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100 Jahre Burgenland: eine Rundreise

100 Jahre ist das jüngste Bundesland alt. Ein Streifzug durch das Land und seine Geschichte. Ein Dossier.

Was das Burgenland ist

Die Geschichte einer begrenzten Entgrenzung

Während anderswo in den Roaring Twenties die Welt tanzte und feierte, wurde irgendwo in Mitteleuropa das Burgenland geboren. Einblicke in ein durchlässiges Land der Gegensätze.

Wann ich das erste Mal über das Burgenland geschrieben habe? Es ist schwer zu sagen. Das Burgenland ist Hintergrundkulisse in vielen Texten über meine Kindheit, ist unerkannte und dennoch erkennbare Landschaft in fiktionalen Geschichten, ist oft umgeackertes Feld für Auftragstexte aller Art. Am deutlichsten jedoch bin ich in meinem letzten Buch geworden: In Chikago geht es explizit um das Burgenland. Um das, was es war, um das, was es ist – und am meisten wohl um das, was es nicht ist. Als ich an dem Buch zu schreiben begann, lag das 100-jährige Landesjubiläum noch ein paar Jahre in der Zukunft. Gleichzeitig wirkte das Jahr 1921 – denn der Roman beginnt aus naheliegenden Gründen genau dann – ungewöhnlich vertraut, nicht so, als wäre es schon knapp ein Jahrhundert her: Man denke nur an die Roaring Twenties, an Flapper Girls, an amerikanische Pistolengangster in feinem Zwirn und an den großen Börsencrash 1929.

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Diese Periode schien seltsam modern, wirkte auf eigenartige Weise zeitlos. Ich erinnere mich, dass eine der großen Fragen, mit denen ich an das Schreiben des Buches ging, diejenige war, inwiefern dieses Bild überhaupt je einer Realität entsprochen hatte. Und wenn ja, wessen Realität es entsprochen hatte und wie es um diejenigen Menschen bestellt war, die in den Szenen großstädtischer Feiern, alkoholgeschwängerter Pokerrunden und ausufernder Schießereien keinen Platz gefunden hatten. Ein Charakteristikum dieses Jahrzehnts war – und das ist wohl, was uns daran unterschwellig so interessiert –, dass es das erste fast vollständig medialisierte Zeitalter unserer Geschichte darstellt: Es gibt nichts, was nicht auf Film, Tonträgern, Werbeplakaten oder Fotos dargestellt wurde, deren Ästhetik wir mit dem uns heute geläufigen visuellen Vokabular noch bestens entschlüsseln können. Die Ära wurde zu ihrer eigenen Legende: Gleichzeitig passierte irgendwo in Mitteleuropa, in einem verhältnismäßig unbedeutenden Landstrich bäuerlichen Zuschnittes, etwas ganz anderes.

Ein Land gebar sich unter schmerzhaften Wehen selbst. Die Gleichzeitigkeit, das seltsame Verhältnis, in dem Welt und Moderne zu dieser Region standen, die davon so unberührt wirkte, es aber beileibe nicht war – das sollte das Material werden für mein Buch. Und es zeigte sich: Diese Geschichte – die Geschichte des Burgenlandes – war mehr als ergiebig.

Das Burgenland liegt am Ende, ist aber im selben Atemzug der Beginn von etwas Neuem

Was es war.

Deutschwestungarn, drei vertikal aufgestapelte Komitate; Teil Ungarns, gleichzeitig Teil des österreichischen Kaiserreiches: Das war die Region, die bald den Namen Burgenland tragen sollte. Sie war nach jeder Richtung hin ein ausfransendes Ende – einmal das Ende Ungarns, nun das Ende eines neuen, kleinen Österreich. Der Region kam eine besondere Bedeutung zu: Sie war das einzige Gebiet, das Österreich nach dem Ersten Weltkrieg gewann. Umso dringlicher das Ringen darum, das neu geschaffene Bundesland zu halten. Nach Monaten teils erbitterter Kämpfe, einer versuchten, aber gescheiterten Landnahme, nach Neuverhandlungen und einer Volksabstimmung war es schließlich doch so weit: Das Burgenland wurde tatsächlich – wenn auch der intendierten Hauptstadt Sopron verlustig gegangen – Teil Österreichs. Eine neue Geschichte konnte beginnen. Aber welche genau?


Das, was es ist.

In Chikago finden sich zwei Schwestern zwischen den Fronten der Weltpolitik: Das Buch beginnt genau zu der Zeit, in der noch nicht klar ist, was werden würde. War man nun Ungarin oder Österreicherin? Wie stand es um die eigene Zukunft, wie um die der Region? Konnte man die eigene Identität, die ohnehin immer so schwer in Worte zu fassen ist, behalten? Mitte 1921, als die Fronten noch keineswegs geklärt waren, wandern sie aus – nach Amerika. Abertausende sollten es ihnen in den folgenden Jahren gleichtun. Das Burgenland ist eine Region, die bis heute von Migration geprägt ist: Im 20. Jahrhundert verließen viele Menschen in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft das Land, die meisten in Richtung USA und Kanada. Und auch heute migrieren wir, nur unser Radius hat sich verkleinert: Ein beträchtlicher Teil der Burgenländer/-innen pendelt täglich nach Wien oder hat den Wohnsitz gleich dorthin verlegt. Viel hat sich in den letzten 100 Jahren verändert: Die wirtschaftliche Not ist fast ganz verschwunden, die Autos und mit ihnen die zubetonierten Flächen sind gekommen. Mit Eisenstadt hat ein Ort die Hauptstadtwürde erlangt, von dem man nur mit größter Mühe nicht in der Verkleinerungsform sprechen kann.

