Wenn der Regierungschef des bevölkerungsreichsten Landes in das vergleichsweise winzige Österreich kommt, wird in Wien alles aufgeboten. Obwohl sich der indische Premierminister Narendra Modi und der österreichische Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) schon am Dienstag zum Abendessen treffen, gibt es am Tag danach einen Empfang mit militärischen Ehren vor dem Bundeskanzleramt.

Militärische Ehren für Modi | Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) beim Militärempfang des indischen Premierministers Narendra Modi auf dem Ballhausplatz in Wien
Militärische Ehren für Modi
| Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) beim Militärempfang des indischen Premierministers Narendra Modi auf dem Ballhausplatz in Wien © TOPPRESS / Karl Schöndorfer

Nach einem einstündigen Gespräch treten die beiden Regierungschefs schließlich vor die Medien. Nehammer – ein Freund historischer Exkurse – betont in seinem Statement die geschichtliche Bedeutung Indiens für den Abschluss des österreichischen Staatsvertrags. Danach spricht der Kanzler über Modis Besuch bei Wladimir Putin. Unmittelbar vor seine Reise nach Wien hatte Modi ein demonstrativ freundschaftliches Treffen mit dem russischen Präsidenten. „Für mich war es daher besonders wichtig, die Einschätzung des Premierministers zu den Absichten Russlands in Bezug auf den Friedensprozess zu hören“, sagt Nehammer. Das gemeinsame Ziel sei laut dem Kanzler ein gerechter und dauerhafter Frieden.

Gemeinsames Statement nach dem Arbeitsgespräch  | Indiens Premierminister Narendra Modi und Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP)
Gemeinsames Statement nach dem Arbeitsgespräch
| Indiens Premierminister Narendra Modi und Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) © APA / Eva Manhart

Nach Nehammers Ausführungen applaudiert der indische Premierminister – als einziger im Raum. Für seine eigene Stellungnahme hat sich Modi extra einen Teleprompter aufbauen lassen, von dem er seine Rede abliest. Auch er selbst geht indirekt auf seinen Russland-Besuch ein, der just dann stattfand, als ein ukrainisches Kinderspital in Kiew beschossen wurde. „Probleme können nicht auf dem Schlachtfeld gelöst werden. Der Verlust unschuldiger Leben ist inakzeptabel. Ganz gleich, wo er stattfindet“, sagt Modi.

Unangenehmen Journalistenfragen muss sich der indische Premier nicht stellen. Sie sind gar nicht erst zugelassen. Direkt nach Modis Ausführungen endet die Pressekonferenz.

Modis zahlreiche Freunde

Für Nehammer ist der Besuch samt üppiger Wirtschaftsdelegation ein willkommener Auftritt in seinem Wahlkampf. Für Modi ist es ein weiteres kleines Kapitel seiner außenpolitischen Strategie. Er sucht seit Jahren die Nähe westlicher Regierungschefs. In seiner 10-jährigen Amtszeit hat er es geschafft, Indien wieder stärker auf dem internationalen Parkett zu positionieren. Davon profitierte Indien auch wirtschaftlich. Modis Reisen brachten viele ausländische Investitionen nach Indien. Seit Beginn seiner Amtszeit wuchs die indische Wirtschaft pro Jahr um mehr als 5 Prozent. Im Westen ist Modi ein willkommener Gast, denn die USA und Europa sehen Indien als mächtiges demokratisches Bollwerk gegen China, das in den vergangenen Jahrzehnten einen rasanten Aufstieg durchlebte.

Dabei wird Modi auch seine enge Beziehung zu Wladimir Putin verziehen. Russland ist für Indien ein strategisch wichtiger Partner. Indien kann nicht zulassen, dass sich Russland zu stark mit China verbündet. Denn für Neu-Delhi ist es essenziell, dass sich Moskau im Falle etwaiger chinesischer Aggressionen gegen Indien zumindest neutral verhält und sich nicht hinter Peking stellt. Außerdem profitiert die indische Industrie von den Sanktionen gegen Russland. Seit der Westen einen Preisdeckel auf russisches Öl verhängte, bekommt Indien billiges Öl aus Russland. Indische Bauern sind zudem auf russischen Dünger angewiesen.

Kritik von westlichen Regierungen gibt es daran kaum. Ebenso wenig wie an Modis autoritärer Politik im eigenen Land: Er arbeitet seit Jahren daran, das säkulare Indien in einen Hindu-Staat umzubauen und schürt negative Ressentiments gegen die rund 200 Millionen Muslime im Land. Gleichzeitig hat er das Gros der indischen Medien in Sprachrohre seiner Partei verwandelt. Kurz vor der vergangenen Parlamentswahl im Frühjahr wurde zudem der Oppositionspolitiker Arvind Kejriwal, einer seiner schärfsten Kritiker, festgenommen und inhaftiert.