Den typischen Lehrling stellt man sich als Teenager vor, ganz klar. Aber diese Vorstellung sollte man vielleicht noch einmal überdenken und sich den einen oder anderen Lehrling im mittleren Alter vors geistige Auge rufen. Denn die Karrierewege sind heute weitaus kurvenreicher als in vergangenen Generationen.
Christa Maria Kraigher, Projektkoordinatorin der Bildungsberatung Kärnten, gefördert durch die AK Kärnten, weiß: „Die Arbeitswelt verändert sich, die Wirtschaftslage ebenso. Arbeitgeber wie Arbeitnehmer müssen mehr denn je flexibel sein. Der zweite oder dritte Bildungsweg ist keine Ausnahme mehr. Exoten sind heute diejenigen, die seit Ausbildungsabschluss in ihrem ursprünglichen Feld arbeiten und beim selben Arbeitgeber sind.“ Die Gründe für diesen bewegten Arbeitsmarkt sind vielfältig. Ein wichtiger Aspekt sind Berufsbilder, die sich im Wandel befinden. Kraigher: „Ich hatte beispielsweise einen Schuhmacher in der Beratung, der immer gut und gerne in seinem Job gearbeitet hat. Aber dieser Beruf stirbt leider aus. Dafür entstehen auf der anderen Seite wieder viele neue Berufe, etwa im Bereich Green Jobs.“
Eine andere Motivation, sich auf den zweiten Bildungsweg zu machen, hängt mit dem jugendlichen Alter zusammen, in dem man in Österreich häufig schon eine Berufswahl trifft. „Bei uns lassen sich auch Menschen beraten, die einfach sagen: Ich möchte mir meine Träume erfüllen. Wenn etwa die Eltern eine Lehre als
Friseurin super fanden und darauf gedrängt haben. Und die fertige Friseurin dann irgendwann merkt, dass sie eigentlich viel lieber Tischlereitechnikerin wäre. Und das ist ja auch möglich. Eine Lehre zu absolvieren ist nichts Endgültiges. Ausgelernt war man früher einmal. Heute gehört lebenslanges Lernen einfach dazu.“
Chancen & Herausforderungen
Wobei eine Lehre im Erwachsenenalter auch Herausforderungen parat hält. Christa Maria Kraigher sagt: „Wenn jemand – egal ob jugendlich oder erwachsen – bereits mitten im Leben steht und Verantwortung trägt – z. B. eine Familie zu versorgen hat und für Fixkosten aufkommen muss, ist eine Lehre schwieriger umzusetzen als für jemanden, der noch bei den Eltern wohnt.“
Denn ein Lehrlingsgehalt ist für Quereinsteiger mitten im Berufsleben nicht unbedingt attraktiv, obwohl es zum Glück einige hilfreiche Förderungen in diesem Bereich gibt. Die Lehre für Erwachsene ist eine davon, wo sich der Betrieb bereit erklärt, anstatt dem Lehrlingsentgelt auf Basis des Hilfsarbeiters zu entlohnen und finanziell unterstützt wird.
„Aus unserer Sicht wäre es jedoch langfristig wichtig, Regelungen innerhalb des Kollektivvertrages zu treffen, die adäquate Rahmenbedingungen für erwachsene Lehrlinge bieten. Das brächte eine Win-Win-Situation: Betriebe bilden sich ihre Fachkräfte aus und Arbeitnehmer erhalten Qualifikation zu einem Gehalt, mit welchem Leben, Familie und Ausbildung realisierbar sind.“
Eine Erleichterung, die es heute schon gibt, ist die Möglichkeit des außerordentlichen Lehrabschlusses. Unter bestimmten Voraussetzungen können Erwachsene damit in einem Unternehmen voll mitarbeiten und bereits nach der Hälfte der eigentlichen Lehrzeit zur Lehrabschlussprüfung antreten. „Das kann bestens funktionieren. Wir haben etwa einen Mann mit Migrationshintergrund beraten, der als Küchenhilfe in einem Betrieb anfing, nebenbei seinen Lehrabschluss als Koch nachholen konnte und sich bis zum Küchenchef hochgearbeitet hat.“
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