„Serbien siegt“, lautete die Propagandabotschaft des mehrere hundert Quadratmeter großen Werbeplakats, das sich in der vergangenen Woche plötzlich über 13 Stockwerke des 1939 errichteten und denkmalgeschützten Wolkenkratzers „Palata Albanija“ spannte. Doch nicht die Denkmal-, sondern Vogelschützer brachte der Belgrader Ortsverband der Regierungspartei SNS mit seinem wenig durchdachten Vorwahlkampfeinsatz auf die Barrikaden.
„Sehr schwer erträglich“ sei es, selbst in der Nacht die Trillerrufe der immer wieder anfliegenden Alpensegler zu hören, die vergeblich versuchten, ihren Nachwuchs zu füttern, klagte die aufgebrachte Umweltschutzaktivistin Jelena Banac am Wochenende. Seit 2018 nisten in der Fassade des altehrwürdigen Hochhauses am Beginn der Belgrader Fußgängerzone die auch in Serbien streng geschützten Alpensegler: Ornithologen sprechen gar von der vermutlich größten Kolonie der Zugvögel im Balkanstaat. Auf 50 bis 100 Paare wird von ihnen der Bestand der Alpensegler in der Millionenmetropole Belgrad geschätzt – der Großteil nistet im Palata Albanija.
Polizei wollte Plakat statt Vögel schützen
Die wendigen Segler können sich zwar im Flug ernähren, schlafen und sich paaren. Doch ihre zumeist aus ein bis drei Eiern geschlüpfte Brut ziehen die erdscheuen Flugvirtuosen doch lieber in sicheren Felsspalten, auf Klippen oder eben auf den Simsen und in den Schlupflöchern der Fassaden und Dächer von hohen und freistehenden Gebäuden groß.
Gegen die dicke Kunststofffolie des SNS-Werbebanners waren jedoch weder die Flugkünste noch Schnäbel der verzweifelten Vielflieger gewappnet – der Nachwuchs musste wegen des versperrten Zugangs zu den Nestern hungern. Die von Vogelschützern am Freitag vergeblich alarmierte Polizei rückte erst am Samstagnachmittag an, als erste Demonstranten den Verkehr blockierten: Statt der geschützten Vögel schienen die Gesetzeshüter zunächst allerdings eher das für den Alpensegler-Nachwuchs lebensbedrohliche Politbanner zu schützen.
Erst auf Intervention des Umweltministeriums wurde das SNS-Banner am Samstagabend doch noch demontiert – unter dem begeisterten Beifall und hämischen Anfeuerungsrufen von Vogelschützern und Regierungsgegnern. „Es ging den Leuten gar nicht um den Vogelschutz“, grollte hernach missmutig der allgewaltige Präsident Aleksandar Vucic: „Es hat sie nur das Plakat gestört.“
Einige der ausgehungerten Jungvögel werden nun im Belgrader Sinisa-Stankovic-Institut für Biologie wieder aufgepäppelt. Die meisten von ihnen haben die Tortur der fast dreitägigen Familientrennung aber erstaunlich gut überstanden – und werden nun endlich wieder von ihren umsichtigen Eltern unter die Fittiche genommen – und gefüttert. „Die Alpensegler haben das Regime-Plakat vom serbischen Sieg besiegt“, vermeldete die Zeitung „Danas“ zu Wochenbeginn zufrieden das Vogel-Happy-End in Belgrad.