Wie sinnvoll sind Wettbewerbe, in denen schriftliche Arbeiten von Schülerinnen und Schülern prämiiert werden? Die Frage stellt sich mir als Mitglied einer Jury, die Abschließende Arbeiten für eine Auszeichnung vorschlägt. Bisher war die Sinnhaftigkeit kein Thema; doch mit künstlicher Intelligenz lassen sich Arbeiten ohne eigene Leistung (fast) perfekt erstellen.

Das wirkt sich nicht nur auf Wettbewerbe aus. Wir sind es gewohnt, schriftliche Arbeiten als wesentliche Grundlage für die Beurteilung zu sehen, ob das Bildungsziel erreicht wird. Die künstliche Intelligenz erfordert ein Umdenken. Wir müssen fragen: Was muss und kann Schule leisten? Und das immer vor dem Hintergrund der rasanten Entwicklung künstlicher Intelligenz.

Das sind nicht nur bildungspolitische Fragen. Es sind Fragen, die für die Demokratie und unsere Gesellschaft von entscheidender Bedeutung sind. Denn die Schule ist noch immer ein wesentlicher Ort, durch den die Gesellschaft Einfluss auf die Entwicklung der nachfolgenden Generation nehmen kann.

Welche Werte werden vermittelt? Welchen Stellenwert hat die Demokratie, hat die Gemeinschaft, hat das Miteinander? Das kann ein schwieriger Spagat zwischen den Vorgaben eines Lehrplans und den tatsächlichen Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler sein. Sicher scheint jedenfalls, dass der Umgang mit künstlicher Intelligenz nicht ausgeklammert werden kann. Wer sich nicht damit auseinandersetzt, sich nicht mit ihren Chancen und Gefahren vertraut macht, wird sich in unserer Welt zunehmend fremd fühlen. Und damit auch Gefahr laufen, Opfer einer gewissenlosen Manipulation zu werden.

Eine, auf künstliche Intelligenz bezogen, „natürliche Dummheit“ ist keine Option.

Irmgard Griss
Irmgard Griss © Sonstiges

Irmgard Griss war Präsidentin des Obersten Gerichtshofs und Abgeordnete zum Nationalrat der Neos.