Es gibt einen Nationalpark, es gibt raue Mengen von kleinwürfeligen Einfamilienhäusern, die unregelmäßig über die Landschaft versprenkelt sind. Mein Heimatdorf hat soeben einen eigenen Supermarkt samt Bankomat erhalten, was durchaus ein Novum darstellt. Ebenso ist vieles gleich geblieben: Nach wie vor ist das Burgenland ein durch und durch ländlicher Raum, nach wie vor liegt es an der Peripherie. Aber vielleicht sollte man gar nicht danach fragen, was das Burgenland genau ist. Mir scheint es erhellender, davon zu sprechen, was es auf unglaublich einnehmende Weise nicht ist.

Das, was es nicht ist.

Was mir am Burgenland immer besonders gut gefallen hat, ist seine Uneindeutigkeit. Das Land besteht aus Grenzen und straft gleichzeitig den Begriff der Grenze Lügen: Im Burgenland verfließen die Dinge, die Landschaften, die Mentalitäten. Ein wesentlicher Teil dieser Region sind die Minderheiten, die kroatisch-, die ungarisch-, die romanessprachigen Menschen. Ohne innezuhalten, wird im selben Satz von einer Sprache in die andere gewechselt. Es gibt Kulturzentren, die mehrsprachig funktionieren – die Sprachgrenze, die nur da ist, um fröhlich darüber hinwegzusteigen. Es gibt unglaublich aufgeschlossene Menschen, die sprichwörtlich im letzten Winkel des Landes leben und dort wundervolle Kultureinrichtungen betreiben. Das Burgenland liegt am Ende, ist aber im selben Atemzug der Beginn von etwas Neuem: Es ist eine Peripherie im Zentrum Europas. Das Burgenland changiert je nach Betrachtungsweise und –winkel, es ist kein abgeschlossener Ort, über den man ein abschließendes Fazit sprechen könnte: Für mich ist das Burgenland ein Zustand, von Grenzen und vermeintlichen Gegensätzen durchzogen und dennoch durchlässig. In diesem Sinne: Auf die nächsten 100 Jahre! Denn die Geschichte des Burgenlandes hat gerade erst begonnen.

Foto © Autorin Theodora Bauer

Zur Autorin

Theodora Bauer, geboren 1990, hat Publizistik und Philosophie in Wien studiert. 2014 hat sie ihren
Debütroman „Das Fell der Tante Meri“, 2017 „Chikago“ (2017) im Picus-Verlag veröffentlicht. Sie moderiert die Literatursendung „LiteraTour“ auf Servus TV.

 

Neusiedlersee

Das „Meer“ in der Steppe, das Salz im Weinglas

Er ist Österreichs größter See. An seinen Ufern wuchert das Schilf, wachsen beste Trauben und wütete ein Weinskandal. Heute ist der Neusiedlersee Spielplatz für Sportler, Bühne für Künstler, Heimat von Bootsbauern und Herzensanliegen von Naturschützern. Ein Porträt.

Eine entspannte Ruhe hat sich wie ein Mantel über den See gelegt. Nur noch vereinzelt finden sich frostfeste Radfahrer auf den Panoramarouten entlang der Ufer. Nur noch wenige windhungrige Kitesurfer trotzen in daumendicken Neoprenanzügen der Novemberkälte. Die Shops sind zu, die Campingplätze leer, die Ausflugsboote eingewintert, das Seebühne-Areal in Mörbisch verwaist. Die Saison ist zu Ende. Der Neusiedlersee gehört wieder sich selbst. Auch bei Stefan Knoll beginnt nach dem kommenden Martini-Wochenende die ruhige Zeit. Knoll führt in dritter Generation das familieneigene Schifffahrtsunternehmen in Podersdorf. 1953 hatte sein Großvater mit Ruder- und Segelboot begonnen, seit 1961 sind auch Motor- und mittlerweile auch Elektroboote in der Flotte, allesamt Marke Eigenbau. Angeboten werden Rund-, Linien- und Spezialfahrten. Eine Handvoll Familiendynastien teilen sich mit deckungsgleichen Angeboten diesen maritimen Markt.

Foto © Kitesurfen: der See ist ein Mekka für Wassersportler


Was es sonst noch braucht? Erfahrung. „Man muss wissen, wo die seichten Stellen sind, sonst schlägt man mit den Propellern auf“, erklärt Knoll. Es bleibt volatiles Terrain. Denn durch den Wind verändert sich auch die Wassertiefe sehr kleinräumig um bis zu 20 Zentimeter. Dazu kommt die Windanfälligkeit der Boote selbst, die zwar über minimalen Tiefgang, aber teilweise mächtige Aufbauten verfügen. „Am besten ist gar kein Wind“, sagt Knoll. „Am schlimmsten ist gar kein Wind“, klagen dagegen die (Kite-)Surfer, die in Podersdorf einen nationalen Hotspot gefunden haben. So kommt man sich zumindest nicht in die Quere.
Andernorts gibt es in Sachen touristischer Nutzung dagegen scharfe Konflikte (siehe Seite 10) an der verwaschenen Grenze zwischen Natur- und Kulturraum und einer Geschichte, die so alt ist wie das Burgenland.

