Wie erreicht man Ziele, was tun nach Erreichen oder auch Nichterreichen derselben und noch wichtiger: wie setzt man sich sinnvolle?

Wir haben nachgefragt bei einem, der sich mit dem Erreichen von Zielen auskennt wie wohl kaum jemand sonst: dem Extremradler und sechsmaligen Race Across America (RAAM)-Sieger Christoph Strasser.

Wie wichtig sind Ziele für Sie als Sportler, aber auch als Privatperson?

Christoph Strasser: Ziele sind natürlich wichtig, aber sie sind auch manchmal nicht so förderlich, wenn man sich damit Druck macht. Das Arbeiten an sich sollte Freude machen und persönliche Erfüllung bringen, unabhängig vom Ergebnis. Wenn ich meinen Alltag so gestalte, dass mir Training Spaß und Freude macht, werde ich gerne am Rad sitzen. Damit werden auch Fortschritte kommen und das macht zufrieden und bringt Motivation. Schiele ich nur aufs Ziel, kann ich verbissen werden, die Freude geht verloren und selbst wenn ich das Ziel erreiche, bin ich nicht zufrieden, weil ich mich dorthin quälen musste.

Was ist bei der Zielsetzung grundsätzlich zu beachten?

Strasser: Ich finde, dass kleine Ziele besser sind als zu große. Kleine Schritte vorwärts machen und dann das nächste Ziel setzen. Man hört oft, dass man unrealistisch große Ziele braucht, um die realistischen zu erreichen und man riesige Träume und Visionen haben sollte. Ich glaube, das hört man nur von denen, die es geschafft haben. 90 Prozent zerbrechen aber an zu großen Zielen. Ich mache kleine Step-by-step Ziele und wurde im Radfahren so gut, weil ich über Jahre dran geblieben bin. Also: kleine Ziele setzen und diese mit viel Geduld und Ausdauer verfolgen – so kann man seeeehr weit kommen! Man sollte sich selbst diese kleinen Erfolge gönnen.

Wenn man ein Ziel erreicht hat, was dann?

Strasser: Feiern, sich freuen, genießen - und dann, wenn man weiter möchte, schauen, was noch besser geht. Es ist aber auch super, wenn man mit dem Erreichten zufrieden ist und etwas Anderes macht. Wer aber Spaß an der Sache gefunden hat, kann sich immer noch verbessern. Oft tun sich ja auch neue Perspektiven auf. Nach meinem ersten RAAM-Sieg habe ich zum Beispiel gemerkt, dass ich von meinem Hobby plötzlich leben kann. Natürlich kann der stetige Zwang, sich zu optimieren, auch gefährlich werden.

Und was, wenn man ein Ziel nicht erreicht hat?

Strasser: Überlegen, ob man das wirklich will, oder ob man in eine falsche Richtung gegangen ist. Fehler suchen, seine Schwächen ehrlich eingestehen, aus Rückschlägen lernen und neu starten. Man sollte solche Situationen als Bewährungsprobe sehen. Auch ich habe nicht alle Ziele im Leben erreicht, zum Beispiel beim Studium. Man muss nicht alles im Leben zu ende bringen.

Wie findet man ein Ziel?

Strasser: Auf alle Fälle nicht konstruieren oder von außen vorgeben lassen. Das Ziel muss von innen kommen. Da sollte man in sich hineinhorchen. Ziele sind manchmal wie Luftblasen. Sie poppen einfach auf und sind da. Und dann braucht man sie auch nicht zu hinterfragen. Wenn ein Ziel auftaucht und man hat Begeisterung dafür, ist es ein gutes Ziel.

Inwieweit kann man Herausforderungen und Zielsetzungen im Sport mit denen in der Wirtschaft vergleichen?

Strasser: Das geht nur teilweise. In der Wirtschaft ist alles viel komplexer, es gibt so viele Einflüsse und Faktoren von außen, die man nicht kontrollieren kann, zum Beispiel Vorschriften, Marktbedingungen, Krisen und vieles mehr. Da ist es dann schwierig, sich an fixen Zielvorgaben zu orientieren. Aber es gibt auch viele Parallelen: “Ich gebe mein Bestes, egal was die Konkurrenz macht und was auf der Uhr steht!" ist mein persönliches Ziel und das kann auch in der Wirtschaft funktionieren. Aber es braucht auch hier Zwischenziele. Das große Ziel muss in kleine Etappen heruntergebrochen werden.

Was können Manager von Sportlern in dieser Hinsicht lernen?

Strasser: Wichtig ist es, alle ins Boot zu holen und ein "Wir-Gefühl" zu erzeugen. Beim RAAM ist es immer ein Teamerfolg. Wir haben gemeinsame Ziele und ziehen alle an einem Strang. Wenn sich alle im Team wohl fühlen, wird auch die Moral hoch sein und jeder gibt sein Bestes. Ist der Boss kein Teamplayer, werden die Mitarbeiter leichter das Unternehmen verlassen und man verliert viel Know-how. Daher immer aufs Zwischenmenschliche achten. Ein glückliches Team ist ein erfolgreiches Team!

Radfahren ist ein Tourismusfaktor im Land. Wie sehen Sie als Radprofi das Rad-Angebot im heimischen Fremdenverkehr? Was fehlt noch?
Strasser: Ich finde diese Entwicklung grundsätzlich sehr gut. Aus meiner Sicht als Sportler fehlen in der Steiermark große Radveranstaltungen wie der Ötztaler Radmarathon, der ein echter Publikumsmagnet ist. Aber die Rad-Infrastrukturen in vielen Regionen, zum Beispiel im Murtal oder der Oststeiermark, werden gut genutzt. Nur in Graz fehlen noch viele Radwege in kritischen Passagen, zum Beispiel in der Achse Jakominiplatz-Mur. Es gibt gerade eine Menge Rad-Trends, wie das Gravelbike, also das geländegängige Rennrad, aber auch das Bike-Packing, also Radreisen und natürlich E-Bikes haben stark zum Rad-Boom beigetragen.