Die gute Nachricht vorweg: 95 Prozent aller Scheidungen in Österreich sind einvernehmlich. Aber auch wenn eine Trennung in juristischer Hinsicht nicht strittig ist, können doch Konflikte entstehen ­– vor allem, wenn Kinder im Spiel sind. Sozialarbeiterin Katja Hartl vom Familien.Kompetenz.Zentrum der Stadt Graz begleitet Eltern dabei, ihre Trennung so zu gestalten, dass sie für die Kinder möglichst gut zu bewältigen ist.

Denn Kinder haben oft existenzielle Ängste in Trennungssituationen: „Haben mich meine Eltern noch lieb? Bei wem werde ich wohnen? Werde ich Freunde und Schule behalten?“ Katja Hartl rät, diesen Sorgen mit klarer Kommunikation zu begegnen: „Alles, was die Kinder betrifft, sollte offen und ehrlich erklärt werden. Wenn Dinge noch unsicher sind, müssen die Eltern Verantwortung übernehmen und signalisieren, dass sie Lösungen finden werden.“

Keine Frage der Schuld

Gleichzeitig sollten Eltern ihre eigenen Gefühle so gut wie möglich kontrollieren. „Kinder dürfen sehen, dass die Eltern traurig sind. Aber sie sollen nicht in die Rolle der Tröster gedrängt werden“, empfiehlt Hartl. Und eine klare Botschaft: „Die Eltern müssen die Kinder von der Schuld entlasten. Es ist wichtig, ihnen zu sagen: ‚Wir beide haben diese Entscheidung getroffen. Du bist nicht schuld.‘“

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Ein besonders schwieriges Thema ist die Kontaktregelung ­– meist, weil beide Elternteile möglichst viel Zeit mit ihren Kindern verbringen möchten. Schließlich sollte man, selbst wenn einen noch die Gefühle übermannen, den Kontakt zwischen dem anderen Elternteil und dem Kind nicht nur ermöglichen, sondern diese Übergangssituation für das Kind, gerade wenn es noch klein ist, gut begleiten. Es ist ja für viele anfangs nicht so einfach, wenn die Kinder tage- oder nächteweise nicht bei der Mutter oder dem Vater sind. Doch viele Eltern meistern diese Situation laut Hartl sehr gut.

Konflikte von Kindern fernhalten

Schwieriger wird es, wenn ein Elternteil wegzieht, neue Partner oder Stiefgeschwister hinzukommen. „Je mehr Personen involviert sind, desto komplizierter wird es“, weiß die Sozialarbeiterin. Neben organisatorischen Fragen stehe jedoch immer das Kind im Mittelpunkt. „Was brauchen die Kinder? Und womit kommen die Eltern selbst gut zurecht? Das ist entscheidend für ein funktionierendes Modell.“ Besonders wichtig sei es, Konflikte von den Kindern fernzuhalten. Studien zeigen, dass Kinder vor allem eines wollen: Dass ihre Eltern nicht streiten, und es belastet sie, wenn Eltern schlecht übereinander reden.

Gerade jetzt zur bevorstehenden Weihnachtszeit ist Feingefühl nötig. Katja Hartl betont, dass diese Zeit für getrennte Familien oft emotional und organisatorisch besonders herausfordernd ist, weil Familientraditionen und Erwartungen eine Rolle spielen. Es gibt verschiedene Modelle: gemeinsame Feiern, ein jährlicher Wechsel oder getrennte Feste. Man solle die Feiertage nicht mit zu viel Bedeutung aufladen. Das Wichtigste ist auch hier, eine Lösung zu finden, die für alle Beteiligten funktioniert und den Kindern Stabilität vermittelt. Auch Großeltern können eine unterstützende Rolle einnehmen, solange sie sich nicht parteiisch verhalten. „Sie sollten ihre Kinder bei der Bewältigung der Trennungssituation unterstützen, ohne den Ex-Partner zu kritisieren. Hilfe, etwa bei der Kinderbetreuung, kann den Übergang erleichtern.“

Chance auf Entwicklung

Trotz aller Herausforderungen gibt es auch positive Aspekte bei Trennungen. „Viele Familien berichten rückblickend, dass sie an der Krise gewachsen sind“, erzählt Hartl. Kinder würden selbstständiger, Eltern gelassener. Auch die Soziologin Diane Vaughan beschreibt Trennungen in ihrem Buch „Uncoupling“ als Übergänge, die persönliche Weiterentwicklung ermöglichen. „Ohne Krise keine Entwicklung“, betont sie. Der Gedanke, dass Trennungen nicht nur das Ende, sondern auch der Beginn eines neuen Kapitels sein können, kann dazu ermutigen, diesen Prozess bewusst zu gestalten – im besten Fall im Sinne der Kinder. Sie profitieren am stärksten von einer respektvollen und lösungsorientierten Haltung der Eltern.