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InterviewKulturstaatssekretärin Ulrike Lunacek: "Wir müssen die prekär Tätigen besser absichern"

Flächendeckende Absagen im Kunst- und Kulturbetrieb. Und wie geht es jetzt weiter? Mit rascher, umfassender Hilfe für die Kulturszene, verspricht Staatssekretärin Ulrike Lunacek.

PK 'PRAeSENTATION DER WISSENSCHAFTLICHEN UND WIRTSCHAFTLICHEN GESCHAeFTSFUeHRUNG FUeR DAS NATURHISTORISCHE MUSEUM': LUNACEK
Ulrike Lunacek: "Stellen ein breites Maßnahmenpaket zur Verfügung" © APA/GEORG HOCHMUTH
 

Ihr persönlich gehe es gut, versichert Ulrike Lunacek am Telefon: „Ich bin so wet gesund.“ Nach flächendeckender Absage von Kulturgeschehen nach Corona-Erlässen und Alarmreaktionen der Szene kündigte die Staatssekretärin für Kunst und Kultur letzte Woche im 466 Millionen Euro starken Kulturbudget Verschiebungen an. Insgesamt soll der Kultur eine Reihe an Maßnahmen zugute kommen.

Frohbotschaft für Künstlerinnen und Künstler: Es gibt fünf Millionen Euro Soforthilfe aus dem Künstlersozialversicherungsfonds KSVF. Wann geht es los mit der Verteilung?
ULRIKE LUNACEK: Es sind fünf Millionen Euro zusätzlich für den Unterstützungsfonds des KSVF – zu 500.000 Euro bisher. Wichtig ist mir zu sagen, dass die Soforthilfe erstmals auch Kulturvermittler*innen einschließt. Wir arbeiten gerade daran, die Formulare und den Ablauf zu vereinfachen. Ich nehme an, dass das ab Mitte dieser Woche funktioniert.

Wie lange sollen denn die fünf Millionen reichen? Interessenvertreter beurteilen die Maßnahme ja eher nur als „ersten Schritt“.
Es ist ein zentrales Instrument im gesamten Maßnahmen-Mix der Bundesregierung. Wann und ob dieser Topf ausgeschöpft sein wird, wissen wir nicht, aber diese Soforthilfe ist ja nur für all jene, die nicht auf den Härtefallfonds zugreifen können, den die Bundesregierung mit einer Milliarde Euro dotiert hat. Der kommt Kleinst-, und Ein-Personen-Unternehmen, gemeinnützigen Organisationen, kleinen Kulturvereinen oder Neuen Selbständigen zugute, und auch er wird schnell und unbürokratisch ausschütten. Und wenn die fünf Millionen nicht reichen, dann werden wir eine Lösung für diejenigen, die noch finanzielle Unterstützung brauchen, finden. Wie Sie wissen, ist das gesamte Hilfspaket mit 38 Milliarden Euro veranschlagt. Unser Zugang in der Bundesregierung ist: wir tun, was wir können, koste es, was es wollte. Und vor allem: Wir lassen niemanden zurück!

Diese Devise gilt uneingeschränkt auch für die Kultur?
Selbstverständlich. Die Krise macht sehr deutlich, wie wichtig die gesellschaftliche Funktion von Kunst und Kultur ist. Wir merken alle, was uns abgeht. Ich hoffe, dass diese Erkenntnis auch nachwirkt. Etwa wenn die Krise vorbei ist und die Ausverhandlungen für die zukünftigen Kunst- und Kulturbudgets beginnen. Das Budget 2020 wird aufgrund von Corona zu Jahresende natürlich anders aussehen, als noch vor wenigen Wochen gedacht. Aber aktuell sind für die freie Szene zwei Millionen Euro mehr eingeplant. Das sollte für heuer der erste Schritt sein.

Zur Person

Ulrike Lunacek, geboren am 26. Mai 1957 in Krems.
1999–2017 grüne Nationalrats- bzw. Europaabgeordnete.
2017 Nationalratswahl-Spitzenkandidatin.
Seit 2020 Staatssekretärin für Kunst & Kultur.

