Zur Blütezeit lebten hier mehrere Tausend Menschen, heute sind es gerade noch 900. Vordernberg war einst eine betriebsame Industriegemeinde mit internationaler Bedeutung. Jahrhundertelang wurde hier aus dem Erz des Erzbergs Roheisen erzeugt. Die Montanuniversität wurde 1840 als Montanlehranstalt ursprünglich hier gegründet, bevor sie nach Leoben verlegt wurde. Seit einiger Zeit bemüht man sich in der steirischen Kunstszene, dem aussterbenden Ort neues Leben einzuhauchen. 2015 veranstaltete der steirische herbst hier ein theatrales Detektivspiel, das Theater im Bahnhof thematisierte die Flüchtlingskrise, 2022 verlegte die Band Wagersfeld Bruce Springsteens „Nebraska“ nach Vordernberg.
Doch es blieb zunächst bei vereinzelten Akzenten. „Das war alles nicht nachhaltig“, bedauert Luise Kloos, steirische Künstlerin und Kulturvermittlerin. Um eben diese Nachhaltigkeit zu erreichen, hob sie vor zwei Jahren gemeinsam mit der Gemeinde Vordernberg und dem Verein „Freunde des Radwerks IV“ das internationale Artist-in-Residence-Programm (AIR) „Mythos Erz“ aus der Taufe. Heuer findet es bereits zum dritten Mal statt, diesmal mit dem Titel-Zusatz „Vision Vordernberg“. Seit 7. Juli arbeiten Kloos und acht weitere Kunstschaffende aus fünf verschiedenen Ländern an ihren jeweiligen Beiträgen für eine Ausstellung im Radwerk IV, die am kommenden Samstag (18.7.) eröffnet wird.
Die dort vertretenen Kunstrichtungen sind breit gefächert. Die aus Salzburg stammende Künstlerin Veronika Erhart und der im Ort lebende Bildhauer Johann Dorfmeister etwa arbeiten an Metallskulpturen, der Triestiner Künstler Davide Skerlj mit Gipsmasken und Stempeln. Die junge Kroatin Lara Rušec beschäftigt sich in Form eines mit verschiedenen Materialien gestalteten Buchs auch mit der Rolle der Frau in der Geschichte der Erzverarbeitung.
Wie im Vorjahr sind auch Kinder aus der Region eingebunden. Insgesamt 270 Schülerinnen und Schüler der Volksschulen in Trofaiach und in Gai nahmen im Juni zuerst an historischen Führungen und künstlerischen Workshops teil. Dabei entstanden Zeichnungen und Bilder, die im Rahmen der Ausstellung im Radwerk IV und im ehemaligen Proviantdepot, dem sogenannten Kastenhaus zu sehen sein werden.
Die Ausstellung läuft bis 24. Oktober. Bei der Finissage sind die Uraufführung einer Auftragskomposition von Anselm Schaufler und eine Lesung mit Wolfram Berger geplant. Anschließnd beginnen auch schon die Planungen für das nächste Mythos Erz Vordernberg, denn zumindest für 2027 ist die Weiterführung des Projekts im Rahmen der genehmigten Förderungen gesichert.
Wie es dann weitergeht? „Ich bin bereit zu kämpfen, dass es Geld gibt“, sagt Kloos und gibt sich überzeugt, dass man mit zeitgenössischer Kunst einen Ort transformieren kann: „Indem andere Menschen auf die Idee kommen, hier leben zu wollen oder eine Firma zu gründen. Es gibt so viele leere Räume und kaum noch Infrastruktur: ein kleines Geschäft, ein Gasthaus, kein Café, tageweise einen Arzt.“