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Kritik Grazer OperKältetod der Königskinder

Kein kinderfreundliches Märchenringelreihen, sondern die Schrecken des Eises und der Finsternis prägen Humperdincks „Königskinder“, wie in Graz exemplarisch zu sehen ist.

Die Menschenmeute hetzt Königskinder in den Tod © Werner Kmetitsch
 

Ein blutjunges Liebespaar, das von einer dumpf-egoistischen Stadtbevölkerung in den Tod geschickt wird: Engelbert Humperdincks „Königskinder“ spielt zu einer Zeit, als das Wünschen ganz sicher nicht mehr geholfen hat. Mit seinen symbolistischen Anwandlungen, seiner Endzeitstimmung und fadenscheinigen Idyllen ist Humperdinck dem Fin-de-siècle-Mystizismus von Debussy „Pelléas et Mélisande“ näher als der Butzenscheibenromantik seiner eigenen Erfolgsoper „Hänsel und Gretel“.

Entsprechend tragisch und verrätselt ist das Geschehen auf der Bühne der Grazer Oper, wo Regisseur Frank Hilbrich auf großen Zierrat und Pomp verzichtet, um sich ganz auf die Figuren zu konzentrieren. Volker Thieles Bühnenbild macht kaum einen Unterschied zwischen Stadt, Salon und Winterlandschaft, karg und kalt ist es da wie dort. Und die Blätter des Spätherbstes taugen nur zum trügerischen Fototapeten-Idyll oder als Requisite für die erotisch aufgeladenen Neckereien der beiden Protagonisten, bevor sie in die kalte Wirklichkeit entlassen werden. Und nichts Besseres als den Tod finden.

Dirigent Marius Burkert pflegt eher einen saftig-konkreten Stil, im zweiten  Akt legen er und die Grazer Philharmoniker los, als gälte es, die Rüpelhaftigkeit der so feisten wie bornierten Stadtleute, dieser biederen Bestien und Raubtiere, auch gleich einmal akustisch bloßzustellen. Auch wenn man Humperdincks streckenweise delikates Klanggespinst sicher feiner spinnen könnte, besticht Burkert doch mit einer souveränen Darstellung, die den großen Spannungsbogen über die ausladende Klangsprache des Wagner-Epigonen Humperdinck legt und immer wieder auch zu zarten Lyrismen (vor allem im 3. Akt) fähig ist.

Hervorragend war die Wahl der Gäste, sowohl Maximilian Schmitt als Königssohn als auch Polina Pastirchak als Gänsemagd erfüllen ihre Partien vokal und darstellerisch (Hilbrichs Arbeit mit den Sängern ist durchwegs exzellent). Pastirchak hat einen klaren, doch warmen Sopran, der im Forte enorme Dichte und Farbe bekommt, und im Piano seine Schönheit nicht verliert. Noch kultivierter indes singt Maximilian Schmitt, ein lyrischer Tenor mit dramatischen Anlagen, dessen Rollendebüt ihn nicht nur dank sicherer, strahlender Höhen sofort in die erste Liga der Interpreten des Königssohns katapultierte.

Fast dieses Niveau erreicht Ensemblemitglied Markus Butter als Spielmann, der seinen Bariton nicht nur in den liedhaften Passagen klug einsetzt. Dank Christina Baaders Hexe, Wilfried Zelinkas Holzhacker, Martin Fourniers Besenbinder, Anna Brulls Wirtstochter und Mädchensopran Victoria Legat als Tochter des Besenbinders ergibt sich ein stimmiges, ja glanzvolles Ensemble, während Opernchor und Singschul’ eine weitere Stütze dieses weit mehr als soliden Abends sind.

Sie alle kreieren ein Gesamtkunstwerk mit humanistischem Anstrich. Zur Verklärung der Königskinder mag sich nur ein schwarzes Quadrat im Bühnenbild öffnen, dessen Schwärze einschüchtert, doch der finale Appell des Spielmanns zeigt, dass auch in der Zeit der Wölfe die Hoffnung noch nicht ganz gestorben ist.

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