Katharina Maitz erinnert sich an Scheu und Skepsis, als die ersten KI-Werkzeuge wie ChatGPT erstmals vor drei Jahren breitere Bekanntheit erlangten: „Viele Lehrerinnen und Lehrer standen dem sehr ablehnend gegenüber. Sie sahen, wie schnell sich die Schülerinnen und Schüler mit der neuen Technologie zurechtgefunden haben und fühlten sich überholt und abgehängt“, sagt die Soziologin und Inklusionsforscherin, die sich auf Themen der Digitalisierung spezialisiert hat. An der PPH Augustinum ist sie am internationalen Forschungsprojekt „AI-Teach“ beteiligt, das angehende Lehrkräfte dabei unterstützen soll, den Abstand zum aktuellen Stand der Technik wieder aufzuholen.
„Wir wollen zukünftige und aktive Lehrerinnen und Lehrer zum kompetenten, reflektierten und kritischen Umgang mit Künstlicher Intelligenz befähigen“, fasst Maitz das Projektziel zusammen. Beteiligt sind Universitäten und Pädagogische Hochschulen aus ganz Europa, die gemeinsam digitale Trainings und internationale Sommerkurse für Lehramtsstudierende entwickeln. Damit soll gegen die Unsicherheit angekämpft werden, die nicht nur Hochschullehrende in Bezug auf KI nach wie vor verspüren: „Von Beginn an stellten sie sich die Frage, ob Studierende oder Schüler KI für ihre Arbeitsaufträge verwendet hatten, wie mit so einem Verdacht umzugehen sei. Heiß diskutiert wurde auch, ob es neue Prüfungsmethoden brauche“, sagt Maitz.
Ethische Fragestellungen
Um die Diskussion auf eine faktenbasierte Ebene zu bringen, wurde den Lehrpersonen zunächst auf den Zahn gefühlt. In umfangreichen Fokusgruppeninterviews in den verschiedenen Projektländern kamen Hochschullehrende, Forschende und Lehrkräfte der Unterstufe zu Wort. „Schön und spannend war zu sehen, dass in allen Ländern besonders die ethischen Fragestellungen zum Einsatz von KI in der Schule ein Anliegen waren. Die Befragten waren sich aber nicht einig, ob KI nun zu mehr Chancengleichheit oder verstärkter sozialer Ungerechtigkeit beitragen würde“, sagt Maitz. Was sie aus den Interviews aber klar herausfiltern konnte: Dass KI nicht nur aus der technischen Perspektive heraus betrachtet werden dürfe, sondern auch Aspekte wie Nachhaltigkeit (enormer Ressourcenverbrauch), wirtschaftliche Interessen (wer verdient daran?) und Wertesysteme (KI-Werkzeuge kommen vorwiegend aus USA und China) mitbedacht werden müssen.
In der Lehrerbildung spielt KI bisweilen noch keine große Rolle. Das ist ein weiteres Ergebnis der Vorerhebungen, die im Rahmen des Projekts durchgeführt wurden, so Maitz: „Es war überraschend zu sehen, dass in den meisten Ländern KI nur am Rande, vielleicht als Teil der Informatikausbildung von Lehrerinnen und Lehrern angeschnitten wird.“ Dennoch soll kein eigenes KI-Curriculum für die Lehrerbildung entstehen, sondern ein „Inhaltsportfolio“: einzelne Bausteine, die an den Pädagogischen Hochschulen in die bestehenden Lehrpläne integriert werden können. Maitz warnt davor, das Thema KI isoliert zu betrachten, weil dieser einseitige Zugang zu blinden Flecken führen könnte.
Bewusster Umgang mit KI
Stattdessen sollen Lehrer dazu angehalten werden, im Umgang mit KI ihrer Vorbildwirkung bewusst zu sein: „Gerade im Bildungsbereich ist es zentral, Schülerinnen und Schüler frühzeitig einen kritischen Umgang mit KI-Werkzeugen zu vermitteln. Für Lehrerinnen und Lehrer bedeutet das, den eigenen Umgang damit zu reflektieren“, sagt Maitz. Dazu gehöre auch das Bewusstsein, dass nicht alles, was die KI an Antworten ausspuckt, auch der Wahrheit entsprechen müsse.
Die wenigsten würden sich die Zeit dafür nehmen, alle Fakten genau zu prüfen, obwohl sie eigentlich wissen, dass KI auch falsche Informationen ausgeben kann. „Oft fehlt die Zeit für ein genaues Überprüfen, oft ist es einfach Bequemlichkeit, die einen kritischen Fakten-Check verhindert“, gibt Maitz zu bedenken. Auch dafür gelte es, Bewusstsein zu schaffen – auch eine Zielvorgabe im Projekt „AI-Teach“.