Erste Bademöglichkeiten (damals noch an den Ortsrändern) entstanden in der ehemaligen Sumpflandschaft zwar schon um 1900; erste öffentliche Bäder mit einfachen Seehütten gab es aber erst in den 1920er-Jahren. Die unberührte Natur geriet zunehmend ins Hintertreffen.
Der See wurde als „Meer der Wiener“ touristisch vermarktet. Parallel wuchs in den Uferregionen der Weinanbau massiv. Bis zum großen Krach.
Damals brauchte es keine geföhnten Politumfragen, keine geheimen Videoaufnahmen aus Ibiza, keine im Keller versteckten Kinder oder coronaverseuchte Apres Skipartys, um Österreich in den internationalen Schlagzeilen in ein windschiefes Licht zu rücken. Wein genügte. Oder das, was damals unter dieser Bezeichnung produziert und verkauft wurde. Mit den heutigen Qualitätsstandards hatte das nichts zu tun, mit dem Burgenland und einigen Weinbauern rund um den Neusiedlersee aber sehr wohl.

Foto © Der Wein in Sichtweite des Neusiedlersees
Hier hatte sich eine kriminelle Praxis ausgebreitet, die zu einem imagemäßigen Totalschaden führte, inklusive 35.000 Anzeigen, einigen Verurteilungen, Verkaufsembargos in Nordamerika und Importverboten in Südosteuropa. Selbst am Schnelldurchlauf klebt auf dieser Ära eine schaurige Patina. Befeuert durch eine überhitzte Nachfrage nach burgenländischen Süßweinen in Deutschland wurden damals die Erntemengen immer weiter in die Höhe getrieben. Allein zwischen 1969 und 1977 vervierfachte sich die Produktion. Der Wein wurde gar nicht erst in Flaschen abgefüllt, sondern per Tankwagen exportiert.
Eilig eingezogene, teils kreative Qualitätschecks (Kontrolleure versteckten Tennisbälle in den angelieferten Trauben, um Doppelregistrierungsversuche zu enttarnen), wurden ebenso findig torpediert (inszenierte Verkehrsstaus vor Brückenwaagen). Parallel machten Rezepte zur künstlichen Erhöhung der Zuckerwerte unter der Hand die Runde und der Schwarzverkauf Richtung Gastronomie blühte. Viele Weinkeller rund um den See glichen gesetzlosen Panscherbuden.

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Hektar groß ist der 1993 gegründete Nationalpark Neusiedler See-Seewinkel auf burgenländischer Seite. Dazu kommen 23.721 Hektar auf ungarischer Seite. Seit 2001 ist er Weltkulturerbe.


Bis zum 21. Dezember 1984. Damals hinterlegte ein bis heute Unbekannter eine kleine Flasche im Forschungslabor der landwirtschaftlich-chemischen Bundesanstalt Wien mit dem Hinweis, beim Inhalt handle es sich um eine in Winzerkreisen gerade populäre Substanz. Analysen ergaben: Diethylenglykol – eine Art Frostschutzmittel und Substrat des in weiterer Folge aufgedeckten burgenländischen Weinskandals. Rund um den Neusiedlersee kam es zu Betriebskontrollen, Verhaftungen – und einer unter den Mengen eilig Richtung Kanalsystem entsorgten Weins kollabierenden Kläranlage in Gols.
Von diesem Desaster erholte sich die regionale Weinwirtschaft am See nur langsam. Aber tiefgreifend. Heute genießen die zwischen Mörbisch, Rust, Neusiedl und Illmitz gekelterten Weine Weltruf.

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Quadratkilometer misst der Neusiedlersee im Durchschnitt (je nach Wasserstand). Davon liegen 230 km2 in Österreich – was ihn zum größten See der Republik macht. Etwa die Hälfte ist mit Schilf bewachsen.
Daran ist nicht zuletzt der See schuld. Oder besser: seine mikroklimatologischen und geologischen Besonderheiten. Denn der – nach dem Plattensee – zweitgrößte Steppensee Mitteleuropas wirkt für die Region wie eine Art ganzjährige Klimaanlage. Im heißen, trockenen Sommer funktioniert die Wasseroberfläche als Wärmespeicher, der die Abende in ein laues Kleid hüllt. Bis in den Herbst hinein gibt es dieses verzögerte Abkühlen bodennaher Luftschichten in Ufernähe – was den Weinstöcken guttut. Zudem wirkt das Salz, das der See und die entlang von tektonischen Bruchlinien auftretenden Salz- und Sodalacken liefern, wie ein natürlicher Dünger. Die Verbreitung übernimmt der Wind. Er wirbelt die salzigen Rückstände, die übrig bleiben, wenn die Salzlacken im Sommer austrocknen, auf, und bläst sie in die Weingärten, wo Boden und Reben das Salz aufnehmen. Das schmeckt man – beispielsweise im typischen Neusiedler Zweigelt, einem Qualitätswein, der daher die Herkunftsbezeichnung DAC tragen darf.

