Wer sich eine neue Gefriertruhe der Energieeffizienzklasse A in die Küche stellen möchte, sollte davor sicherstellen, dass das Teil auch durch die Wohnungstür passt. Oder in Kauf nehmen, dass man für die Neuanschaffung den Eingangsbereich komplett umbauen muss. Ohne die entsprechenden Rahmenbedingungen macht das Teil wenig Sinn. Bei der Diskussion über die Energiewende verhält es sich ähnlich: Wenn wir in erneuerbare Energien investieren wollen, sollen wir vorher sicherstellen, dass wir ein Stromnetz haben, das über ausreichend Kapazitäten verfügt, um die Energie integrieren und nutzen zu können.
Am 4. September präsentierte sich die österreichische Firma Austrian Power Grid bei der Primus Business Stage der Kleinen Zeitung. Rund 40 BesucherInnen folgten der Einladung in die Räumlichkeiten der Wiener Redaktion am Lobkowitzplatz und erlebten eine spannende und aufschlussreiche Podiumsdiskussion. Im Rahmen dieser stellten sich Gerhard Christiner, Vorstandssprecher von Austrian Power Grid, und Markus Tomaschitz, Unternehmenssprecher von AVL List, den Fragen von Manfred Neuper, Ressortleiter Wirtschaft der Kleinen Zeitung. Das Thema: Wie kann unser Wirtschaftssystem im Zuge der Energiewende zukunftsfähig bleiben?
Wenn man über das Stromnetz spreche, müsse man immer über das Gesamtsystem sprechen, erklärte Gerhard Christiner. Strom sei die Quelle unseres Lebens. Und er müsse nicht nur in ausreichender Menge, sondern auch in möglichst hoher Qualität verfügbar sein. Christiner wies weiter darauf hin, dass wir in Sachen Stromsystem „im Erbe unserer Großeltern leben“. Und jetzt stünden wir vor der Herausforderung die Netze für die Transformation des Energiesystems fit zu machen.
Laut Tomaschitz habe die Energiekrise ein Umdenken auf Unternehmerseite beschleunigt. Eine verlässliche und leistbare Energieversorgung sei ein wesentlicher Faktor dafür, wie gut der Wirtschaftsstandort Österreich aufgestellt ist. „Insgesamt hat Europa in dieser Hinsicht gegenüber anderen Regionen keinen Wettbewerbsvorteil.“
Erneuerbare Energie braucht Netzausbau
„Wir haben über die vergangenen zwei Jahrzehnte immer wieder darauf hingewiesen, dass unsere Netze an die Grenzen ihrer Kapazität gelangen“, so Christiner. „Aber niemand hat uns ernst genommen, weil der Strom immer aus der Steckdose kommt. Strom ist ein Just-in-Time-Produkt, bei dem sich Angebot und Nachfrage immer in Balance halten müssen. Unsere Kunden wissen aber nicht, dass wir immer öfter ins Stromsystem eingreifen und den Stromfluss korrigieren müssen, um die sichere Stromversorgung möglich zu machen.“ Diese korrektiven Notmaßnahmen kosten pro Jahr rund 100 bis 120 Millionen Euro.
Laut Christiner habe sich das Bewusstsein über die Defizite des bestehenden Netzes dadurch erhöht, dass sich private Häuslbauer PV-Anlagen aufs Dach installieren ließen und merkten, dass sie den Strom, den sie damit produzieren, nicht mehr abtransportieren konnten. „Da hat die interessierte Bevölkerung gemerkt, dass es Defizite gibt, und das spüren wir in weiterer Folge auch in Gesprächen mit der Politik.“
Mittlerweile sei also angekommen: Ein Ausbau der Erneuerbaren muss mit einem weiteren Ausbau der Infrastruktur einhergehen. „Sonst stellen wir Wind und PV-Anlagen in die Landschaft und können den Strom, den wir damit produzieren, nicht nutzen.“
Land der Zweifler
Wenn also ein Konsens darüber besteht, dass wir neue Stromnetze brauchen, warum tun wir es nicht? „Wir nehmen uns in Österreich Ziele vor, bezweifeln diese aber sofort“, meint Christiner. „Wir reden die Energiewende schlecht, dabei hat sie in Wahrheit viel Potenzial!“ In Österreich herrsche darüber hinaus eine „Nie-genug“-Einstellung, meint Tomaschitz. „Egal, was man im wirtschaftlichen Sinne tut, es ist grundsätzlich negativ. Und das schadet uns massiv. Da geht das ‚Mojo‘ verloren, das man in China und in den USA spürt.“ Nach der rund einstündigen Diskussion stellten sich Christiner und Tomaschitz den Fragen der interessierten – und teilweise sehr fachkundigen – Gäste. Und dann ging es ab zum Buffet.
Das Netz der Zukunft
Als unabhängiger Übertragungsnetzanbieter verantwortet Austrian Power Grid (APG) die sichere Stromversorgung Österreichs. Mit leistungsstarker digitaler Strominfrastruktur sowie der Anwendung von State-of-the-art-Technologien integriert APG die erneuerbaren Energien, schafft Zugang zu preisgünstigem Strom und bildet so die Basis für einen versorgungssicheren sowie zukunftsfähigen Wirtschafts- und Lebensstandort. Das APG-Netz erstreckt sich auf einer Trassenlänge von etwa 3.400 km, welches das Unternehmen mit einem Team von rund 900 Spezialistinnen und Spezialisten betreibt und laufend den steigenden Anforderungen der Elektrifizierung von Gesellschaft, Wirtschaft und Industrie anpasst. Über die Steuerzentrale im 10. Wiener Gemeindebezirk wird ein Großteil der insgesamt 67 Umspannwerke, die in ganz Österreich verteilt sind, remote betrieben. Die Versorgungssicherheit lag 2023 bei 99,99 Prozent; das liegt im weltweiten Spitzenfeld. Im Jahr 2024 hat APG bereits 445 Millionen Euro und im Jahr 2023 490 Millionen Euro investiert. Insgesamt wird Austrian Power Grid bis 2034 rund 9 Milliarden Euro in den Netzaus- und -umbau investieren.
www.apg.at