„Motivierte, über die Lehre qualifizierte Jugendliche und junge Erwachsene erwarten beste Perspektiven am Arbeitsmarkt, aber auch vielfältige Weiterbildungsmöglichkeiten bzw. Karrierechancen“, sagt Benno Tosoni von der Wirtschaftskammer Kärnten (WKK). Diese Einschätzung verweist auf eine Entwicklung, durch die die Lehre in den vergangenen Jahren strukturell, rechtlich und inhaltlich deutlich aufgewertet wurde.
Mehr Rechte, mehr Qualität, mehr Einkommen
Ein zentraler Fortschritt zeigt sich im rechtlichen Rahmen. Der betriebliche Teil der Lehrausbildung in Österreich basiert auf dem Berufsausbildungsgesetz (BAG), das die Inhalte sowie die Rechte und Pflichten klar definiert. Ergänzt wird es durch allgemeine arbeitsrechtliche Bestimmungen sowie durch spezielle Schutzvorschriften für Jugendliche, die beispielsweise im ArbeitnehmerInnenschutzgesetz (AschG) verankert sind. Für Lehrlinge bedeutet das vor allem Sicherheit. Arbeitszeiten, Pausen und Tätigkeitsbereiche sind klar geregelt, und die Qualität der Ausbildung wird laufend überprüft. Im Vergleich zu früheren Jahrzehnten ist die Lehre damit deutlich transparenter und fairer geworden.
Auch finanziell hat sich die Lehre erheblich verbessert. „Im Zeitraum von 2015 bis 2024 sind die Lehrlingseinkommen je nach Lehrjahr zwischen rund 75 und 100 Prozent gestiegen”, erläutert der Leiter der Lehrlingsstelle der WKK. Diese positiven Entwicklungen spiegeln sich auch in den Rückmeldungen der Lehrlinge wider. Laut Lehrlingsmonitor 2026 sind 85 Prozent der Lehrlinge zufrieden oder sehr zufrieden mit ihrer Ausbildung.
Lehre als Antwort auf den Fachkräftemangel
Aktuellen Zahlen zufolge dürften in Kärnten bis 2050 bis zu 50.000 Erwerbstätige fehlen. Dies ist vorwiegend auf die demografischen Gegebenheiten zurückzuführen. Schon seit Jahren besteht verhältnismäßig das größte Defizit bei Fachkräften mit dualer Ausbildung.
Neben einem verstärkten Engagement der Betriebe braucht es laut Lehrlingsstelle auch neue Zugänge: Frauen in technischen Berufen, Jugendliche mit Migrationshintergrund, junge Erwachsene sowie Studienabbrecher:innen müssen gezielt angesprochen werden. Gleichzeitig werden strukturelle Hebel diskutiert, etwa finanzielle Entlastungen für Ausbildungsbetriebe oder flexiblere Arbeitszeitregelungen. Das Ziel besteht darin, die Lehre für Unternehmen und Auszubildende gleichermaßen attraktiver zu gestalten.
Lehre ist keine Einbahnstraße mehr
Ein entscheidender Unterschied zu früher liegt ebenso in der Durchlässigkeit des Systems bzw. in den Möglichkeiten zur Höherqualifizierung. Die Lehre ist heute kein Einbahnsystem mehr, sondern ein Einstieg in vielfältige Karrierewege. Mit der Einführung der Höheren Beruflichen Bildung (HBB) wurde ein Rahmen geschaffen, der berufliche Abschlüsse stärker aufwertet. „Dank der HBB gibt es nun die Grundlage, formal anerkannte Berufsbildungsabschlüsse zu schaffen, die gleichwertig zu den hochschulischen Abschlüssen verlaufen und dem Nationalen Qualifikationsrahmen zugeordnet sind“, so Benno Tosoni. Zudem absolvieren viele ehemalige Lehrlinge eine Meister- oder Befähigungsprüfung und legen damit den Grundstein für Führungspositionen oder den Schritt in die Selbstständigkeit.
Moderne Berufsbilder und eine breite Auswahl
Auch inhaltlich hat sich die Lehre weiterentwickelt. Heute stehen rund 200 Lehrberufe zur Auswahl, die laufend ergänzt und modernisiert werden. Die Berufsbilder werden kontinuierlich angepasst, um noch schneller und zielgenauer auf technische Entwicklungen sowie aktuelle Themen wie Digitalisierung, KI oder Klimaschutz reagieren zu können.
Außerdem gewinnt der Quereinstieg zunehmend an Bedeutung. „Aufgrund des Fachkräftemangels besteht ein großes Interesse, Personen ohne Berufsabschluss zu qualifizieren“, ergänzt der Lehrstellenleiter. Grundsätzlich hat jede berufstätige Person mit entsprechender einschlägiger Praxis, die noch über keinen Berufsabschluss verfügt, die Möglichkeit, die Lehrabschlussprüfung auf außerordentlichem Weg abzulegen. Dabei kann sie durch Vorbereitungskurse, etwa am WIFI Kärnten, unterstützt werden. Für Schul- oder Studienabbrecher:innen verkürzt sich die Ausbildungszeit, und zusätzliche Förderungen erleichtern den Einstieg. Mit der Dualen Akademie steht zudem ein Modell für Maturant:innen zur Verfügung, das eine verkürzte Lehre mit Zusatzqualifikationen verbindet.