Hatte die "Traviata" von Damiano Michieletto am Vorabend noch eher freundlichen Applaus ausgefasst, tobte das Publikum tags darauf. Dabei wird den Menschen schon wieder ein Spiegel vorgehalten - diesmal allerdings nicht wie bei der "Traviata" in Form einer gigantischen Bühnenkonstruktion, sondern metaphorisch.

So ist der Held - oder in diesem Falle zweifelsohne der Anti-Held - von Janáčeks 1920 uraufgeführter Oper der brave, um nicht zu sagen ignorante Kleinbürger Matěj Brouček. Der hat an der komplizierten Außenwelt so gar kein Interesse und im Wesentlichen ein zentrales Ziel: seine Ruhe mit einem Bier vor dem Fernseher.

Ja, man möchte ihn bisweilen zum Mond schießen, diesen Spießer. Und genau das tut Janáček im ersten Teil der Oper. Peter Hoare gibt als Brite den perfekten Klischee-Tschechen mit Schlapfen und Strickweste. Und in diesem Outfit trifft Brouček auf dem Mond auf eine Gesellschaft, die heute als "woke" bezeichnet würde. Deren Mitglieder fallen in Ohnmacht, wenn der Fleischliebhaber Brouček eine Wurst herzeigt.

Aber nicht nur eine elitäre Gesellschaft, die sich in ihrer eigenen Moral verliert, bekommt bei Janáček ihr Fett weg. Auch die desinteressierten Kleinbürger, unwillig zur Aktion angesichts der Weltlage, werden aufs Korn genommen. Insofern stellt "Die Ausflüge des Herrn Brouček" auch ohne große Aktualisierungen vonseiten der Regie zumindest im Mond-Teil eine heute immer noch erschreckend modern wirkende Gesellschaftssatire dar.

Yuval Sharon hält dabei die Balance aus Ironie und Abstraktion, gestaltet die Bühnenelemente als grafische Umsetzung, die teils an der tschechischen Animationstradition geschult scheint. Vor schwarzem Hintergrund und mit nur wenigen Strichen einer skizzierten Stadtlandschaft gelingt selbst der alte Boulevardschmäh des Tür-auf, Tür-zu unpeinlich. Und die Mondgesellschaft kommt als Sinnbild des Kasteldenkens als Rechtecke daher.

Komplexer wird die Anforderung an die Regie im zweiten Teil des Abends, der tief in die tschechische Geschichte eintaucht. Da reist Brouček zurück ins 15. Jahrhundert. Und ehrlich: Wer ist mit den Hussitenkriegen so vertraut, dass man auf Anhieb dem Geschehen folgen könnte? Aber nachdem Namensgeber Jan Hus bekanntlich 1415 unweit von Bregenz, in Konstanz, verbrannt wurde, passt ja auch dieses Thema irgendwie. Und die Bregenzer Inszenierung hält sich auch hier klug zurück und verzichtet auf aufdringliche Parallelen zu heutigen Konflikten.

Robert Jindra im Graben lässt unterdessen die Wiener Symphoniker mal wie Richard Strauss klingen, vornehmlich aber wie Janáček. So trifft hier Walzerseligkeit auf Pathos und moderate Dissonanzen. Dies in Kombination mit dem satirischen Grundton dürfte einer der Gründe sein, weshalb die Oper zuletzt an zahlreichen kleineren Häusern des deutschen Kulturraums, darunter im Vorjahr am Tiroler Landestheater, eine Renaissance erlebte. Ob man sich nun im Bestreben nach einem Bier vor dem Fernseher wiedererkennt oder abarbeiten möchte.

(Von Martin Fichter-Wöß/APA)

(S E R V I C E - "Die Ausflüge des Herrn Brouček" von Leoš Janáček im Festspielhaus der Bregenzer Festspiele. Musikalische Leitung der Wiener Symphoniker: Robert Jindra, Inszenierung: Yuval Sharon, Bühne/Kostüme: Jon Bausor, Licht: Yi Zhao. Mit Matěj Brouček - Peter Hoare, Mazal/Blankytný/Petřík - Mihails Culpajevs, Sakristan/Lunobor/Domšík - Károly Szemerédy, Málinka/Etherea/Kunka - Tatev Baroyan, Würfl/Čaroskvoucí/Schöffe - Jan Stava, Číšníček/Wunderkind/Student - Gaja Napast, Kedruta - Jana Kurucová, Svatopluk Čech/I. Táborita - Svatopluk Sem, Komponist/Harfoboj/Miroslav Zlatník - Linard Vrielink, Maler/Duhoslav/Stimme des Professors/Vojta od Pávů/II. Táborita - Paul Curievici, Dichter/Oblačný/Vacek Bradatý - Lukáš Bařák. Weitere Aufführungen am 26. Juli und 3. August. https://bregenzerfestspiele.com/de/musiktheater/die-ausfluege-des-herrn-broucek )