„Ich bin stundenlang gesessen und habe Kegelschnitte gezeichnet.“ Im 14. Stock des Styria Towers in Graz erzählte Bildungslandesrat Stefan Hermann (FPÖ) am Donnerstagabend aus seiner Schulzeit. Etwas mehr als hundert Gäste sind der Einladung der Kleinen Zeitung gefolgt, um gemeinsam mit den Spitzen der Bildungspolitik und Interessenvertretern über die Probleme und Herausforderungen in der Bildung zu diskutieren.

Was Hermann meint: Durch seine Erfahrung mit der darstellenden Geometrie habe er gelernt, auch unangenehme Aufgaben zu Ende zu bringen und selbstständig zu arbeiten. Dieser Anspruch fehle ihm heute manchmal. „Nach wie vor passiert überwiegend Gutes in der Schule“, meint er. Dennoch: „In letzter Zeit gibt es vermehrt Ausreißer ins Negative.“

Landesrat Stefan Hermann am Wort
Landesrat Stefan Hermann am Wort, Minister Christoph Wiederkehr ist aus Wien zugeschalten © Klz / Daniel Winter

„Was wir in der Beratung erleben, ist eine extreme Zunahme beim Thema psychische Gesundheit“, berichtet Friedrich Mayer auf Nachfrage des Moderatoren-Duos Marie Miedl-Rissner und Tobias Kurakin. Mayer ist Leiter der Schulsozialarbeit der Caritas. Psychische Probleme und Neurodivergenzen manifestieren sich oft in auffälligem oder unsozialem Verhalten, erklärt er. Der Ursprung dieser Probleme liegt oft lange vor der Schulzeit der Kinder. „Die Schule ist ein Ort, an dem es für vieles schon zu spät ist“, meint Mayer.

Friedrich Mayer leitet die Schulsozialarbeit der Caritas
Friedrich Mayer leitet die Schulsozialarbeit der Caritas © Klz / Daniel Winter

Kann das Lehrpersonal einem Kind nicht mehr helfen, wird es suspendiert. So geschehen 209 Mal im laufenden Schuljahr – ein Rekordwert. Zum Vergleich: Im Jahr davor waren es 95. „Wir haben nicht viel Werkzeug zur Verfügung“, meint Florian Gollowitsch, Lehrervertreter der Gewerkschaft Öffentlicher Dienst.

Obwohl Schulsozialarbeit und Schulpsychologen ihr Bestes leisten, bleiben immer mehr Kinder auf der Strecke. Das Personal sei mit dem Bedarf an Unterstützung „in sehr vielen Situationen hoffnungslos überfordert“, so Gollowitsch. Die Suspendierung wird dann zur Ultima Ratio.

Gewerkschafter Florian Gollowitsch vertritt die Interessen von Lehrerinnen und Lehrern.
Gewerkschafter Florian Gollowitsch vertritt die Interessen von Lehrerinnen und Lehrern. © Klz / Daniel Winter

Steirisches Modell als Vorbild

In der Steiermark gibt es eine Suspendierungsbegleitung. Das Modell bietet seit letztem Schuljahr Unterstützung für die Kinder, die nicht mehr am Unterricht teilnehmen können. Die Begleitung ist freiwillig und wird gut angenommen, berichtet Bildungslandesrat Hermann.

In einem Flächenbundesland wie der Steiermark ist die Organisation allerdings schwierig. „Angenommen, ein Kind wird in Stadl an der Mur suspendiert. Wo bekommt es Hilfe, wie kommt es dorthin und wie wieder zurück?“, so Hermann. Die Steiermark habe dadurch Probleme, die es in einem Ballungsraum wie Wien nicht gibt.

Bildungsminister Wiederkehr nahm per Video an der Diskussion teil
Bildungsminister Wiederkehr nahm per Video an der Diskussion teil © Klz / Daniel Winter

Eltern drohen Strafen

Der Bund greift den Ball auf. Ab nächstem Schuljahr soll es österreichweit eine verpflichtende Suspendierungsbetreuung geben, so Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos), der sich aus Wien per Video zuschaltete. Suspendierte Kinder sollen nicht nur pädagogische, sondern auch soziale Hilfe bekommen, sagt er. „Beides ist wichtig. Aufarbeiten, warum etwas passiert ist, aber auch Unterstützung beim Lernen.“

Elternvertreterin Karin Wachswender am Wort
Elternvertreterin Karin Wachswender am Wort © Klz / Daniel Winter

„Als Elternteil sehe ich, dass der Lehrer keine Respektsperson mehr ist. Die Sprachkultur ist ausbaufähig, auch von der Seite der Eltern“, kommentiert Elternvertreterin Karin Wachswender. Für sie ist klar: Die pädagogische und soziale Unterstützung der Kinder kann nur gemeinsam mit den Eltern funktionieren. Die will Wiederkehr in seinem neuen Modell in die Pflicht nehmen. Wer ein Gespräch verweigert, soll künftig bis zu 800 Euro Strafe zahlen müssen.

Nicht nur bei den fachlich oder sozial schwächeren, auch bei den stärkeren Schülern hat das Bildungssystem ein Problem, meint Schülervertreterin Elisabeth Baumgartner. Talente und Stärken würden zwar oft erkannt, aber dann nicht oder nur mangelhaft gefördert, so Baumgartner. „Die Schule geht von einem Durchschnitt aus. Wer darüber oder darunter fällt, hat es schwer“, meint sie.

Elisabeth Baumgartner sprach stellvertretend für die Schülerinnen und Schüler
Elisabeth Baumgartner sprach stellvertretend für die Schülerinnen und Schüler © Klz / Daniel Winter

Da wie dort sind die Ressourcen das Nadelöhr, an dem bedarfsgerechte Pädagogik oft scheitert. Es fehlen schlicht die Mittel, um individuelle Bedürfnisse zu fördern, so Florian Gollowitsch. „Wir haben sehr viele Talente, aber in sehr vielen Fällen fehlen die Kapazitäten, um sie zu fördern.“ „Ich sehe ein großes Problem, dass man da als Schüler oder Schülerin oft alleine gelassen wird“, meint Baumgartner.