Wenn es draußen auf den Straßen, in engen Gassen oder Parks kalt wird, denken viele Menschen an Obdachlose, die der klirrenden Kälte oft schutzlos ausgesetzt sind und als letzten Zufluchtsort eine Notschlafstelle aufsuchen. Kaum jemand weiß jedoch, dass die Situation im Sommer oft noch schwieriger ist.
Der Sommer wird unterschätzt
„In Wahrheit ist die Lage im Sommer noch gefährlicher und prekärer“, sagt Katrin Starc, Fachbereichsleiterin der Wohnungslosenhilfe der Caritas Kärnten und Leiterin des Eggerheims in Klagenfurt. Vor ihrem Büro herrscht bereits am Vormittag reger Betrieb. In einem Regal stehen etwa Kleidung, Sonnenhüte und Sonnencreme zur freien Entnahme bereit – gerade Letztere sind an heißen Tagen besonders gefragt.
„Im Winter kommen die Obdachlosen zu uns, halten sich tagsüber in der warmen Tagesstätte auf und verbringen die Nacht in der Notschlafstelle oder zumindest gut ausgerüstet in unserer Nähe“, erzählt Starc. Im Sommer seien die Gefahren hingegen weniger offensichtlich – und zwar sowohl tagsüber als auch nachts.
Gefahren bei Tag und bei Nacht
„Am Tag kämpfen viele mit gesundheitlichen Problemen. Sie trinken zu wenig, weil es kaum kostenlose Trinkwasserstellen gibt. Der Asphalt heizt sich stark auf, und von schattigen Plätzen werden sie immer häufiger vertrieben.“ Besonders problematisch sei zudem, dass alkoholabhängige Menschen trotz der Hitze weiter Alkohol konsumierten. Die Folgen von all diesen Faktoren seien Dehydrierung sowie Herz-Kreislauf-Beschwerden.
Mit Einbruch der Nacht kommt ein weiteres Problem hinzu, das vielen Menschen kaum bewusst ist. „Die Gewalt gegenüber Obdachlosen ist in den vergangenen Jahren massiv gestiegen – und im Sommer wirkt sich das noch stärker aus“, erklärt Starc. Während Obdachlose im Winter meist gut eingepackt und an abgelegenen Orten schlafen, seien sie in den warmen Monaten deutlich sichtbarer. Gleichzeitig hielten sich aufgrund der langen Abende mehr Menschen bis spät in die Nacht im öffentlichen Raum auf. „Uns wird immer häufiger von körperlichen Übergriffen und Raub berichtet.“
Das Eggerheim ist prall gefüllt
Beim Rundgang durch das Eggerheim wird deutlich, wie viele Menschen bereits am Vormittag Schutz vor der Hitze suchen. Während extremer Hitzewellen bleiben viele deutlich länger vor Ort. Oft halten sich rund 50 Personen gleichzeitig im kleinen Areal auf, täglich besuchen zwischen 80 und 100 Menschen die Einrichtung. Es sind Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten. „Man kann sich kaum vorstellen, wie schnell man unverschuldet in die Obdachlosigkeit geraten kann“, sagt Starc nachdenklich.
Der Innenhof wirkt wie eine kleine Oase: Ein Brunnen plätschert, Sitzbänke laden zum Verweilen ein. Nur wenige Meter entfernt liegt der Benediktinermarkt, dessen geschäftiges Treiben hier kaum wahrnehmbar ist. Angrenzend befindet sich ein Ruheraum, in dem Gäste auch tagsüber schlafen können.
Auch Verstorbene haben ihren Platz
Im Nebenraum hängt ein Lebensbaum. „Ich bin seit zehn Jahren hier. Alle Menschen, die in dieser Zeit verstorben sind, haben wir darauf verewigt.“ Verstorbene Obdachlose würden zwar in Armengräbern der Stadt beigesetzt, hier wolle man ihnen jedoch einen würdigen Platz des Gedenkens geben. „Hinter jedem Menschen steht schließlich ein eigenes Schicksal.“
Nach einer kurzen Pause öffnet Starc die Tür zur Küche. „Heute gibt es Fleischspieße mit Pommes. Gekocht wird von freiwilligen Mitarbeitern, heute ist wieder unser Sigi eingesprungen“, erzählt sie. Es duftet nach frisch gekochtem Essen. „Er kocht allerdings so leidenschaftlich, dass bei ihm mindestens dreimal der Feueralarm losgeht“, sagt sie lächelnd. Tatsächlich ist die Küche der einzige wirklich heiße Raum im Haus. Das Eggerheim befindet sich in einem Altbau, dessen dicke Mauern die Hitze erstaunlich gut draußen halten – Klimaanlagen sind hier nicht notwendig.
Im Obergeschoss befinden sich vier Schlafräume – drei für Männer und einer für Frauen – mit jeweils fünf Stockbetten. „Noch immer sind rund 80 Prozent unserer Gäste Männer, aber der Anteil der Frauen steigt kontinuierlich“, berichtet Starc. Auf einigen Betten stehen randvolle Kisten. „Das sind die Habseligkeiten unserer Gäste. Wer 90 Nächte am Stück bei uns übernachtet, bekommt ein fixes Bett und kann seine persönlichen Dinge hier aufbewahren.“ Alle Schlafplätze sind mit Bettwäsche ausgestattet – keineswegs selbstverständlich für eine Notschlafstelle.
Ziel? „Raus aus der Obdachlosigkeit“
Das Eggerheim entwickelt sein Angebot laufend weiter. „Seit einem Monat haben wir eine Handyladestation, Lebensmittel stehen zur freien Entnahme bereit und dort drüben hängen Fotos von den Ausflügen, die wir für unsere Gäste organisieren.“ Daneben finden sich Inserate für leistbare Wohnungen. Denn das oberste Ziel sei immer, Menschen wieder in ein selbstständiges Leben zu begleiten. „Zuerst geht es darum, einen sicheren Rückzugsort und Stabilität zu schaffen. Erst danach kann der nächste Schritt folgen.“
Dennoch stößt das Eggerheim zunehmend an finanzielle Grenzen. Im Sommer mussten die Öffnungszeiten der Tagesstätte bereits eingeschränkt werden. „Die Notschlafstelle wird glücklicherweise vollständig von der Stadt Klagenfurt finanziert. Die Wohnungslosentagesstätte ist jedoch zu rund zwei Dritteln auf Spenden angewiesen – und diese gehen leider überall zurück.“
Kritik an Landesregierung
Besonders kritisch sieht Starc die Finanzierung durch das Land Kärnten. „In anderen Bundesländern übernimmt die öffentliche Hand - oft direkt die Landesregierung - den Großteil der Kosten. Bei uns lässt das Land leider vieles offen. Dabei gibt es in ganz Kärnten keine vergleichbare Einrichtung. Die Menschen kommen sogar aus den Bezirken zu uns.“
Der Handlungsbedarf sei groß. Während die finanziellen Mittel immer knapper würden, steige die Zahl der Hilfesuchenden kontinuierlich. „Vor zehn Jahren haben rund 500 verschiedene Menschen unsere Hilfe in Anspruch genommen. Heute sind es bereits mehr als tausend. Und alle Prognosen zeigen, dass diese Zahl weiter steigen wird. Wir blicken mit großer Sorge in die Zukunft.“