InterviewScala-Chef Dominique Meyer: "In Wien mischt man sich gern ein"

Dominique Meyer konnte vergangenen Dienstag mit Verdis „Macbeth“ seine zweite Saison an der Scala eröffnen - vor Publikum. Wir trafen den 66-jährigen Franzosen, der zuvor Intendant der Wiener Staatsoper gewesen war in Mailand.

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Dominique Meyer © AP
 

Zur Eröffnung haben Sie "Macbeth" programmiert. Die Scala ist kein Repertoirebetrieb wie die Wiener Staatsoper, sondern ein Stagione-Haus. War das eine große Umstellung?
DOMINIQUE MEYER: Nein, denn ich kenne beide Systeme sehr gut. Natürlich war zu meinem Direktionsbeginn die Epidemie die größte Herausforderung. Meine erste Wahrnehmung war, dass Chor, Orchester und Ballett hier erstklassig sind. Auch die Werkstätten arbeiten großartig. Nur die Organisation und Administration sind nicht mehr zeitgemäß. Arturo Toscanini hat einst gesagt, man kommt in die Scala herein und geht nie wieder weg. In übertragenem Sinn gilt das auch heute, denn die Scala ist ein sehr autoreferenzielles Opernhaus. Viele Menschen, die hier seit langem arbeiten, nehmen gar nicht wahr, dass es rundherum auch noch eine andere Welt gibt. Es gibt sehr viele unnötig komplizierte, spezifische Abläufe.

Zum Beispiel?
Es betrifft die Logistik, EDV und Verwaltung. Ich habe daher ein Modernisierungskonzept entwickelt. Dann möchte ich, wie schon in Wien, eine Streaming-Plattform aufbauen und Tablets für die Untertitel an den Sitzplätzen installieren. Das ist aber komplex, weil wir gleichzeitig die Akustik verbessern müssen. Die Sitze gehören nämlich modifiziert, weil sie viel vom Klang schlucken. Und schließlich wird auch die Website mit dem Kartenverkauf neu gestaltet.

Sie transferieren also einiges aus Wien nach Mailand?
Die Opernhäuser sollten aufhören zu denken, dass sie allein in der Welt sind. Sie sollten sich auch mit anderen Unternehmen vergleichen und das Beste von diesen zu sich holen. Denn so anders ist ein Opernbetrieb auch wieder nicht, bis auf kleine Unterschiede. Doch es steckt tief in den Köpfen, dass es etwas ganz Besonderes wäre.

Was schauen Sie sich da ab von anderen Unternehmen?
Etwa Verbesserungen in den Bereichen Ökologie und Effizienz. So haben wir den Energiebedarf analysiert und werden manches optimieren. Dann denken wir gerade darüber nach, wie man besser mit dem Abfall umgehen könnte. Wir wollen etwa das viele unnütze Papier reduzieren: In einer Spielzeit fallen bis zu zehn Tonnen Papier an. Auch auf sozialer Ebene wird Einiges geschehen – die Scala ist etwa noch nicht barrierefrei zugänglich. Und dann gibt es auch noch das Gleichbehandlungsthema: Frauen müssen mehr gefördert werden. So gab es in der Leitung der Scala bisher nur eine Frau, das verändern wir gerade.

Wie ist das Publikum der Scala strukturiert?
So wie die Wiener Staatsoper, hat auch die Scala rund 30 Prozent ausländische Gäste, was derzeit natürlich problematisch ist. Wien ist eine wirkliche Musikstadt mit großer Liebe zu klassischer Musik. In normalen Zeiten verkaufen die Musikinstitutionen der ganzen Stadt allabendlich etwa 10.000 Karten. Das ist hier nicht so, wir haben an der Scala etwa 150 Opern- und Ballettvorstellungen plus rund 50 sinfonische Konzerte, Klavier- und Gesangsrecitals pro Saison. In Wien waren es 290 Opern- und Ballettabende, gleichzeitig sind auch das Theater an der Wien und der Musikverein immer gut besucht.