„Der kühle, voralpine Wind trifft auf kompakte, karge, aber ausdrucksstarke Böden“, erklärt Eduard Tscheppe-Eselböck: „Dem Wein bringt das eine besondere Frucht-Säure-Balance aus satter Reife, aber guter Frische.“ Tscheppe-Eselböck, gebürtiger Südsteirer, lebt und arbeitet seit gut 15 Jahren in Oggau. Zusammen mit seiner Frau Stephanie Tscheppe-Eselböck betreiben sie neben einem Heurigen ein 25 Hektar großes Weingut nach biodynamischen Prinzipien. „Wir schreiben die unverfälschte Geschichte vom Jahrgang und Boden jedes Jahr neu“: So klingt das in adäquat blumiger Winzer-Poesie.

Foto © Der See als Nahrungsquelle für viele Vögel


Als die beiden 2007 mit der radikal naturreinen Bewirtschaftung – keine synthetischen Spritzmittel, kein Kunstdünger, Pferde-Einsatz statt Traktor, Bäume mitten im Weingarten, keine Zusatzmittel bei der Kellerarbeit – begannen, „waren wir noch Exoten“, erinnert sich Tscheppe-Eselböck. Die eigene Stilistik, das Trübe, der andere Geschmack: Das war neu. Und verstörend. Mittlerweile gehören Naturweine zum fixen önologischen Portfolio der Seeregion. Getrunken werden sie im Fall von Tscheppe-Eselböck aber anderswo. Der Exportanteil liegt bei 90 Prozent, verschickt wird weltweit von Japan über Australien und die USA bis nach Guatemala und Kasachstan. Damit liegen sie deutlich über dem Durchschnitt: Die Exportquote der rund 3000 burgenländischen Weinbauern beträgt rund 25 Prozent.

Rund um den See ist dieser Tage von Weltläufigkeit aber wenig zu spüren. Man trifft sich in der gemütlichen Enge der Weinkeller zum „Martiniloben“. Der neue Jahrgang wird getauft, verkostet und gefeiert, während sich draußen die Nebelfetzen in der abgeblühten Vegetation festkrallen. Und der See? Er genügt sich selbst.

Die Historie des Burgenlandes

Das Burgenland: Eine Erfolgsgeschichte nahm ihren Lauf

Am Beginn stand die Grenzziehung zwischen zwei Verlierern, doch schnell fand das Burgenland zu einer eigenständigen Identität.

Für viele Jahrhunderte war die Leitha ein Grenzfluss. Sie trennte das Königreich Ungarn vom Westen Zentraleuropas. Dieses alte Königreich, schon im Jahr 1000 gegründet, musste allerdings auf eine leidvolle Geschichte zurückblicken. Im 13. Jahrhundert verwüsteten die Mongolen das Land, und nach einer Hochblüte unter Matthias Corvinius im 16. Jahrhundert eroberten es die Osmanen. Als die Habsburger die Osmanen erfolgreich zurückdrängten, kam Ungarn unter die durchaus nicht immer geliebte Herrschaft Wiens. Der Protest entlud sich nicht zuletzt im Revolutionsjahr 1848.

Erst als die Habsburgermonarchie durch die Niederlage von Königgrätz die Vormachtstellung im deutschsprachigen Europa eingebüßt hatte, gelang es den Ungarn, innerhalb der Monarchie eine gleichberechtigte Position zu erlangen. 1867 kam es zum sogenannten „Ausgleich“. Franz Joseph war von nun an Kaiser von Österreich und gleichzeitig König von Ungarn. Das Gebiet östlich der Leitha konnte seine innere Politik nunmehr weitgehend selbstständig gestalten. Der Fluss war eine politische Grenze, aber auf beiden Seiten der Trennlinie lebten in Verbundenheit Menschen, die entweder Deutsch, Ungarisch oder Kroatisch sprachen und die entweder Katholiken, Protestanten oder Juden waren. Manches war auf der ungarischen Seite leichter. So wichen die österreichischen Sozialdemokraten 1874 nach Neudörfl jenseits der Grenze aus, um dort erstmals eine Arbeiterpartei zu gründen. Anderes war schwerer: Während man in Österreich mit der Sprachenvielfalt zu leben versuchte, setzten die Ungarn auf eine Magyarisierungspolitik.

Foto © Kaiser Franz Joseph
1918, als man als Resultat des Ersten Weltkrieges in ganz Zentraleuropa neue Grenzen zu ziehen hatte, standen sich für den Grenzverlauf zwischen den neuen Staaten „Deutschösterreich“ und Ungarn zwei Konzepte gegenüber. Da gab es den Verweis auf die „historischen Grenzen“ auf der einen, und die Grenzen nach den vermuteten Trennlinien der Ethnizitäten, worunter man damals die Sprachgruppen verstand, auf der anderen Seite. Während sich überall sonst rund um Ungarn und um Österreich die Siegermächte mit den jeweils in ihr Konzept passenden Argument durchzusetzen vermochten, ging es hier um die Grenze zwischen zwei Verlierern.

