Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, sind es auch auf verlässliche Informationen: Wo kann ich barrierefrei ein Restaurant besuchen, wie finde ich die entsprechend adaptierten Eingänge? Um an diese Informationen zu gelangen, verlassen sie sich auf entsprechende Einträge auf Internet-Diensten wie die Online-Karte Google Maps. Finden sie dann trotzdem Stufen statt Rampen vor, führt das nicht ins Restaurant, sondern zu Frust.
Das ist nur eines von vielen Problemen für Rollstuhlfahrerinnen und Rollstuhlfahrer, wie Elisabeth Lex von der TU Graz berichtet: „Weit verbreitete digitale Dienste wie Google Maps greifen auf Informationen zurück, die Nutzern selbst eintragen. Die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen werden dabei oft nicht ausreichend berücksichtigt, gerade bei Angaben zur Barrierefreiheit“, sagt die Professorin, die sich mit den Schnittstellen zwischen Menschen und Computern beschäftigt.
Auf Herausforderungen vorbereiten
Seit Sommer 2025 hat Lex die Stiftungsprofessur für „Human Computer Interfaces and Inclusive Technologies“ inne, die mit dem Ziel geschaffen wurde, digitale Barrieren abzubauen. Mitinitiator ist die Erzherzog-Johann-Gesellschaft Initiativ für Kinder und Jugendliche mit Behinderungen, ein Verein mit der Mission, Menschen mit Behinderungen auf die Herausforderungen eines Lebens vorzubereiten, in dem digitale Technologien integraler Bestandteil sind.
Mit finanzieller Unterstützung des Vereins konnte Lex eine sechsköpfige Forschungsgruppe um sicher versammeln, die mit ihr Möglichkeit sucht, Algorithmen im Internet fairer zu gestalten: „„KI-basierte Entscheidungs- und Empfehlungssysteme sind meist auf die Bedürfnisse der Mehrheit ausgelegt. Was sie nicht so gut abbilden, sind Minderheiten“, sagt Lex. Das führe oft dazu, dass die Algorithmen in Empfehlungssystemen nicht gut funktionieren und Rollstuhlfahrer zu Orten schicken, die nicht für sie geeignet sind.
Stadt-Land-Gefälle
Lex beschäftigt sich schon seit Jahren mit den Empfehlungssystemen im Internet, die Nutzer auf Basis ihrer Vorlieben und Interessen zu den entsprechenden Angeboten und Orten führen sollen. Die Daten, die für solche Empfehlungen herangezogen werden, haben aber oft nicht die benötigte Qualität. Am Beispiel von Empfehlungen zur Barrierefreiheit in Navigationsdiensten untersuchte Lex Daten aus den USA und fand dort ein starkes Stadt-Land-Gefälle vor: „In Städten gibt es viel mehr und deutlich differenziertere Daten als im ländlichen Raum, und entsprechend besser sind die Empfehlungen. Ob das in Europa auch so ist, möchten wir uns als nächstes anschauen.“
Die Erkenntnisse, die aus der Forschungsarbeit der Stiftungsprofessur hervorgehen, sollen vor allem eines bewirken: die Verbesserung der Datenqualität, damit die Informationen, die Algorithmen ausspucken für alle Nutzerinnen und Nutzer gleichermaßen hilfreich sind. Gleichzeitig möchte das Team gegen weit verbreitete algorithmische Verzerrungen in KI Systemen vorgehen, in der Fachsprache „Bias“ genannt: „Sie sorgt dafür, dass Frauen bei der Arbeitssuche immer noch schlechter bezahlte Jobs vorgeschlagen bekommen oder Menschen mit einem Musikgeschmack abseits der Masse schlechte Empfehlungen auf Spotify und Co. erhalten. Auch Menschen mit Behinderung sind von der Bias betroffen“, sagt Lex. Um das zu ändern, sei es wichtig, Betroffene viel stärker beim Training der Algorithmen miteinzubeziehen.
„Mehr Autonomie ermöglichen“
Auch bei den Daten selbst müsse mehr auf die Betroffenen gehört werden, schließlich sind sie es, die am besten wissen, wann ein Ort wirklich barrierefrei erreicht werden kann. Lex sieht noch großen Aufholbedarf bei Inklusion im digitalen Bereich: „Das Ziel von Technologie sollte immer sein, Menschen mehr Autonomie zu ermöglichen. Deshalb arbeiten wir mit unserer Forschung daran, Menschen mit Behinderungen auf ihrem Weg zu größtmöglicher Selbstständigkeit zu unterstützen.“