Wie gehen Sie mit Corona um?
Die Situation ändert sich doch ständig, und man sollte mit Prognosen vorsichtig sein. Es ist vergleichbar mit einem Ski-Slalom. Sie haben vielleicht den Kurs gut studiert und stehen nun gut vorbereitet am Start, doch plötzlich kommt eine große Wolke, und jetzt sehen nicht mehr so gut. Sie müssen sich eben darauf einstellen. Und ich möchte auch die Politik nicht kritisieren, denn richtige Entscheidungen zu treffen ist schwer, auch wenn man sich viele Experten holt. Nachher ist man immer gescheiter.

Welche Einbußen hatten Sie?
Hier hat uns die Wirtschaft sehr unterstützt. Wir haben im ersten Jahr 29 Millionen Euro an Karteneinnahmen verloren und das trotzdem ausbalancieren können. Es war eine gemeinschaftliche Anstrengung mit den Gewerkschaften, den Sponsoren, dem Staat und der Stadt.

Wie ist es mit der Unterstützung der Politik hier?
Die Scala hat 70 Prozent Eigendeckung. Und Bürgermeister Giuseppe Sala ist Aufsichtsratspräsident: Er unterstützt uns und versteht auch etwas davon. In Wien ist leider die ganze staatliche Organisation etwas kompliziert. Ich bin noch immer skeptisch bezüglich der Novelle zum Bundestheatergesetz von 2015, weil das zum Nachteil der Staatsoper war. Ich denke, dass man den Theaterdirektoren damals nicht genug zugehört hat. Doch am Ende des Tages tragen wir Direktoren die Verantwortung, nicht die Politiker. Leider mischt man sich in Wien aber gern in Entscheidungen ein, ohne die Verantwortung zu tragen.

Was planen Sie künstlerisch?
Es gibt im Haus keine große Tradition von Barockopern. Mein Vorgänger Alexander Pereira hat das zwar mit der Händel-Serie begonnen, und das war gut. Aber im Land der Entstehung der Oper sollte man auch deren Wurzeln zeigen. Und natürlich wird auf historischen Instrumenten gespielt, sonst ist es sinnlos. Wir haben hier ein spezielles Orchester gebildet mit Musikern von Christophe Rousset und Musikern der Scala, die sich für diese Musik begeistern. Dann plane ich zum Beispiel eine neapolitanische Oper aus dem 17. Jahrhundert, in neapolitanischer Sprache. Es gibt heute einige gute Sänger, die aus Neapel stammen und das beherrschen. Und selbstverständlich wird es auch zeitgenössische Oper geben, und auch eine Kinderoper ist bereits in Kompositionsauftrag gegeben.

Was denken Sie über die Arbeit Ihres Nachfolgers in Wien, Bogdan Roscic?
Ich bin der Letzte, der dazu Kommentare geben will, denn ich habe einen Teil meines Herzens in der Wiener Staatsoper und bei den Wiener Philharmonikern gelassen, und ich stehe zum Haus.

Aber würden Sie – wie Roscic – bestehende Produktionen an Ihr Haus übernehmen?
Nein.

Bleiben Sie Wien und Österreich weiter verbunden?
Ich komme weiterhin gern nach Wien, denn ich habe dort zehn sehr glückliche Jahre verbracht und werde immer noch mit offenen Armen empfangen. Zur Zeit habe ich aber hier sehr viel zu tun, und mein Wunsch ist es, nach so vielen Jahren Karriere in Opernhäusern das Beste meiner Erfahrung hierherzubringen. Und wenn ich starke Sehnsucht nach Wien habe, trinke ich ein Glas Grünen Veltliner.

Zur Person

Dominique  Meyer, geboren am 8. August 1955 in Thann im Elsass (Frankreich).
1989 Generaldirektor der Pariser Oper, 1994 Leiter der Oper Lausanne, 1999 des Théâtre des Champs-Élysées, von Herbst 2010 bis Frühjahr 2020 Direktor der Wiener Staatsoper.
Seit März 2020 Intendant der Mailänder Scala.

Kommentare (1)
Lodengrün
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Was er nicht alles in Wien getan hat

und in Mailand tun wird. Davon merkt und merkte nur niemand etwas. Was man aber sah. Er gab einen herrlichen Grüß -Gott-August im Mamorfoyer der Staatsoper. Und er soll nur ja nicht die Verdienste von Herrn Pereira an der Scala schmälern. Das es dort mit Orchester, Chor und technischem Personal läuft ist ausschließlich sein Verdienst. Schauen wir uns auch die Anzahl der Premieren vor und in seiner Ära an.