Von den Literaten bis zu den Filmproduzenten und Kinobetreibern warnen alle vor den katastrophalen Auswirkungen der Coronakrise auf den Kulturbetrieb. Wen trifft es denn aus Ihrer Sicht besonders hart?
Prekäre Arbeit gibt es in allen Sparten von Kunst und Kultur, auch bei den Kulturvermittler*innen, auch bei den kleinen Kulturvereinen, die manchmal nicht einmal Angestellte haben und ehrenamtlich Programm machen. Viele der in Kunst und Kultur Tätigen sind in ihrer finanziellen Existenz bedroht. Manche können nicht einmal mehr ihre Mieten bezahlen, weil ihnen die Einnahmen ausfallen. Und dafür sind sowohl der Härtefallfonds wie auch der Unterstützungsfonds des KSVF gedacht. Außerdem können auch Kultureinrichtungen Kurzarbeit beantragen, die großen wie die kleinen: Die Bundestheater machen dies schon, und auch für die Bundesmuseen wird dies nach intensiven Verhandlungen in den letzten Tagen demnächst möglich sein. Ebenso steht Kurzarbeit für kleine Kulturvereine mit zwei oder drei Angestellten zur Verfügung. Der Maßnahmen-Mix der Bundesregierung ist breit aufgestellt.

Allein die Bundestheater verlieren derzeit pro Woche 1,4 Millionen Euro durch Einnahmenentgang. Das wird also bis Saisonende in achtstellige Beträge gehen. Wie wird das denn ausgeglichen?
Da müssen wir später schauen, was möglich ist und was nicht. Wir sind jetzt gerade daran zu erheben: Was fällt aus, was muss abgesagt werden, was kann verschoben werden – sowohl bei den großen wie bei den kleinen Einrichtungen. Das machen wir, um den gesamten finanziellen Schaden überhaupt einmal feststellen zu können. Mir geht’s natürlich darum, dass alle überleben können!

Aber eine Vollabdeckung aller entstehenden Ausfälle können Sie sich nicht vorstellen?
Unser Hauptziel jetzt ist es, Menschenleben zu retten – und so gut wie möglich durch diese dramatische Gesundheitskrise zu kommen. Gleichzeitig müssen wir Arbeitsplätze, Existenzen und Lebensgrundlagen sichern – auch für einen guten Neustart in der Zeit nach Corona. Da müssen Schulden gemacht werden, das geht nicht anders. Ob es eine Vollabdeckung geben wird oder nicht, kann ich Ihnen jetzt einfach noch nicht sagen.

Wird der Bund auch Landesmuseen und Landestheater unterstützen, werden also zumindest Teilausfälle abgedeckt, oder bleibt das den Landesregierungen überlassen?
Das kann ich noch nicht sagen. Aber ich bin in ständigem Kontakt mit den Landeskulturreferentinnen und -referenten. Wir werden Lösungen finden.

Ich hoffe, dass der Mangel, den wir jetzt erleben, dazu führt, dass - wenn die Veranstalter ihre Tore wieder öffnen – der Hunger auf Kunst und Kultur so groß sein wird, dass die Leute die Veranstaltungen stürmen!

Aktuell haben sich viele Künstler*innen selbst ins Web ausgelagert, veranstalten Konzerte. Lesungen etc. im Web. Werden Sie solche digitalen Initiativen finanziell unterstützen?
Es gibt Ideen dazu, ob man da eine Plattform gründet, aber ich ersuche um Verständnis, dass wir auch hierbei erst am Anfang stehen. Ich finde es aber großartig, was hier schon alles im Web hörbar und sichtbar ist!

Muss man jetzt insgesamt das Live-Erlebnis stärken?
Das kann es jetzt nur in sehr kleinen Formaten geben – aus Wohnzimmern oder Balkonen zum Beispiel. Aber nicht nur die großen Veranstalter, auch die kleinen Theatervereine, die kleinen Konzertveranstalter sind in dieser Situation echt gefordert. Ich hoffe, dass in sehr vielen Fällen Verschiebungen etwa in den Herbst möglich sind.

