Rein physikalisch kann Regen nicht aus allen Richtungen kommen. Von unten nach oben hat es gestern Abend tatsächlich nicht geregnet, aber Nord-, Süd-, Ost- und Westseite des Bürogebäudes, in dem ich arbeite, waren nach dem heiß ersehnten Regenguss mindestens so nass wie das Dach. Und das war noch gar nichts; meine Kolleginnen und Kollegen hatten alle Hände voll zu tun beim Berichten über die Unwetter: Gewitterstürme, Hagel, Sturmspitzen bis 100 km/h waren angesagt, die GeoSphere Austria rief bis Mitternacht die höchste Unwetter-Warnstufe aus.
Ich hoffe, Sie wurden nicht getroffen von den Überschwemmungen, umstürzenden Bäumen, gekappten Leitungen, Stromausfällen, über die wir berichten, und können ohne Sorgen in den für heute angekündigten Schönwettertag starten. Und vielleicht haben Sie beim Aus-der-Tür-treten noch Zeit für einen tiefen Atemzug und eine Nase voll Petrichor.
So nennt man den Geruch, der entsteht, wenn Regen auf trockene Erde trifft. Es ist ein wissenschaftlicher Begriff, geprägt vom australischen Mineralogenduo Isabel J. Bear und Richard G. Thomas. 1964 ist das Wort im Wissenschaftsmagazin „Nature“ erstmals publiziert worden, es setzt sich aus den altgriechischen Wörtern für Fels (petra) und Götterblut (ichor) zusammen und entsteht aus einer Substanz, die Pflanzen in Trockenperioden an den Boden abgeben und die vom Regentropfen in die Luft zerstäubt wird – gemeinsam mit einem Stoff namens Geosmin, der zwar nach einem obskuren Nahrungsergänzungsmittel klingt, aber von Bakterien gebildet wird und nach Erde riecht.
Das alles klingt jetzt vielleicht nicht sehr ansprechend: Dabei riecht Petrichor extrem anheimelnd. Es ist ein Duft, der glücklich macht – und den wir Menschen, sonst nicht gerade für unsere empfindsamen Nasen berühmt, sogar in extremer Verdünnung wahrnehmen können: Geosmin erschnuppert unsereins auch in winzigsten Mengen, bei einer Konzentration von nur 5 Nanogramm pro Liter Wasser.
Man nimmt an, dass die besondere Empfindlichkeit unseres Geruchssinns für Petrichor evolutionäre Vorteile brachte – immerhin verhieß der Geruch von Regen frisches Wasser, fruchtbaren Boden, Pflanzenwachstum, bejagbare Tiere. Bis in die Gegenwart haben Studien gezeigt, reduziert der Duft messbar Stress und beruhigt die Nerven. (Bei manchen unserer Mitgeschöpfe dürfte der Effekt noch weiterreichen: Ein australischer Biologe vermutet in Petrichor den Brunstauslöser bei weiblichen Kängurus. Kaum liegt der Geruch von Regen in der Luft, wissen sie: Es wird Zeit, Junge aufzuziehen.)
Weil der Mensch so positiv darauf reagiert, hat die Parfümindustrie natürlich bereits versucht, Petrichor nachzubilden. Bleibt also der Regen allzu lange aus, könnte man die Nase zum Trost in Herrenparfums wie H24 von Hermès und Rain Essence von Bulgari oder in Unisex-Düfte wie When the Rain stops von Martin Margiela stecken. Allerdings ist der Geruch auch nicht immer und überall angenehm: Wegen des Erd-Aromas von Geosmin mögen manche Menschen weder Rote Rüben noch Karpfenfleisch. Abhilfe schaffen da Saures wie Zitronensaft oder Essig, die den Stoff zersetzen.
Zurück zum Schlechtwetter. Es ist, wenn die zuversichtlicheren Prognosen stimmen, bereits wieder vorbei, die nächsten Tage steht uns stabiler Sonnenschein bei Temperaturen unter 30 Grad bevor. Wenn Sie dann den Duft von Petrichor vermissen, denken Sie an die Menschen, die im nordostindischen Mawsynram zuhause sind, dem nassesten Ort des Planeten. Der Jahresniederschlag beläuft sich dort auf durchschnittlich knapp 12 Meter. Schwer zu sagen, ob es die Leute dort fröhlich macht, wenn Petrichor in der Luft liegt.
Ihnen einen schönen Tag!
Herzlich, Ute Baumhackl