„Überfall“ heißt das neue Buch, das Franz-Stefan Gady geschrieben hat. Darin wirft der gebürtige Steirer, der in den vergangenen Jahren zu einem der wesentlichen Erklärer des Ukraine-Konflikts in der deutschsprachigen Medienlandschaft geworden ist, die Frage auf, was passieren würde, wenn der Krieg nach Österreich kommt. Wie würden die politischen Entscheider reagieren? Was würde zum Ziel werden? Und würde uns die Neutralität nicht irgendwie schützen können?

Fiktives Ausgangsszenario des Buches ist ein russischer Angriff auf die Nato im Jahr 2029. Russland greift Litauen an und versucht das Baltikum durch die Einnahme der schmalen Suwalki-Lücke, die seit dem Ende des Kalten Krieges als größte Schwachstelle gilt, zu isolieren. Weil auch die Versorgungswege im Norden abgeschnitten werden, muss die Nato von Süden her Soldaten und Material nachschieben – der schnellste Weg führt dabei über Österreich. Im Kreml hat man das allerdings einkalkuliert. Mit Marschflugkörpern und Drohnen werden wichtige Brücken, Tunnel und Bahnhöfe entlang der österreichischen Hauptverkehrsachsen angegriffen, gleichzeitig verüben eingesickerte russische Saboteure Anschläge auf andere strategisch bedeutsame Ziele. Durch Österreich rollen zwar keine russischen Panzer, dennoch ist das Land zum Kriegsschauplatz geworden.

Am Mittwochabend nahm Gady bei einer gemeinsamen Veranstaltung der Kleinen Zeitung, der „Presse“ und der Styria Buchverlage auf dem Podium Platz, um über sein Buch und mögliche Schlussfolgerungen für die heimische Politik zu diskutieren. Worum es ihm geht und was der Antrieb für „Überfall“ war, wird dabei schnell klar. Aus Sicht des Militäranalytikers ist Österreich derzeit schlecht bis gar nicht auf eine Konfrontation zwischen Russland und der Nato vorbereitet – nicht nur weil es militärische Fähigkeitslücken etwa bei der Luftverteidigung gibt, sondern vor allem auch deshalb, weil nicht ausreichend für ein solches Szenario geplant wird.

So ist es laut Gady vollkommen unklar, wie Österreich mit der Nato und den Nachbarstaaten zusammenarbeiten würde, wenn das Land zum Ziel russischer Angriffe wird. „Wir müssen diese Sachen durchexerzieren, nur dann bekommt auch das Bundesheer Planungssicherheit“, sagt Gady. Problematisch sei in diesem Zusammenhang auch, dass die politische Debatte über die Verlängerung der Wehrdienstzeit nur sehr zurückhaltend geführt wird und der dringend benötigte Aufbauplan für das Bundesheer in wesentlichen Bereichen nur stockend umgesetzt wird. „Wir sind prinzipiell auf dem richtigen Weg, aber es kann durchaus sein, dass uns die Zeit ausgeht“, sagt Gady, der auch regelmäßig eine Kolumne in der Kleinen Zeitung schreibt.

„Neutralität bietet keinen Schutz“

Dass die Neutralität keinen Schutz bietet, steht für den Militäranalytiker dabei fest, die Geografie, die Österreich zur entscheidenden Nachschubroute macht, sticht das Völkerrecht. In der von Kleine-Chefredakteurin Christina Traar und „Presse“-Innenpolitik-Chef Oliver Pink moderierten Diskussion will Gady aber auch nicht eine ideologische Grundsatzdebatte über die Neutralität führen und schon gar nicht für ihre Abschaffung plädieren. Zentral ist für ihn stattdessen, dass die politischen Entscheider sich der mangelnden Schutzwirkung bewusst sind und auch entsprechend handeln.

Für Gady soll das Buch aber nicht nur Weckruf sein. „Ich will damit auch den Menschen die Angst nehmen“, sagt der Militäranalytiker. Denn das skizzierte Problem sei prinzipiell ein lösbares, dass der russische Angriff ein plausibles Szenario darstelle, bedeute nicht, dass ein solcher Krieg auch tatsächlich stattfinden müsse. Also doch nicht alles nur düster und bedrohlich? Nein, sagt Gady, als es am Ende der Diskussion auch persönlich wird. Obwohl er sich seit vielen Jahren hauptsächlich mit Krieg beschäftige, glaube er paradoxerweise immer mehr an das Gute im Menschen. „Wenn ich in der Ukraine bin, sehe ich auch, wie groß die Bereitschaft der Menschen ist, für andere Menschen etwas zu tun“, sagt Gady. „Und das bestärkt mich eigentlich immer.“