„Every minute seems like a torture.“ Jede Minute erscheint wie eine Qual. Oliver Welter, Mastermind von Naked Lunch, eröffnete mit „God“ das Klagenfurt Festival. Welter war zerbrechlich und fragil, dekonstruierte mit Verve sein Songwerk und zeigte psychedelische Entschlossenheit.
Erschöpfte Glückseligkeit
Der Opener „God“ – aus dem Album „Songs for the Exhausted“ – markierte 2004 eine Art Auferstehung von Naked Lunch. Mit dem neuen Album im Vorjahr („Lights and a slight Taste of Death“) gelang die abermalige Wiederbelebung einer Band, die sich nie etwas schenkte. Liebe und Leid, Bekümmertheit und Freude, Bombast und Fragilität – Welter bediente alle Gefühle. Leider war der Sound stellenweise etwas dürftig und Welters Stimme ging im Musikgewirr unter. Doch die Songs blieben betörend. Der gebürtige Klagenfurter Welter gehört unbestritten zu den besten Song-Writern im deutschen Sprachraum. „The Party is over. We‘ve been an Army now I am one.“ Die Party ist vorbei. Wir waren eine Armee, nun bin ich allein. Es sind Sätze wie diese, die Welters poetische Kraft verdeutlichen.
Neue Band am Werk
Mit seiner neuen Band (Romy Javkovciv am Bass, Boris Hauf an den Keyboards, Alex Jezdinski am Schlagzeug und Wolfgang Lehmann an der Gitarre) dekonstruierte Mastermind Welter sein Songwerk, zeigte psychedelischen Mut und Stoßkraft. Gerade in den elegischen Momenten wirkte die Band wie eine gut geschmierte Einheit. Alte und neue Nummern wechselten sich ab und dann stellte sich die Frage: „If this is the last Song you can hear“. Was wäre dann, wenn das der letzte Song ist, den man hören würde? Naked Lunch hat vermutlich keinen einzigen schlechten Song geschrieben. Nie. Das muss man können. Und so sehr sich Welter beim Konzert auch manchmal zu sehr darauf konzentrierte, über das viel zu laute Publikum zu schimpfen, so gab es keinen einzigen schlechten Song.
Dann öffnete er die Tore zum Himmel
Immer wieder sagte er, dass er so froh sei, erneut hier zu sein: An dem Ort, der für ihn so ambivalent ist, eben Klagenfurt. Große Liebe und großer Jammer – das gehört bei Welter zusammen. Irgendwann erinnerte Welter auch an seinen früh verstorbenen Freund Georg Timber-Trattnig. Und damit tauchte er in die frühen 1990er-Jahre ein: „Embrace my pain. And let me kiss your tragic beauty.“ Umarme meinen Schmerz und lass mich deine tragische Schönheit küssen, heißt es da. In diesem Moment öffnete Welter die Tore zum Himmel, strafte alle Kritiker Lügen und zog hinaus in das ewige Land, in dem Emotionen eine harte Währung sind. Ein zerbrechlicher Abend, von hoher spiritueller Kraft getragen. Getanzt auf einem dünnen, gläsernen Band. Von einem Künstler, bei dem man immer das Gefühl hat, dass er jeden Moment das Konzert hinschmeißen könnte. Er tat es nicht und tröstete die Wollenden bis zum Ende mit dem hohen Lied von Leiden und Schönheit. Danke Naked Lunch!