Ungarn hatte dabei die schlechteren Karten. Die Siegermächte sahen im revolutionären Experiment der ungarischen Räteregierung unter Béla Kun eine Gefahr der Ausbreitung des Bolschewismus auf die ökonomisch geschwächten Verliererstaaten Deutschland und Österreich, und da Wien dem politischen Beispiel Budapests nicht folgte, waren die Sympathien bei den Friedensverhandlungen in Paris klar verteilt. Die vier westungarischen Komitate wurden, den durchaus nicht durchgängig stichhaltigen Argumenten einer „Sprachgrenze“ folgend, Österreich zugeschlagen. Diese vorläufige Entscheidung verstärkte das ungarische Trauma von Trianon, das bis heute nachwirkt. Das letzte Wort in der Grenzziehung war aber noch nicht gesprochen. Die sprachlich-ethnische Gemengelage ließ etwa die junge Tschechoslowakische Republik davon träumen, mit dem Argument der kroatischen Bevölkerungsanteile einen Korridor in den Süden zu erhalten, also einen Zugang zum Meer. Böhmen wäre damit tatsächlich „am Meer“ gelegen. Die Oberschicht der Region tendierte eher zu Ungarn, sprach man doch, einschließlich der jüdischen Bevölkerung, eher Ungarisch als Deutsch, und die Wirtschaft war nach Osten orientiert.

Foto © Bilder aus dem Burgenland: Heimkehr von der Wildentenjagd am Ruster Kanal
Teile der Region hatten aber stärkere ökonomische und kulturelle Bindungen nach Wien oder Graz. So wurde etwa schon im Dezember 1918 in Mattersburg eine nach Österreich orientierte „Republik Heinzenland“ ausgerufen, und 40 Gemeinden rund um Heiligenkreuz forderten eine Eingliederung in die Steiermark. Österreich hatte schließlich im Jänner 1921, mehr als vier Monate vor dem Vertragsabschluss von Trianon, das Burgenland durch ein Verfassungsgesetz als „selbstständiges und gleichberechtigtes Land“ mit der Hauptstadt Ödenburg in die Republik Österreich aufgenommen. Dieser formelle Akt, den man als „Geburtsstunde“ des neuen Bundeslandes bezeichnen kann, war aber von einer politischen Realisierung noch weit entfernt. Zudem hatte das Gesetz Ödenburg als Landeshauptstadt festgeschrieben.

Durch das ganze Jahr 1921 schienen aber die verschiedensten Optionen für die politische Zukunft der Region offen. Österreich versuchte durch die Einrichtung einer „Verwaltungsstelle für das Burgenland“ Tatsachen zu schaffen, aber es gab Widerstand. Zwar mussten die regulären ungarischen Truppen auf Druck der Siegermächte das Gebiet räumen, aber Freischärler leisten Widerstand und riefen am 4. Oktober 1921 in Oberwart sogar einen eigenen Staat – die „Republik Lajtabánság“ – aus, dessen Ziel die Wiedervereinigung mit Ungarn war. Die lokalen Zusammenstöße verliefen durchaus blutig. In diesen Turbulenzen spielten auch die Restaurationsversuche des ehemaligen österreichischen Kaisers und ungarischen Königs eine Rolle, und nach fünf Wochen Lebensdauer war diese Republik schon wieder Geschichte.

Foto © Bilder aus dem Burgenland: Ausfahrt zur Weinlese im Jahr 1915
Am 13. Oktober 1921 schufen die Venediger Protokolle Klarheit. Die Ungarn hatten die Truppen abzuziehen und die Freischärler zu domestizieren. Das Gebiet war den Österreichern zu übergeben, aber im Komitat Ödenburg war eine Volksabstimmung vorgesehen. Diese fand am 14. Dezember 1921 in der Stadt Ödenburg und zwei Tage später in den Umlandgemeinden statt, begleitet von heftigen Propagandaschlachten und von Manipulationsvorwürfen. In der Stadt stimmte nur ein gutes Viertel der Bevölkerung für Österreich, die Landgemeinden hingegen sprachen sich mehrheitlich für Österreich aus. Insgesamt ergab das eine Entscheidung für Ungarn mit 65 Prozent. Selbst wenn man annimmt, dass ein guter Teil der Manipulationsvorwürfe berechtigt gewesen sein sollte, an der grundlegenden Entscheidung selbst würde das wenig ändern.

Nun gab es also in Österreich dieses neue Bundesland, etwas seltsam geformt, da ein Mittelteil und damit eine Hauptstadt fehlten. Als aber die Nazis knappe zwei Jahrzehnte später den Norden des Burgenlandes dem „Gau Niederdonau“ und den Süden der Steiermark zuschlugen, hatten sie nicht damit gerechnet, dass sich bereits ein burgenländisches Landesbewusstsein herausgebildet hatte. Trotz der kleinen Hauptstadt, trotz der Randlage, trotz der vielen pejorativen Witze, denen die Bewohnerinnen und Bewohner des jungen Bundeslandes ausgesetzt waren (und vielleicht noch sind). So war das Wiedererstehen des Landes in der Zweiten Republik keine Frage – und eine Erfolgsgeschichte konnte ihren Lauf nehmen.

