Ronald Koeman, Sebastian Beccacece, Steve Clark, Hong Myung-bo, Miroslav Koubek, Sabri Lamouchi, Marcelo Bielsa. Diese sieben Männer stehen jetzt fürs Erste ohne Arbeitsplatz da. All diese Herren mussten ihre Fußballverbände nämlich nach dem jeweiligen WM-Aus in Nordamerika als Teamchefs verlassen. Und damit wird die WM zunehmend zum Trainerfriedhof. Vorangingen den Entlassungen bzw. Rücktritten allerorts sportliche Enttäuschungen.
Der Prominenteste im Bunde ist mit Sicherheit Koeman. Der niederländische „Bondscoach“ musste seine zweite Amtzeit nach dreieinhalb Jahren und 44 Spielen (Punkteschnitt: 1,84) beenden. Nach dem Ausscheiden im Elferschießen des Sechzehntelfinals gegen Marokko trat er zurück. „Ich hatte das Privileg, für Vitesse Arnheim, Ajax Amsterdam, Benfica Lissabon, PSV Eindhoven, Valencia, AZ Alkmaar, Feyenoord Rotterdam, Southampton, Everton, den FC Barcelona und natürlich zweimal für Oranje zu arbeiten. Genau deshalb schmerzt es, dass meine Zeit bei Oranje so endet“, schrieb Koeman, der die Niederlande bei der EM 2024 als Nachfolger von Louis van Gaal ins Halbfinale geführt hatte, auf Instagram. Worte, die nach einem endgültigen Abschied aus dem Trainerbusiness klingen. Auch, weil Koeman auf die schwere Krankheit seiner Gattin verwies. Dies habe ihm noch einmal mehr bewusst gemacht, „dass es Wichtigeres als Fußball gibt.“
Ebenfalls in der ersten K.o.-Runde musste sich Ecuador um Cheftrainer Beccacece mit 0:2 gegen Mexiko verabschieden. Was den 45-jährigen Argentinier, der nie die große Liebe der ecuadorianischen Fußballfans genoss, zum sauberen Schnitt mit dieser Karrierestation bewog. „Die Ergebnisse geben den Ton an, heute muss ich mich verabschieden“, sagte er am Tag nach dem Aus, betonte aber, diesen Schritt „mit großer Dankbarkeit, großer Gelassenheit und innerem Frieden“ zu tun, denn: „Wir haben alles gegeben.“ Nach elf Monaten im Amt kam also schon das Aus. Eines, das er mit dem 2:1 gegen Deutschland und dem damit verbundenen Aufstieg aus der Gruppe zumndest um ein Spiel hinausgezögert hatte.
Von selbst ging ebenso der Schotte Clarke. 28 Jahre nach der letzten WM-Teilnahme in Frankreich hatte er die Schotten zwar zu ihrer neunten WM geführt, Rang drei durch einen 1:0-Erfolg über Haiti war mit drei Punkten und negativem Torverhältnis jedoch zu wenig, um erstmals in die K.o.-Phase zu gelangen. „Der emotionalste Teil dieses Abschieds gilt meinen Spielern, ohne die wir keine der Erinnerungen hätten, die wir von 2019 bis heute gesammelt haben“, beendete der erfolgreichste Schottland-Teamchef der Geschichte seine siebenjährige Amtszeit mit zusätzlich noch zwei EM-Teilnahmen nur wenige Minuten nach dem WM-Aus mit einem Brief an die Fans.
Auch nur einen Sieg holte Südkorea (2:1 gegen Tschechien) und schied als dritter aus. Eine schmach für die stolzen Asiaten, deren Fans eine Petition ins Leben riefen, die den Rücktritt von Hong forderte. Als sich sogar Staatspräsident Lee Jae-myung mit harten Worten in die Debatte einmischte, nahm der Teamchef schnell und still den Hut. Das gleiche Schicksal ereilte den Trainer vom Letzten dieser Gruppe, Tschechien. Nach nur einem Punkt (1:1 gegen Südafrika) wurde beim Aus von Miroslav Koubek von einer einvernehmlichen Lösung berichtet.
Tunesien wechselte seinen Trainer sogar lange vor dem WM-Aus nach der Gruppenphase. Das 1:5 zum Auftakt war das Aus für Sabri Lamouchi. Nachfolger Hevre Renard machte es nur bedingt besser, Tunesien schied punktlos und mit 2:12 Toren als Stockletzer aus. Dass Kap Verde sensationell mit drei Punkten aufstieg, ist auch dem Auslassen von Uruguay geschuldet, das selber nur zwei Remis erreichte. Zu viel für den Verband und auch Teamchef Bielsa, der in einer hundertminütigen Rücktritts-Pressekonferenz zur Wutrede ansetzte und für sich feststellte: „Ich merke, wenn es jemanden interessiert, was ich weiß. Nichts, was ich zu vermitteln versucht habe, war wichtig, auf keiner Ebene.“
Die nächsten Trainerwechsel sind wohl nur eine Frage der Zeit
War‘s das jetzt schon? Auszugehen ist davon nicht, schließlich haben einige noch im Bewerb befindliche Teams die allerhöchsten Ansprüche. Was passiert, wenn der Deutsche Thomas Tuchel mit England nicht Weltmeister wird? Beliebt ist er – schon ob seiner Staatsbürgeschaft – nicht gerade.
Und was passiert eigentlich mit DFB-Dirigent Julian Nagelsmann nach dem peinlichen Elfer-Aus gegen Paraguay? Er gab nach der Rückkehr nach Deutschland noch kein Statement ab, sagte aber unmittelbar nach dem Ausscheiden, „keiner, der wegläuft“ zu sein. Will man den Neustart mit neuem Trainer begehen, muss der DFB ihn wohl rauswerfen. Auch, weil Nagelsmann im Falle der Kündigung eine saftige Abfertigung blüht. Er würde sich jedenfalls in die magere Rücktrittskultur in Deutschland einreihen. Denn auch seine Vorgänger Jogi Löw und Hansi Flick traten nach ihrem Scheitern nicht aus freien Stücken zurück. Vom Sportdirektor gibt‘s immerhin weiter Rückendeckung. „Für mich ist Julian immer noch der richtige“, sagte Rudi Völler.
Immerhin: Österreichs Trainerfrage ist geklärt. Ralf Rangnick verlängerte schon vor der WM seinen Vertrag mit dem ÖFB.