Die Stadt Graz prämiert kommende Woche wieder die drei schönsten Vorgärten der Stadt, ein guter Anlass, um diesmal zu diesen kleinen Oasen zu spazieren. Auch wenn sich Lilly von den schmalen Gärten nicht unbedingt begeistert zeigt – sie kann diese abgegrenzten Kleingärten nur von außen betrachten, da mögen die Duftwolken noch so intensiv herüberschwappen. Bevor wir uns mit unserem Stadthistoriker Karl Kubinzky auf den Weg begeben, befragen wir die künstliche Intelligenz, das gehört ja heutzutage praktisch schon irgendwie dazu, was sie uns über die Vorgärten von Graz zu berichten weiß. „Graz besitzt mit rund 800 Objekten vermutlich die höchste Dichte an gründerzeitlichen Vorgärten in ganz Europa. Die ab Mitte des 19. Jahrhunderts angelegten Grünflächen prägen bis heute das Stadtbild, fungieren als ökologische grüne Lunge für das Mikroklima und stehen seit 2008 unter dem Schutz des Grazer Altstadterhaltungsgesetzes.“
Ganz so will das Kubinzky freilich nicht stehen lassen, denn: „Wir in Graz glauben, mit rund 800 Vorgärten einen Rekord aufstellen zu können, allerdings fehlen vergleichbare Werte für andere Städte Europas.“ Die Frage, ob nun Rekord oder nicht, verblasst ohnehin angesichts der Schönheit dieser Gartenanlagen, die sich uns beispielsweise in der Schillerstraße auftut. In den Vorgärten, besonders auf der rechten Seite vom Schillerplatz hinunter gehend, entfalten duftende Rosenbüsche ihre ganze farbige Pracht. Hier entdecken wir auch, wenn das Frühjahr naht, die ersten Veilchen.
Die ersten Grazer Vorgärten wurden 1863 geplant
Die Natur zeigt sich bis in den Herbst hinein von ihrer besten Seite. „Da die Vorgärten eines der Planungskonzepte der Gründerzeit sind, sind meist gerade Geometerstraßen die Straßen mit Vorgärten“, erläutert der Stadthistoriker. Claudia Beiser und Gertraud Prügger brachten im Vorjahr im Clio Verlag den empfehlenswerten Band „Vorgärten. Innenhöfe. Graz.“ heraus. Darin erzählen die Autorinnen Astrid M. Wentner und Sanela Pansinger ausführlich die Entwicklungsgeschichte der Grazer Vorgärten.
Demnach brachte ein gewisser Marin Ritter von Kink, der laut diesem Beitrag auch die Grazer Ringstraße zwischen Jakominiplatz und Burgtor plante, die Vorgartenidee in die steirische Landeshauptstadt. Für die Bauprojekte der Mariahilferstraße 30 und des Lendkai 29 wurden 1863 Vorgärten vorgesehen, ebenso für die zwei Jahre davor eröffnete Beethovenstraße, so die Autorinnen, die eine Zeitungsannonce zeigen, in der eine hochebenerdige Wohnung in dieser Beethovenstraße angeboten wird, mit der “theilweisen Benützung eines Vorgartens“. Stadthistoriker Kubinzky umreißt das so: „Die Vorgärten signalisierten den Luxus von solchen Miethäusern und brachten daher auch bessere Mieteinnahmen, aber nicht zuletzt stellten sie auch Naturbezüge im öffentlichen Raum dar.“
Rosen, Lavendel & Co sorgen für blühende Straßenzüge
So finden sich diese Vorgärten vor allem in den früheren „gutbürgerlichen“ Gegenden, wie dem Bezirk Geidorf. Wir finden dazu Musterbeispiele der Vorgarten-Kultur in der viel befahrenen Bergmanngasse, in der Franckstraße, wie auch in der Grillparzerstraße. Im Bezirk Jakomini blüht eine blumige Vielfalt vor den Häusern in der Klosterwiesgasse, selbst der Schönaugürtel weist seine kleinen Gärten vor dem Wohnhaus auf. Im Bezirk Leonhard schätzen wir besonders die Vorgärten in der Naglergasse, in der an einer Stelle wunderbarer Lavendel wuchert, der im Sommer von Bienen umschwärmt wird, am Ruckerlberggürtel wie auch in der Merangasse.
Viele der Grazer Vorgärten sind von alten schmiedeeisernen Gittern umgeben, von denen gar nicht so wenige von den Spuren der Zeit sichtbar gezeichnet sind. Freilich, auch dem einen oder anderen Vorgarten könnte mehr Zuwendung gut tun. „Vorgärten sind rechtlich ein Teil des Objekteigentums, also ist der Eigentümer auch im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten über den Vorgarten verfügungsberechtigt“, erläutert Kubinzky.
In der Vergangenheit wurden aus Vorgärten Autoparkplätze – heute ist das verboten
Da gab es in der Vergangenheit etliche Bestrebungen, Vorgärten zu Parkplätzen umzuwandeln, was teils auch umgesetzt wurde. Bis sich die Stadt dazu entschloss, dem einen Riegel vorzuschieben. Die Stadt fördert den Rückbau von bereits versiegelten Flächen, die auch Verwendung als Abstellplatz für Fahrräder oder Abfallkübel finden. Als Ermunterung zur Rückkehr zum Vorgarten wird „Jedermann“ Hugo von Hofmannsthal zitiert: „Ein Garten kann eine Welt für sich werden, dabei ist ganz gleich, ob dieser Garten groß oder klein ist.“ Was Kubinzky zum Einwurf veranlasst: „Straßen mit Vorgärten sind zumeist rund acht Meter breiter als jene ohne. Das bringt mehr Belüftung und schönere Blickachsen. Nicht zu vergessen, dass Vorgärten für Insekten sowie manch andere Kleinwesen eine wichtige Rolle spielen.“
Nur einige der wunderbaren Vorgärten konnten wir bei unserem Spaziergang abgehen und hier erwähnen, es gibt etliche mehr davon, die nicht weniger Aufmerksamkeit verdienen. Die Lilly aber vermissen lässt. Ihr ist eine Wiese, die Auslauf bietet, lieber. Deshalb drängt sie jedes Mal, wenn wir an einem der blumigen Kleinode anhalten, dass rasch wieder weitergegangen wird. Hunderl können ganz schön konsequent sein, Menschen auch, wenn sie Jahr für Jahr beharrlich den Vorgarten vor ihrem Haus pflegen, damit sich auch andere daran erfreuen können. Oder wie es der Stadthistoriker abschließend so schön zu sagen weiß: „Trotz allem Wenn und Aber: Wir sind stolz auf unsere Vorgärten. Auch wenn wir sie nicht betreten dürfen, sie vielleicht falsch bis gar nicht genutzt werden. Ein paar Quadratmeter grüner Fläche mit Blumen erfreuen eben.“