Zum Autor

Helmut Konrad, geboren am 29. Jänner 1948 in Wolfsberg, studierte in Wien Geschichte und Germanistik. Nach einer ersten Station in Linz wurde er 1984 als Professor für Zeitgeschichte an die Universität Graz berufen, deren Rektor er von 1993 bis 1997 war.

Jubiläum 100 Jahre Burgenland

Heimat bist du großer Töne

Von Papageien, Affen und Damenmännern: Mit Joseph Haydn (1732–1809) und Franz Liszt (1811–1886) hat das Burgenland zwei Lichtgestalten der Klassik vorzuweisen.

1 Ouvertüre. Die Seefestspiele in Mörbisch, der Römersteinbruch in St. Margarethen, das Kammermusikfest Lockenhaus, das Sommerfestival Kittsee, Classic Esterházy, jOpera auf Schloss Tabor, Klangfrühling und Klangherbst in Schlaining ...: Das Burgenland ist Heimat großer Töne. Die größten aber kommen von den musikalischen Lichtgestalten Joseph Haydn und Franz Liszt. Hier ein paar nicht so bekannte Nebensächlichkeiten über den Urvater der Klassik, der zu Lebzeiten populärer als Mozart war, und dem Giganten am Klavier, der wegen seines Genies als „Wiedergänger Mozarts“ apostrophiert wurde.

2 Auftakt. Haydn, als eines von zwölf Kindern eines Wagnermeisters in Rohrau geboren, wurde wegen einer angeblichen Ungezogenheit bei den Sängerknaben entlassen. Maria Anna Liszt wurde von einer Wahrsagerin prophezeit, dass sie 1811, im Jahr des „Großen Kometen“, einen außergewöhnlichen Sohn bekommen würde; Franz blieb ihr einziger. Angeblich soll Ludwig van Beethoven den Zwölfjährigen aus Raiding nach einem Klavierrecital vor Begeisterung auf die Stirn geküsst haben.

3 Espressivo. „Papa“ Haydn, wie er sich selbst nannte, wird bis heute gern als harmloser, pantoffeliger Spießer gesehen. Der eher klein gewachsene, etwas füllige Musiker war allerdings sehr gesellig und humorvoll und ein „Damenmann“, wie man zu seiner Zeit sagte. Liszt wiederum entwickelte sich vom Wunderkind zum Superstar. Er war ein stattlicher Mann von 1,85 Meter Körpergröße mit wallendem Haar und wurde, wo immer er sein Virtuosentum am Flügel demonstrierte, fast hysterisch verehrt.

4 Amoroso. Haydn war 40 Jahre lang kinderlos mit Maria Anna Theresia verheiratet. 1792 klagte er in einem Brief aus London an die glutvolle Sängerin Luigia Polzelli, seine langjährige Geliebte: Seine Frau sei eine „höllische Bestie“ und so streitsüchtig, dass er ihr – um sie zur Räson zu bringen – angedroht habe, überhaupt nicht mehr heimzukommen. Liszt hatte nach dem Tod seines Vaters durch Typhus und einer verbotenen ersten Liebe auch während seiner Ehe mit Anna zahlreiche Affären. Gebildete, exzentrische, oft auch überdrehte Frauen faszinierten ihn.

5 Con dolore. Haydn hatte starke Blatternarben im Gesicht von einer überstandenen Pockenerkrankung als Kind; alle Porträtmaler „retuschierten“ diese später elegant weg. Narben soll auch Liszt gehabt haben, an den Häuten zwischen seinen Fingern, die er angeblich einschnitt, um am Klavier mit seinen ohnehin riesigen Händen noch weiter greifen zu können – eine Legende.

6 Risoluto. „Ich habe zwar einigen Unterricht bei Haydn genommen, aber nie etwas von ihm gelernt“ (Ludwig van Beethoven). „Viel Finger, wenig Gehirn“ (Felix Mendelssohn Bartholdy über Liszt).

7 Giocoso. Sein ihm selbst wichtigstes Werk, die „Kaiserhymne“, spielte Haydn als Ritual täglich mindestens ein Mal am Hammerklavier. Er brachte die Melodie (nach der auch die deutsche Nationalhymne gesungen wird) gar seinem Papagei bei, der sie Besuchern entgegenkrächzte. Der nur in Kolumbien beheimatete Primat Saguinus oedipus wird auf Deutsch Lisztaffe genannt, der Name karikiert die Ähnlichkeit seiner weißen Haarpracht mit jener des Komponisten.

8 Finale. Haydn starb im Mai 1809 – begleitet vom Kanonendonner napoleonischer Truppen, die Wien zu der Zeit belagerten – an Altersschwäche in seiner Wohnung in Gumpendorf. Friedlich. Nur sein Schädel brauchte lang für den ewigen Frieden: Dieser war acht Tage nach der Beerdigung entwendet worden und wurde nach einer regelrechten Odyssee erst 1954 wieder zu den Gebeinen gelegt. Liszt starb im Juli 1886 in Bayreuth an den Folgen einer Lungenentzündung. Auf seinem Grab lagen 130 Kränze aus aller Herren Länder, bei der Totenmesse schlug Anton Bruckner die Orgel.

