Im Meer überraschen Quallen kaum, so lästig sie auch sind. Aber in österreichischen Seen? Tatsächlich sorgen immer wieder Sichtungen von kleinen Süßwasserquallen für Aufsehen bei Badegästen. Auch in steirischen Gewässern. Vor allem bei den aktuell sehr hohen Temperaturen ist mit den Tieren zu rechnen.
„Dass man sie am häufigsten bei höheren Temperaturen entdeckt, liegt daran, dass sie zwischen Frühsommer und Sommer genügend Nahrung gefunden haben, um so groß zu werden, dass man sie mit bloßem Auge sieht und sie in hohen Dichten vorkommen können“, erklärt Wasserökologin Sabine Gießler von der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Quallen-Sichtungen in Schwarzlsee und Stubenbergsee bestätigt
Gesichtet wurden die Quallen in der Vergangenheit schon in vielen steirischen Gewässern, darunter im Schwarzlsee, den Schwarzlteichen bei Graz oder im Stubenbergsee. Grund zur Sorge ist das Vorkommen aber nicht: Die kleinen Quallen sind so harmlos wie faszinierend. Sie ernähren sich von Plankton, ihr Nesselgift ist so schwach, dass wir Menschen es nicht spüren.
Und: Das Auftreten der Tiere ist ein Zeichen für gute Wasserqualität, die zuletzt in der Steiermark für nahezu alle Badeseen bestätigt wurde – bis auf einen.
Was tun bei einer Sichtung von Quallen?
Sorge muss man vor den Quallen, wie gesagt, nicht haben. Vielmehr können ihre Nesseln die menschliche Haut nicht durchdringen. Damit geht von der Süßwasservariante niemals eine Gefahr aus, anders als von einigen Arten im Meer. Die Tiere sollen 1979 in Österreich erstmals nachgewiesen worden sein.
Was aber tun, wenn man eine Qualle sichtet? Schnorchel und Schwimmbrille aufsetzen – und beobachten. Da die Tiere ungefährlich sind, lasst sich ihre grazile Art durch das Wasser zu schweben durchaus in Ruhe erkunden. Die Berührung ist kaum spürbar und fühlt sich auf der Haut meist genauso an wie im Wasser schwimmendes Seegras. Sichtungen werden unter anderem im Biologiezentrum Linz gesammelt.
Quallen haben Nahrung im Überfluss – vor allem im Sommer
Doch woher kommen die Tiere überhaupt? Ursprünglich war die Süßwasserqualle in Europa nicht heimisch. Die Art stammt eigentlich aus dem Jangtsekiang-Becken in China, erklärt Gießler. Teil ihrer Forschungsgruppe ist auch Herwig Stibor. Der gebürtige Steirer ist Dekan der Fakultät für Biologie an der Münchner Hochschule. Er beschreibt, dass die Tiere meist in einer „ein, zwei Millimeter großen“ Polypenform existieren: „Die meisten Leute würden das für irgendein Stückchen Dreck halten.“ So sind sie selbst für ausgebildete Biologen mit freiem Auge kaum zu erkennen.
Unter dem Mikroskop sehen die Polypen aus wie ein kleiner Schlauch. An diesen „Schläuchen“ können sich neue Polypen „abschnüren“, also entwickeln und loslösen, aber auch die Medusen, die mehrere Zentimeter groß werden können – und dann für uns als Quallen erkennbar sind.
Fast nur Weibchen in den heimischen Seen
Die Medusen sind gewissermaßen die Schönwetterform der Qualle. Sie dienen dazu, die Tiere innerhalb eines Gewässers weiterzuverbreiten und werden ab Ende Mai bis September immer sichtbarer. Denn zu dieser Zeit finden sie Nahrung im Überfluss. In dieser Form können sich die Tiere dann auch sexuell mittels Eiern und Spermien fortpflanzen – theoretisch. Denn anscheinend verfehlen die Medusen hier ihren Zweck: „Nachdem in den meisten Seen nur Weibchen vorkommen, spielt die geschlechtliche Vermehrung kaum eine Rolle“, erklärt Gießler.
Neben der Medusen bilden die Süßwasserquallen noch zwei weitere Stadien aus: Sogenannte „Frusteln“, die sich einige Meter aktiv über den Boden bewegen und dort zu neuen Polypen heranwachsen können. Und auch eine Schlechtwettervariante bilden die Tiere – etwa im Winter. Bis zu 20 Jahre können sie in diesem „Dauerstadium“ ausharren, ohne Wasser oder Nahrung. Und in diesem Stadium kann sich die Qualle zwar natürlich nicht aktiv bewegen, kommt aber trotzdem am meisten herum, denn: „In dieser Form haben die Tiere viele kleine Häkchen, mit denen sie sich am Gefieder von Wasservögeln verhängen können“, erklärt Stibor. Und auch als blinde Passagiere von Export-Pflanzen reisen die Quallen in diesem Stadium gerne um die Welt – bis in die Steiermark.