, in Lehrbüchern sowie in der klinischen Praxis und ist es häufig weiterhin. Werte wurden und werden an ihm gemessen, Symptome an ihm beschrieben, Therapien an ihm getestet und Medikamente an ihm dosiert. Dieses medizinische Modell hatte einen Namen, der heute kritisch betrachtet wird: der „Norm-Mann“. Er ist biologisch männlich, jung, durchschnittlich gesund – und er prägte über Jahrzehnte die Vorstellung davon, wie Krankheiten aussehen und wie sie behandelt werden, und tut das auch häufig noch heute.
Das Problem daran ist: Wenn ein System davon ausgeht, dass alle Körper im Wesentlichen gleich funktionieren, wird – wie in diesem Fall – etwa die Hälfte der Bevölkerung, die Frauen, oft schlicht nur mitgemeint, aber nicht wirklich mitgedacht. Geschlechterunterschiede werden dadurch leicht übersehen oder nicht ausreichend in Diagnostik und Behandlung berücksichtigt. Dieses Phänomen hat mittlerweile einen Namen: Der sogenannte „Gender Health Gap“ bezeichnet die gesundheitliche Ungleichheit zwischen den Geschlechtern und macht deutlich, dass es nicht „die eine“ Medizin für alle Menschen geben kann.
Wenn Gleiches ungleich wirkt
Gendermedizin bzw. die geschlechter- und diversitätssensible Medizin setzt genau hier an. Sie geht davon aus, dass biologische Geschlechterunterschiede – etwa bei Chromosomen, Geschlechtshormonen und körperlichen Voraussetzungen – einen direkten Einfluss auf Gesundheit und Krankheit haben. Das klingt selbstverständlich, ist es aber erst seit relativ kurzer Zeit in der medizinischen Forschung. „Es hat lange gedauert, bis die Medizin verstanden hat, dass Frauen keine kleinen Männer sind und dass Studienergebnisse am ‚Norm-Mann‘ nicht automatisch für alle Menschen gelten“, sagt Sabine Ludwig, Professorin für Diversität in der Medizin und Direktorin des gleichnamigen Instituts an der Medizinischen Universität Innsbruck. „Heute weiß man: Für manche Erkrankungen berichten Frauen andere Symptome als Männer, Krankheitsverläufe können sich unterscheiden und Medikamente anders wirken, sodass auch Nebenwirkungen auftreten können.“ Besonders deutlich zeigt sich das am Beispiel des Herzinfarkts. Während bei Männern häufig der klassische starke Brustschmerz im Vordergrund steht, berichten Frauen öfter über Symptome wie Rückenschmerzen, Atemnot, Übelkeit oder extreme Müdigkeit. Diese Unterschiede sind medizinisch entscheidend, sie können darüber bestimmen, ob eine lebensbedrohliche Erkrankung rechtzeitig erkannt wird oder nicht.
Das Problem kann sich auch auf der anderen Seite zeigen: Männer sind etwa bei psychischen Erkrankungen oft unterdiagnostiziert, weil gesellschaftliche Rollenbilder häufig den Zugang zu Hilfe erschweren. Gendermedizin richtet den Blick deshalb nicht nur auf Geschlechterunterschiede, sondern auch auf blinde Flecken in beiden Richtungen. „Wichtig ist, dass bei der Gendermedizin bzw. der geschlechter- und diversitätssensiblen Medizin alle Geschlechter adäquat berücksichtigt werden – es geht um eine insgesamt präzisere, individualisierte und chancengerechte Medizin und Gesundheitsversorgung“, betont Ludwig. In der geschlechter- und diversitätssensiblen Medizin spielt sowohl die biologische als auch die soziokulturelle Geschlechterdimension eine Rolle. Gesellschaftliche Rollenbilder, Lebensrealitäten und Verhaltensmuster haben auch Einfluss auf die Gesundheit, da sie zum Beispiel bestimmen, wie früh Menschen Symptome ernst nehmen, wie sie mit Belastung umgehen oder wann sie medizinische Hilfe suchen. „Nur wer all diese Faktoren berücksichtigt, kann eine adäquate Gesundheitsversorgung für jeden Einzelnen schaffen“, ist Ludwig überzeugt.
Ein Umdenken in der Medizin
Gendermedizin bzw. die geschlechter- und diversitätssensible Medizin ist heute ein Fachgebiet im Aufbruch. Die Datenlage wächst, das Bewusstsein in der Forschung nimmt zu und auch in der Ausbildung von Medizinerinnen und Medizinern wird das Thema zunehmend verankert. Internationale Institutionen wie die European Medicines Agency (EMA) fordern mittlerweile ausdrücklich eine stärkere Berücksichtigung von Geschlechterunterschieden in Studien und Zulassungsverfahren.
Trotzdem ist der Wandel noch nicht abgeschlossen. Viele medizinische Standards stammen weiterhin aus einer Zeit, in der der Blick auf den menschlichen Körper deutlich enger war. Entsprechend langsam verändert sich auch die Praxis im Alltag. „Es geht nicht darum, Medizin neu zu erfinden“, sagt Ludwig, „es geht darum, sie chancengerechter und diversitätssensibel zu machen.“ Denn je genauer die Medizin hinsieht, desto besser kann sie behandeln. Und je weniger sie vom Durchschnittsmenschen ausgeht, desto näher kommt sie der Realität: einer Vielfalt an Körpern, Lebensweisen und gesundheitlichen Bedürfnissen.