Liebe Leserin, lieber Leser!
Ich war mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob dieser Fall einen weiteren Kommentar braucht. Zu oft gibt es zu viele Meinungen und Wortmeldungen zu ein und demselben Thema. Ich mache mir nichts vor: Auch in diesem Fall wartet keiner auf eine Wortmeldung von Julian Melichar.
Aber so einfach ist es dann doch wieder nicht – im Fall von Collien Fernandes. Die Schauspielerin ist mit schweren Vorwürfen gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen an die Öffentlichkeit gegangen.
Es ist deshalb nicht so einfach, weil auf jede weitere Nachricht von Gewalt an Frauen auffälliges männliches Schweigen folgt. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen? Nein, so leicht dürfen wir es uns nicht mehr machen. Vielleicht braucht es also doch noch einen (männlichen) Einwurf.
Eine weitere männliche Reaktion ist ebenfalls weit verbreitet. Sie hängt mit Ersterer zusammen. Und wenn ich ehrlich bin, ist sie mir nicht ganz unbekannt. Es ist die Frage: „Was hat das alles mit mir zu tun?“ Diese Frage stellte ich meiner Partnerin ebenfalls. Es war die trotzige Erwiderung auf die weibliche Empörungswelle, die einem auf Social Media nach Bekanntwerden des Falles Fernandes entgegenschlug. Plötzlich waren Männer als solche das Problem – man dürfe ihnen erst gar nicht über den Weg trauen, sie seien am Ende des Tages alle Teil der Gewalt, hört man da. Das war mir zu viel Verschwörungsschwurbelei.
Ich denke, meine Partnerin hat verstanden, warum ich reagierte, wie ich es tat. Und trotzdem ließ sie den Punkt nicht gelten. Es ginge gerade um ganz andere Dinge, hielt sie mir entgegen. Und sie hatte recht. Wer die Täter bei „den Ausländern“ oder bei kranken Einzelgängern verortet, macht es sich zu einfach. Es sind nicht nur die anderen. Es sind Männer von nebenan.
Entschuldigen Sie den Vergleich, aber ich finde, er ist zulässig. Mich erinnert die Debatte durchaus an jene Forderungen, die wir nach einem islamistischen Anschlag stellen. Die „normale“ muslimische Glaubensgemeinschaft solle sich doch bitte glaubhaft und laut gegen die Schlächter in den Kampf werfen, die ihre Religion in Misskredit bringen.
Müssten wir Männer, jedweder Couleur, jetzt nicht irgendwie das Gleiche machen? Laut sein, uns zeigen, ein „Kein Weiter wie bisher“ signalisieren? Um die feinen Meinungsverschiedenheiten, die diskursiven Unschärfen könnten wir uns doch auch später kümmern. Zunächst sollten wir: zuhören, verstehen, lernen. Betroffenheit ist keine Makulatur.
Nicht alle Männer sind Täter, schon klar. Davon bin ich weiterhin überzeugt. Aber es sind alle Männer gefragt, um diese Unwucht in den Griff zu bekommen.
Das soll jetzt keine Selbstbeweihräucherung werden. Es gibt da diesen neudeutschen Begriff „Red Flag“ – „Warnhinweis“ sozusagen. Männer, die sich offensiv als Feministen bezeichnen, sind so eine „Red Flag“ für mich. Allzu oft versteckt sich hinter solchen Behauptungen nichts – oder peinliche Frauenversteher, die sich danach verzehren, für ihre performative Selbstinszenierung einen Orden zu bekommen. Für das absolute Minimum. Oder aber Machos unter dem Tarnmantel der Erleuchteten. Das sind dann nicht selten die Alternativlinge, die nach drei Bier ihre Manieren verlieren.
Dabei ist Feminismus gar keine woke Beschäftigungstherapie. Es ist eine Notwendigkeit. Gleiches Geld bei gleicher Arbeit, gleiche Maßstäbe, gleiche Verantwortung. Fairness. Ein Ende des Drucks, der Gewalt.
Nun debattiert das Land über Deep-Fake-Missbrauch – und neue Gesetze zur Prävention sollen in die Welt gewuchtet werden.
Das kann schon helfen. Aber es ist an sich schon wieder ein Davonstehlen aus der Verantwortung. Die Gesellschaft erwartet sich Maßnahmen aus der Politik, die Politik verweist wiederum auf die Justiz. Und weiter unten in der Kette wird Erziehung an Lehrerinnen und Lehrer delegiert – oder von Vätern an Mütter weitergereicht.
Auch das rigideste Gesetz wird Rollenbilder und Sozialisierungsschablonen nicht ausmerzen. Versatzstücke und Veranlagungen, die lange vor jeder Straftat, jeder Belästigung, jedem Missbrauch ein jahrhundertealtes System namens Patriarchat aufrechterhalten. Es gibt diese unscheinbare Verachtung gegenüber Frauen, machen wir uns nichts vor. Ihr entgegenzutreten, bleibt eine Aufgabe, die jeden Einzelnen betrifft.
Es fängt beim Belächeln und Abtun der Probleme an. All die „Wer weiß, was wirklich war“, all die „Ja, aber“-Sprüche. Bevor wir Berichten von Frauen Glauben schenken, fragen wir lieber nach, was die Frau denn angehabt hat, ob sie nicht vielleicht übertreibt oder ob das Ganze vielleicht doch eine fiese Racheaktion sein könnte.
Und dann spreche ich noch gar nicht darüber, dass man in Deutschland, wenn man Jus studiert, sattelfest in Sachen Hypothekenrecht sein muss, während das Sexualstrafrecht links liegen gelassen werden kann. It is a man‘s world.
Und weil ich vorhin von Männern gesprochen habe, die mehr zuhören sollten, habe ich das auch gleich selbst in die Tat umgesetzt und eine befreundete Juristin angerufen. In Österreich ist es nicht viel anders, meint sie. „Wir haben auf der Uni ein ganzes Semester lang jedes kleinste Detail über das Rechtssystem im alten Rom gelernt. Das war Pflicht“, erzählt sie. Sexualstrafrecht wurde gestreift, mehr nicht.
Es sind dumme Sprüche, die wir überhören, unangenehme Nähe, die wir als amikalen Charakterzug abtun. Oft fehlt der Mut, etwas zu sagen. Er fehlte auch bei mir. Und ja: Auch ich war schuld. Und ich bin es sicher immer noch.