Denken Sie darüber nach, wie die Kulturlandschaft nach Corona aussehen wird?
Viel Zeit, darüber nachzudenken, habe ich derzeit nicht. Aber ich hoffe, dass der Umstand, dass wir jetzt auf Kino, Theater, Konzert und anderes verzichten müssen, dass dieser Mangel, den wir jetzt erleben, dazu führt, dass - wenn die Veranstalter ihre Tore wieder öffnen – der Hunger auf Kunst und Kultur so groß sein wird, dass die Leute die Veranstaltungen stürmen! Es wäre mein Wunsch, dass wir jetzt schmerzhaft erkennen, dass uns Kunst und Kultur fehlen, wenn wir sie nicht haben – und dass eine Gesellschaft verarmt, wenn diese Ausdrucksmöglichkeit der Kreativität nicht gesehen und gehört werden kann. Ich hoffe auch, dass die Solidarität, die wir jetzt in der Gesellschaft spüren, auch in Zukunft aufrecht bleibt. Etwa wenn es darum geht, Menschen, die im Kunst- und Kulturbereich, aber auch anderswo, prekär arbeiten, besser abzusichern.

Wissen Sie schon, wie Sie die Zeit nach Corona kulturpolitisch gestalten wollen und welche Auswirkungen auf Ihre geplante Kulturstrategie das alles haben könnte?
Wahrscheinlich wird die Kunst- und Kulturstrategie etwa anders aussehen als bisher angedacht. Die Erfahrungen der nächsten Wochen, die Zeit danach, sie werden unser Leben prägen. In Kunst und Kultur, aber auch als Gesellschaft.

Wird auf die freie Szene, auf prekäre Künstlerexistenzen refokussiert?
Das hatte ich ohnehin schon vor. Das ist Teil der Initiative „Fair Pay“. Aber das verstärkt sich jetzt noch einmal. Ich baue darauf, dass das für uns alle in der Bundesregierung ein wichtiger Faktor sein wird.

Die Erfahrungen der nächsten Wochen, die Zeit danach, sie werden unser Leben prägen.

Derzeit werden Kulturveranstaltungen flächendeckend abgesagt. Die Wiener Festwochen, die Mitte Mai beginnen sollen, haben das noch nicht getan, detto die Salzburger Festspiele, die ab Mitte Juli ihre 100. Saison begehen wollen. Wie, glauben Sie, wird sich die Lage für diese Festivals entwickeln?
Bis Ostern wird es keine Veranstaltungen geben, das ist festgelegt. Für nachher müssen wir schauen, wie es mit den Infektionszahlen aussieht. Wenn diese massiv zurückgehen und weniger Neuinfektionen auftreten, ist es vielleicht möglich, das normale Leben früher wieder aufzunehmen. Ich weiß, wie wichtig es für die Planung des Spielbetriebs wäre, zu wissen was ab Mitte April, im Mai, Juni passiert. Aber es ist jetzt einfach zu früh für derartige Prognosen.

Sind aus Ihrer Sicht wenigstens normale Saisonstarts im Herbst ungefährdet?
Ich hoffe, dass es so sein wird. Das hängt sehr davon ab, wie diszipliniert die gesamte Bevölkerung jetzt mit den Maßnahmen umgeht. Wirklich jede und jeder einzelne ist gefordert, sich an die Regeln zu halten. Gesundheitsminister Rudi Anschober meinte, dass 90-95 Prozent an Bord sind. Aber das sind nicht alle, und nur, wenn sich wirklich alle daranhalten, werden auch alle früher wieder in ein normales Leben zurückkehren können.

Treffen Sie aktuell auch kulturpolitische Entscheidungen unabhängig von Corona?
Ich werde in den nächsten Wochen jedenfalls die Entscheidung über die Geschäftsführung des Theaterservice ART for ART treffen. Da hat es die Hearings schon gegeben, ich erhalte demnächst den Dreiervorschlag. Zudem werde ich in den kommenden Wochen die Ausschreibung für die Leitung der Volksoper für Mitte 2022 auf den Weg bringen, aber die Hearings wird es erst geben, wenn wir uns auch wieder begegnen können.

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