Womit soll man anfangen? Mit der ukrainischen Fahne, die im diffusen Licht des anbrechenden Abends sanft im Wind weht, während im Fenster dahinter die Silhouetten tanzender Frauen zu erkennen sind? Idyllisch. Oder doch lieber andersherum: Eine junge Frau, die in der Frühlingssonne energisch eine Waffe zerlegt und putzt, eingehüllt in eine akustische Wolke aus nahem Vogelgezwitscher und fernem Gefechtslärm.
Die ukrainische Stadt Mariupol im Jahr 2015. Seit dem September verläuft zehn Kilometer östlich der Stadt die Front zwischen prorussischen Separatisten und ukrainischer Armee. Im Jänner starben beim Beschuss von Wohngebieten 31 Menschen. Das Wort Waffenruhe existiert nur auf dem Papier, die Menschen hier leben in einer Art Zwischenwelt aus permanenter Bedrohung und Alltag. Das ist der rote Faden, den der litauische Filmemacher Mantas Kvedaravicius hier 2015 gesucht und gefunden hat: „Mariupolis“, zu sehen in der Arte-Mediathek, nennt sich sein Film, der 2016 auf der Berlinale Premiere feierte.

Heute liegt Mariupol zu 90 Prozent in Trümmern und ist das Sinnbild für die Zerstörungswut des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine. Am 2. April wurde auch Mantas Kvedaravicius dort erschossen – die Kamera in seiner Hand, hieß es. Der 45-jährige Litauer wollte seinem Film „Mariupolis“ ein weiteres Kapitel hinzufügen.



Schachspieler, Tänzerinnen, Frontkämpfer, Straßenbahnfahrerinnen, Stahlarbeiter, ein Schuster: Kvedaravicius ist den Menschen nah. Nah am Versuch zu überleben, aber noch mehr, es ist der Versuch, zu leben. Es sind Miniaturen des Alltags, die der Filmemacher hier einfängt – aneinandergereihte Mosaiksteine, die in Summe einen ganzen Kosmos ergeben. „Man hört es die ganze Zeit, die Stadt wird angegriffen – wie soll man da leben?“, rückt Mantas Kvedaravicius das Gespräch zwischen einer jungen Frau und einem älteren Mann ins Bild, während rundum Tanzproben stattfinden. Das Leben geht weiter, nein, es muss weitergehen. Über allem schwebt hier das Weitermachen, nicht die Resignation.

Starb Anfang April in Mariupol: Regisseur Mantas Kvedaravicius
Starb Anfang April in Mariupol: Regisseur Mantas Kvedaravicius
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Sieben Jahre später legt sich naturgemäß der Filter der Melancholie über viele dieser Szenen – nicht zuletzt, wenn es Bilder aus dem Stahlwerk sind. Wie mag es diesen Menschen im aktuellen Konflikt ergehen? „Mariupolis“ ist eine Hommage an eine Stadt, ihre Bewohnerinnen und Bewohner. Eine Stadt, die nun dem Erdboden gleichgemacht wurde.

„Mariupolis“ ist in der Arte-Mediathek abrufbar oder im Arte-Channel auf YouTube mit englischen Untertiteln.