Dach- und FassadenbegrünungWie grüne Dächer unsere Städte kühlen könnten

Wie begrünte Dächer und Fassaden unsere Städte kühlen könnten, und warum auch Investoren oder Hausbesitzer von mehr Grün profitieren, erklärt Planer Conrad Amber.

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„Bosco Verticala“, der vertikale Garten in Mailand
Auf rund 400 Terrassen wachsen 800 Bäume, 4500 Sträucher und über 15.000 weitere Grünpflanzen und Kräuter © (c) Arcansél - stock.adobe.com
 

Parks sind voll, Wohnungen mit Garten heiß begehrt – die Sehnsucht nach dem Grün im Grau ist groß. Warum gibt es dann nicht schon viel mehr Gründächer oder -fassaden?
Conrad Amber: Hier spielen alte Denkmuster mit, aber auch Ängste von Planern, Architekten und Besitzern, weil die Natur nicht so beherrschbar ist wie ein Kiesdach. Manche Baukünstler sehen die Natur auch als Fremdkörper an. Es gibt noch sehr viele starre Haltungen, die nicht mehr zeitgemäß und zum Teil sogar unverantwortlich sind, denn wir alle müssen uns auf die neuen klimatischen Zeiten einstellen.

Grün im Grau der Stadt
Die Grünfassade der MA 48 in Wien Margareten feierte im Vorjahr ihren zehnten Geburtstag. Auf 850 Quadratmetern Fassade wurden bei der Sanierung rund 17.000 Pflanzen eingesetzt. Berechnungen zufolge spart die Begrünung 45 Klimageräte im Jahr ein Foto © Conrad Amber
Inwiefern kann mehr Grün in der Stadt bei Hitze helfen?
Überall, wo es Grünfassaden oder -dächer gibt, wird im Sommer das Mikroklima heruntergekühlt. Die Blattoberflächen der Bäume und Pflanzen können nicht wärmer als 33 Grad werden. Das gelingt durch Selbstbeschattung, pflanzliche Eigenschaften und das Verdunsten von Wasser. Wenn wir diese Flächen vervielfältigen, können wir das Klima eines Viertels oder einer ganzen Stadt nachhaltig beeinflussen. Im Sommer ist eine Abkühlung von bis zu drei Grad möglich.

Zur Person

Conrad Amber ist Naturforscher sowie Planer und Entwickler von Grünprojekten. www.conradamber.com
Buchtipp: Bäume auf die Dächer. Wälder in die Stadt!, Kosmos Verlag, 20,40 Euro.


Gründach statt Klimaanlage?
Überspitzt gesagt: ja. Obwohl wir hier unterscheiden. Es gibt die extensive Begrünung, sie braucht nur wenig Substrataufbau und lässt auch nur wenige Pflanzen zu. Und es gibt die intensive Begrünung, wo mehr Substrate aufgetragen werden und somit auch größere Pflanzen leben können. Je höher der Substrataufbau ist, also die Beschichtung durch Humus und die Pflanzen, umso größer ist auch die Kühlwirkung im Sommer. Wir haben viele Vergleichsflächen, in denen die Klimaanlage tatsächlich nicht mehr gebraucht wird. Eine ähnliche Wirkung gibt es auch bei begrünten Fassaden.
Welche Dächer sind für eine Begrünung geeignet?
Alle Flachdächer halten aus statischer Sicht eine extensive Begrünung aus. Wenn höhere Substrate oder Hügelaufschüttungen möglich sind, dann entsteht ein Garten mit Blumen, Sträuchern und Stauden. Eine intensive Begrünung kann zu einer zweiten Gartenfläche werden – für Mensch und Nützlinge.

Diese Pflanzen sind für eine Dachbegrünung geeignet

  1. Das Klima auf dem Dach ist extrem – hohe Temperaturen, wenig bis kein Schatten und starker Wind. Das halten nicht alle Pflanzen aus. Hier eine Liste an geeigneten
    Kandidaten für das Gründach.

  2. Unter anderem sind Sedum-Arten wie Mauerpfeffer, Hauswurz oder Fetthenne für eine Dachbegrünung geeignet. Sie vertragen Trockenheit und sind vor allem besonders pflegeleicht.

  3. Auch südliche, verholzende Arten wie Lavendel und Rosmarin fühlen sich auf dem Dach wohl, weil hier ein ähnliches Klima wie in Süditalien herrscht, erklärt Conrad Amber.

  4. Außerdem gut geeignet: Johannisbeere, Kornelkirsche, Haselnuss, Hartriegel und Feldahorn. Durch Verbreitung von Samen durch den Wind passiert aber auch viel von selbst, so Amber.

Kann das Dach dabei beschädigt werden?
Dachbegrünungen sollte man prinzipiell mit Profis machen. Wichtig ist es, eine wurzeldichte Abdichtung zu haben. Die Erfahrungen zeigen aber, dass begrünte Dächer im Schnitt sogar eine doppelt so lange Lebensdauer haben wie ein herkömmliches Kiesflachdach. Es entstehen viel weniger Schäden durch UV-Strahlen, Hitze, Frost oder Temperaturschwankungen. Man spart sich Geld, was Investoren und auch Hausbesitzer interessieren sollte.
Der Dachgarten liegt auf 13 Metern Höhe
Die „Sargfabrik“ in Wien bietet den Bewohnern einen Alpen-Steingarten und einen Bereich für den Anbau von Gemüse oder Naschobst Foto © Wolfgang Zeiner

Und die Kosten?
Grundsätzlich kostet die Anlage eines Gründaches am Anfang mehr als ein Kiesdach. Man spart sich aber Energiekosten für Kühlung und Heizung, man hat eine längere Lebensdauer und wesentlich längere Investitionsintervalle. Außerdem schafft man zusätzlichen Erholungsraum, wo man auch eigene Lebensmittel anbauen kann.