Wiener StaatsoperHerbert Fritsch: "Ein Heulsusentheater interessiert mich nicht"

Die Wiener Staatsoper ersetzt am kommenden Dienstag (28.) die altgediente, 55 Jahre alte Inszenierung des „Barbier von Sevilla“ mit einer neuen von Herbert Fritsch. Ein Gespräch mit dem „Turbo-Clown“ unter den Regisseuren.

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Herbert Fritsch: der fröhliche Anarchist des deutschsprachigen Theaters © imago/gezett
 

Was hat Sie denn an Rossinis „Der Barbier von Sevilla“ gereizt?
HERBERT FRITSCH: Naja, das Stück wurde an mich herangetragen, der Reiz hat sich eingestellt. Mit der Beschäftigung ist die Begeisterung für das, was Rossini da gemacht hat, gewachsen. Die Musik ist sehr rhythmisch, sehr eingängig, trotzdem komplex. Unglaublich, dass er das in 13 Tagen gemacht hat.

Ihr Stil ist anarchistisch, turbulent und komisch. Der „Barbier“ passt als Komödie ja sehr gut.
Das regt mich an, ich fühl mich nicht ausgebremst. Es steckt viel Hysterie, und Wirrwarr da drin, sehr viele Dinge, die absurd sind und nicht erklärt werden. Ich fühle mich dem sehr verwandt.

Die komischen Rossini-Opern beinhalten eine Mechanik, als wären die Figuren getrieben…
…das Getriebene ist das Interessante daran. Jeder möchte unbedingt etwas erreichen, im "Barbier" macht die Liebe zu Rosina  zwei Männer total verrückt. Dass der Graf reich ist, und seine Ziele mit Geld erreicht, dieser Aspekt interessiert mich nicht, ich finde es interessanter, dass auch reiche Menschen durch die Liebe irre werden: Wegen der Liebe macht sich jemand zum Idioten, dieser Kontrollverlust ist faszinierend. Das macht auch eine Komödie aus, dass Leute die Kontrolle verlieren.

Man hat das Mechanische, Maschinelle Rossinis als zeittypisch interpretiert: Es ist die Epoche der industriellen Revolution, alles wird schnelllebiger. Ist eine solche Überlegung für Sie relevant?
Ja, ich habe ein mechanisches Bühnenbild, das sich ständig bewegt. Aber ich würde so etwas nie bewusst erzählen wollen, solche Assoziationen ergeben sich vielleicht. Die Angst, nicht mehr mithalten zu können, die zeichnet die moderne Welt ja bis heute aus. Hektik und Hysterie sind ja geblieben, die Leute zu Rossinis Zeit waren das noch nicht so gewohnt. Aber die emotionale Getriebenheit ist ein zeitloses Thema.

Finden Sie in diesem Stück auch tragische Elemente?
Komik hat immer mit Tragik zu tun. Der Bartolo im „Barbier“ ist sicher eine tragische Figur, aber ich möchte mich ja amüsieren und unterhalten, auch wenn es Momente der Rührung gibt. Ein guter Clown kann einen zu Tränen rühren und zum Lachen bringen, das ist die Herausforderung bei dieser Sache, und es sind Sänger im Ensemble, die können das wunderbar.

Die Welt der Clowns scheint einen großen Einfluss auf Ihre Arbeit zu haben.
Absolut, das Wort Clown wird viel missbraucht. Wenn ich sage, Donald Trump ist ein Clown, ist das eine Beleidigung für alle Clowns. Natürlich waren Handlungen Trumps clownesk, und das beste Clownsduo, das man sich vorstellen könnte, wäre Trump als Hanswurst und Obama als Weißclown – die beste Show überhaupt!

Der Clown verfügt über eine fremdartige, eigenwillige Poesie, er wirkt wie nicht von dieser Welt.
Clowns wie Grock oder Charlie Rivel haben ihr Leben lang an einem einzigen Satz gefeilt. Und die haben in all ihrer Komik auch etwas Verzweifeltes. Bei Charlie Chaplin und Buster Keaton merkt man das auch extrem. Aber ich habe keine Lust ein Heulsusentheater zu machen, also wenn man sagen würde, es ist nur dann Kunst, wenn es richtig weh tut. Ich will keinem Menschen weh tun.

Also es geht Ihnen nicht darum, zu erzählen, wie tragisch „Der Barbier von Sevilla“ eigentlich ist?
Nein, das interessiert mich überhaupt nicht. Wir haben durch die Pandemie genug Traurigkeit hinter uns. Ich finde, es braucht auch einmal den Moment, eine Art Explosion, wo man über sich selbst und den ganzen Irrsinn lachen kann.

In der Oper steckt nicht nur viel Pathos, sondern auch Komik: Leute, die sich dick geschminkt stundenlang ins Gesicht singen, das ist doch bizarr?
Das ist ja das Wunderbare dran, dass es so absurd ist. Mich stört der Versuch, da einen Realismus hineinzubringen. Ich finde es schade, wenn man Oper in so eine Art Gewöhnlichkeit hinunterzieht. Das sogenannte moderne Regietheater ist ja darauf aufgebaut, dass etwas Gewöhnliches passiert, das auch jeder versteht, was da passiert. Gerade das Nicht-Verstehen ist interessant.

Das Regietheater hat gewissermaßen Erklärungswut.
Oper ist Theater in seiner höchsten Form, und wenn ich ein Sprechtheater inszeniere, dann sage ich zu den Akteuren auch: Wir machen Oper, wir sprechen nicht, wir singen. Theater muss einen Klang haben, nicht nur einen 50 mal erklärten Inhalt. Das ist ja stinklangweilig und lässt den Zusehern überhaupt keinen Raum.

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