9 Scherzo. Und damit es nicht zu ernst endet: Wussten Sie, dass beide Komponisten in einer erotischen Geschichte vorkommen? Es gab da nämlich einmal einen Musiker, der war sehr beethövlich und brachte einem Mädchen einen Strauß Rosen mit. Bald wurden die beiden mozärtlich, er nahm sie mit Liszt beim Händel, sie sprangen über den Bach in die Haydn, wo der Schütz Fux und Wolf jagt. Am Schönberg schließlich, nicht weit von Stockhausen, wurden sie noch reger und konnten sich schließlich nicht mehr brahmsen. Neun Monate später bekamen sie ein Mendelssöhnchen und fragten sich: Wohin demith?

CD-Tipps

Joseph Haydn. Armida. Cecilia Bartoli, Christoph Prégardien u. a. Concentus Musicus Wien, Nikolaus Harnoncourt. 2 CDs. Das Alte Werk.

Franz Liszt. The Sound of Weimar. Das Gesamtwerk für Orchester. Wiener Akademie, Martin Haselböck. Gramola.

 

Wehrhafte Anlagen

Im Land der Burgen und Schlösser

Gegen alle Feinde gewappnet: Burgen waren nicht nur ein Ort der Sicherheit, sondern das Zentrum ganzer Landstriche.

Manch einer könnte glatt glauben: Natürlich gibt es im Burgenland jede Menge Burgen – das sagt doch schon der Name! Wobei: Es stimmt einfach nicht. Das „Burg“ im Burgenland bezieht sich sprachlich auf die Endungen der vier altungarischen Komitate Pressburg, Ödenburg, Wieselburg und Eisenburg. Einer, der viele davon vom Keller bis zum Dachboden kennt, ist Wolfgang Meyer. Zuletzt fasste er mit dem Fotografen Robert Bouchal die wichtigsten Anlagen in einem umfassenden Kompendium zusammen. Die Liebe zu den wehrhaften Gebäuden begann vor Jahrzehnten bei seinem Dienstantritt im Landesmuseum – in der Abteilung Vermessung von Bodendenkmälern. Zunächst ging er den letzten Resten von Burgen auf den Grund, aber danach ging es steil bergauf: ab 1979 als Burgherr von Schlaining, wo er für das Land 20 Jahre die Burg auf Vordermann brachte.

Foto © Die Friendesburg Schlaining
Abenteuerlich und wenig romantisch sind seine Erinnerungen an die Anfänge: kein Wasser von November bis Ostern, Plumpsklo und ein Renovierungsbedarf vom Dach bis zu den Fenstern. Doch wie es so ist mit Burgen, sie lehren einen Widerstand, das liegt in ihrer DNA: „Eine Burg ist keine Angriffswaffe, sondern dient der Verteidigung. Sie war in Krisenzeiten ein Zufluchtsort für die Bevölkerung, aber auch ein Ort der Verwaltung und der Gerichtsbarkeit“, erklärt Wolfgang Meyer. Nicht zu vergessen: Auch Kunst und Kultur fanden hinter den dicken Mauern statt. In Krisenzeiten wohl weniger, da wurde jeder noch so winzige Platz ausgenutzt: „Aus Aufzeichnungen wissen wir, dass je nach Burg bis zu 3000 Menschen Platz gefunden haben. In Güssing oder Forchtenstein gibt es in den Basteien enorme Gewölbekapazitäten, wo man die Leute auf einer Art Matratzenlager untergebracht hat.“

Foto © Die älteste Burg des Burgenlandes: Güssing. Sie wurde 1157 auf einem erloschenen Vulkankegel als Wehranlage erbaut
Vor dem Einrücken in den sicheren Hafen gab es vor allem für die Bauern eine Aufgabe zu erledigen: Bargeld und Pflugscharte mussten vergraben werden. Vor allem letztere war überlebenswichtig, sagt Meyer: „War die Pflugschar kaputt oder weg, konnte der Bauer sein Feld nicht mehr bestellen.“ Wie überhaupt Bauern und Handwerker für den Schutz bezahlen und Steuern abliefern mussten: „In den sogenannten Herrschaftsurbaren stand genau drinnen, was welcher Hof an Steuern zu leisten hatte“, erläutert der Experte. „Bezahlt“ wurde mit Sachleistungen und mit Robotleistung, man stellte seine Arbeit für eine bestimmte Zeit zur Verfügung. Bei der Ernte wurde direkt am Feld abgeliefert – der Erntewagen der Herrschaft stand neben dem des Bauern. Damit nur ja alles mit rechten Dingen zugeht...

Foto © "Land der Burgen" von Wolfgang Meyer

Buchtipp

Wolfgang Meyer. Land der Burgen – Burgenland. Kral-Verlag. 360 Seiten, 29,95 Euro. Von der Geschichte der Bauwerke bis hin zu den wichtigsten Adelsfamilien. www.kral-verlag.at

Ein populärer Heiliger

Martin von Tours: Heiliger Reitersmann als Schutzpatron

Martin von Tours zählt zu den populärsten Heiligen, der „Lehrmeister der Nächstenliebe“ wurde nicht von ungefähr zum Landes- und Diözesanpatron des Burgenlandes auserkoren.

