Letztlich handelt es sich bei "La Cage aux Folles" nämlich um ein Kammerstück mit vielen intimen Dialogszenen, kleinen Ensemblesequenzen, die notwendigerweise im gigantischen Bühnenareal von Mörbisch verloren wirken, zu sehr auf Distanz zum Publikum sind. Der Käfig mag voll sein, die riesige Bühne von Mörbisch ist es nicht.
Das Musical von Jerry Herman basiert auf dem Theaterstück von Jean Poiret und feierte 1983 seine Uraufführung - inklusive dem heutigen Welthit "I Am What I Am". Die Geschichte selbst bleibt zeitlos relevant: Georges (Mark Seibert), Betreiber des Nachtclubs "La Cage aux Folles", und sein Partner Albin (Alfons Haider), der als Zaza dessen Travestieshows prägt, werden mit den konservativen Eltern der Verlobten Anne ihres Sohnes Jean-Michel (gespielt von den beiden Mörbischer Stammgewächsen Anna Rosa Döller und Timotheus Hollweg) konfrontiert. Der erzkonservative Politiker Èdouard Dindon (Mathias Schlung) darf auf keinen Fall erfahren, dass Jean-Michels Eltern ein homosexuelles Paar sind. Diese Ausgangssituation bietet reichlich Stoff für humorvolle Verwicklungen, aber auch für berührende Momente, die die Themen Familie, Akzeptanz und Identität in den Mittelpunkt rücken.
Nun hat die Musicalfassung des mehrfach verfilmten Theaterstücks durchaus einige Ensemblenummern zu bieten, wenn die 38 "Cagelles", die Tanzenden im Nachtclub, loslegen. Hier weiß Regisseur Andreas Gergen die gebotene Showtreppenorgie durchaus zu nutzen. Im Kern fokussiert aber auch die Musiktheaterfassung im Boulevardstil durchaus berührend auf die Themen und Probleme einer Familie - und die verliert sich durch die Distanz zum Publikum. Gergen und der Mörbischer Stammbühnenbildner Walter Vogelweider mühen sich zwar um einen mittigen Zentralfokus, die übrigen Areale der Bühne werden jedoch - anders als meist bei Mörbischer Inszenierungen - eher stiefmütterlich behandelt.
Apropos Stiefmutter. Alfons Haider erfüllt sich als Generalintendant von Mörbisch mit seiner Rückkehr zur Rolle der Zaza einen Herzenswunsch, interpretierte er die Rolle doch 2008/09 bereits bei den Stockerauer Festspielen. Nun legt der 68-Jährige die Partie der immer wieder auch mit dem Vergehen der Zeit hadernden Travestiekünstlerin als Alterspart an, muss stimmlich streckenweise eher auf Sprechgesang setzen.
Ein durchaus stimmiger und im Stück verankerbarer Interpretationsansatz, der mit einem entsprechenden Pendant als Partner aufginge. Hier entsteht allerdings eine Lücke zu Partner Georges, den der 47-jährige Mark Seibert entsprechend dynamischer spielt - von beiderseitigen Textunsicherheiten bei der Premiere abgesehen. Möglicherweise stimmt hier die Chemie mit dem alternierend zu Haider auftretenden 50-jährigen Drew Sarich besser.
Am Ende bleibt der Eindruck, dass man heuer in Mörbisch mit "La Cage aux Folles" ein charmantes Stück gewählt hat, das mit Witz und Vehemenz für die Gleichheit der Menschen und unkonventionelle Lebensentwürfe wirbt. Aber zugleich ein Stück ist, das am Neusiedlersee wie ein kleiner Vogel in einem zu großen Käfig wirkt.
(Von Martin Fichter-Wöß/APA)
(S E R V I C E - "Ein Käfig voller Narren/La Cage aux Folles" von Jerry Herman und Harvey Fierstein und Jean Poiret bei den Seefestspielen Mörbisch. Regie: Andreas Gergen, Bühnenbild: Walter Vogelweider, Kostüme: Armella Müller von Blon, Musikalische Leitung: Tom Bitterlich. Mit Albin/Zaza - Alfons Haider, Georges - Mark Seibert, Jacob - Aliosha Jorge Ungur, Jean-Michel - Timotheus Hollweg, Anne Dindon - Anna Rosa Döller, Èdouard Dindon - Mathias Schlung, Marie Dindon - Ines Hengl-Pirker, Jacqueline - Ursula Pfitzner, Francis - Samuel Türksoy. Weitere Aufführungen bis 22. August. www.seefestspiele-moerbisch.at )