Einen Steinwurf entfernt jenseits der Grenze des heutigen Burgenlandes stand die Wiege des hochverehrten Heiligen Martin, der 316/317 in Savaria in der römischen Provinz Pannonia prima, dem heutigen Szombathely, zur Welt kam. Da lag es nahe, dass das jüngste Bundesland von Österreich auf der Suche nach einem eigenen Landespatron auf den in Pannonien Geborenen kam. Die Burgenländische Landesregierung klopfte beim Heiligen Stuhl in Rom an, Papst Pius XI willigte ein und am 10. Dezember 1924 wurde das Prozedere schließlich mit einem Dekret besiegelt. Seit der Errichtung der Diözese Eisenstadt im Jahre 1960 fungiert der populäre Heilige auch als Diözesanpatron.

Keine schlechte Wahl, ist doch der heilige Reitersmann bestens eingebettet in das kirchliche Brauchtum. „Ich gehe mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir. Der Martinsmann, der zieht voran“, schallt es am Vorabend zum 11. November, dem Gedenktag des Heiligen, landauf, landab aus vielen Kinderkehlen. Allerorten wird bei Laternenumzügen die Geschichte des Heiligen Martin erzählt und nachgespielt, die ihm Weltruhm beschert hat. Nämlich jene, die sich im Jahr 334 vor den Toren der französischen Stadt Amiens zugetragen haben soll, als das Mitglied einer römischen Eliteeinheit einem frierenden Bettler begegnete und kurzerhand seinen Offiziersmantel mit dem Schwert teilte.

Foto © Kinder beim Laternenfest


In der folgenden Nacht soll Christus Martin im Traum erschienen sein und dessen geteilte Mantelhälfte getragen haben – frei nach „Was du dem geringsten meiner Brüder getan hast, das hast du mir getan“.
Die Darstellung des Offiziers hoch zu Ross mit dem halb nackten Mann zu Füßen finden wir auf den Altarbildern der Martinskirchen, und davon gibt es viele. Allein in Frankreich tragen rund 3600 Kirchen den Namen des Heiligen. Bei uns in Österreich bringen wir es – alle Kapellen und nicht mehr existierende Martinskirchen mitgerechnet – auch auf etwa 260.
Dabei war die vom Vater mehr oder minder erzwungene Offizierslaufbahn nur die erste Station im Leben des Heiligen, denn alsbald schied Martin aus dem Militärdienst aus und lebte, nach einem erfolglosen Versuch seine Heimatstadt zu bekehren, in Demut und Bescheidenheit als Einsiedler und Klostergründer in Poitiers.
Der asketische Mönch wurde rasch als Nothelfer bekannt, Berichte von Wundertaten verbreiteten sich. Als in Tours ein Bischof gesucht wurde, wünschte sich die Bevölkerung niemand anderen als Martin. Der Legende nach wollte der Auserwählte dem Amt entgehen und versteckte sich in einem Gänsestall, doch er wurde durch das aufgeregte Geschnatter der Tiere verraten.

Foto © Beliebt: das Gänslessen rund um den 11. November


Das Ganslessen am 11. November mag an diese Episode erinnern, lässt aber auch eine andere Deutung zu. An Sankt Martin begann einst die Adventszeit verbunden mit dem sechswöchigen „Martinifasten“. Verständlich, dass zuvor noch ein üppiges Festmahl stattfand.
Martin von Tours setze auch als Bischof wider Willen ab 372 sein wohltätiges Wirken fort, engagierte sich für Schwächere und bevorzugte selbst weiter bescheidene Verhältnisse, nahm lieber auf einem Bauernschemel als auf dem Bischofsstuhl Platz. Auch Wunderheilungen, etwa in Trier oder Paris, sind überliefert. Ebenso unternahm er immer wieder Missionsreisen durch sein Bistum im Nordosten Frankreichs. Während eines Pfarrbesuchs in Candes am Loire-Ufer starb der Bischof. Die Rückführung seines Leichnams nach Tours dauerte drei Tage, die Beisetzung erfolgte am 11. November 397 unter riesiger Anteilnahme der Bevölkerung.

Die Popularität des Schutzpatrons vieler Berufe, aber auch der Bettler, der Geächteten und der Kriegsdienstverweigerer wuchs unaufhörlich, wahre Pilgerströme zu seinem Grab setzten ein. Die Martin-Begeisterung gelangte schließlich über das fränkische Reich zurück bis in seine pannonische Geburtsregion. Er ist übrigens der erste Heilige, der verehrt wird, ohne ein Märtyrer zu sein. Herzerwärmende Legenden und schöne Geschichten, aber lässt sich vom Leben des Heiligen Martin heutzutage noch eine zeitgemäße Bedeutung ableiten? Teilen, füreinander da sein, diese seine Prinzipien sind von immerwährender Aktualität. „Martin von Tours war der Lehrmeister der Nächstenliebe“, rühmte Papst Franziskus den Heiligen anlässlich einer Generalaudienz am Martinstag auf dem Petersplatz. Der Heilige Vater wirkte in seiner argentinischen Zeit selbst in der Martinskirche von Buenos Aires.