Brisante Zahlen und Daten aus dem IT-System der Barmherzigen Brüder sorgen im Land Steiermark für Aufregung. Das Land hat inzwischen eine außerordentliche Prüfung bei den Barmherzigen Brüdern in Graz veranlasst. Der Verdacht: Das Land als Hauptfinancier der steirischen Spitäler habe durch überhöhte Medikamentenpreise höhere Budgetbeiträge an das Spital der Barmherzigen Brüder geleistet – also mehr in das BHB-Budget eingezahlt, als notwendig gewesen wäre.
Denn Belege aus dem hauseigenen SAP-System zeigen, dass die Apotheke der Barmherzigen Brüder in Graz diverse Medikamente mit Aufschlägen von Hunderten bis sogar über 1000 Prozent im Vergleich zum Einkaufspreis an das Spital der Barmherzigen Brüder abgegeben hat. Einer der Spitzenreiter bei den internen Aufschlägen laut der BHB-Unterlagen: Über 3800 Prozent Aufschlag (Odansetron/HIK 8MG/ML) im Vergleich zum Einkaufspreis – und so an das eigene Spital der Barmherzigen Brüder in Graz verrechnet.
Schaut man sich die Datensätze genauer an, liest man von ganz unterschiedlichen Aufschlägen: 161,80 Prozent, 208,53 Prozent über 869,29 Prozent bis zu 1539,26 oder 3629,08 Prozent, aber auch 69,39 oder 25,10 Prozent. Wer dieses komplexe Aufschlagssystem zwischen der Apotheke der Barmherzigen Brüder in Graz und dem Spital konstruiert hat, bleibt bisher noch offen.
Prüfer irritiert: Barmherzige Brüder verkaufen an andere Spitäler günstiger
Aber nicht nur diese massiven Aufschläge irritieren die Prüfer des Landes: Die Apotheke der Barmherzigen Brüder hat ein und dieselben Medikamente einem Sanatorium in Graz zum Beispiel um nur einen Bruchteil jenes Betrages verkauft, den man dem eigenen Spital verrechnet hat.
Auch diese Belege liegen der Kleinen Zeitung mit allen Zahlen exklusiv vor. Nur ein Beispiel: Rechnung 90084700/Artikel A3772499 (Meropenem Kabi PLV DFL 1 G): An ein Grazer Sanatorium wurde es um 22,54 Euro verkauft (Deckungsbeitrag 2,94 Euro laut Aufstellung Barmherzige Brüder), aber intern ans BHB-Spital um 242,74 Euro abgegeben (Rechnung 90084201, Deckungsbeitrag laut BHB-Aufstellung 223,14 Euro).
Die Hintergründe sind inzwischen klar: Die Medikamente sind im Großhandel zu extrem niedrigen Preisen („Rabatte“) gekauft worden, weil man Großeinkäufer ist. Über die Apotheke der Barmherzigen Brüder in Graz werden diese Medikamente dann in einen neuen Rechnungskreis aufgenommen und intern an das Spital der Barmherzigen Brüder mit den Aufschlägen abgegeben.
Die einfache Rechnung, die die Prüfer vermuten: Je stärker das Budget des Spitals der Barmherzigen Brüder durch die Medikamentenpreise steigt, desto höher sind die Beiträge des Steuerzahlers, weil das Spital auch aus Landesmitteln finanziert wird. Die Prüfung soll noch im Juni abgeschlossen werden.
Das sagen die Barmherzigen Brüder
Konfrontiert mit verschiedenen Preis- und Aufschlagsbeispielen aus den Unterlagen hält der Geschäftsführer der Barmherzigen Brüder in Graz, Oliver Szmej, grundsätzlich fest: „Nochmals weisen wir die Darstellung, wonach ein unbegründet hoher ‚interner Verkaufspreis‘ an das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Graz verrechnet werden würde in aller Schärfe und Deutlichkeit zurück.“ Gewinne seien ausschließlich in Projekte des Hauses investiert worden. Seit 2003 habe der Orden in drei Bauprojekten 40 Millionen aus Ordensmitteln in Investitionen und zehn Millionen an Betriebsabgängen bezahlt, die das Land nicht bedeckt habe.
„Wir sind offen für alle Prüfungen“, und die Gesamtkalkulation sei „angemessen“, so Szmej. Er verweist auch darauf, dass für eine tatsachengemäße Gesamtbetrachtung weitere Informationen aus dem Buchhaltungssystem des Krankenhauses erforderlich seien.
Szmej erklärt die Tatsache, dass Medikamente an Sanatorien in Graz nur zu einem Bruchteil jenes Preises verkauft werden, den man dem hauseigenen Spital verrechnet, so: „Während bei einem sogenannten Drittgeschäft an andere Gesundheitseinrichtungen jeweils nur eine Handelsware zu einem tagesaktuellen Preis mit einem marktüblichen Handelsaufschlag zur Verrechnung kommt, beinhaltet der Verrechnungspreis an das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Graz neben den Einstandskosten für Arzneimittel ebenso alle weiteren Kosten einer Anstaltsapotheke. Dazu zählen unter anderem Personalkosten für zum Beispiel Klinische Pharmazie, Visiten im Krankenhaus und Medikamentenaufbereitung, sowie Investitionskosten, Betriebskosten, Transport- und Lagerlogistikkosten etc. Derzeit ist der überwiegende Teil der Mitarbeitenden für das Krankenhaus tätig. Diese Leistungen fallen in jedem Krankenhaus als betriebliche Kosten an.“
Keine genauen Zahlen, die die Aufschläge erklären könnten
Die Prüfer werden daher feststellen müssen, ob die Aufschläge den Aufwendungen der Apotheke entsprechen – oder ob der Aufwand über die Aufschläge überhöht dargestellt worden ist. Der Vizepräsident der österreichischen Apothekerkammer, Gerhard Kobinger, kann sich einen Aufschlag von Hunderten oder gar 1000 Prozent mit keiner Leistung erklären, sagte er gegenüber der Kleinen Zeitung.
Die Anfrage der Kleinen Zeitung an die Barmherzigen Brüder um eine detaillierte Kostenrechnung, also mit genauen Zahlen, die die Aufschläge erklären könnten, wurde nicht beantwortet.
Im Vorfeld hatte man erklärt: „Wir kalkulieren über das ganze System, damit insgesamt (Anm.: über alle Produkte) kein größerer Aufschlag als 50 Prozent zusammenkommt.“ Der Aufschlag bewege sich in den letzten Jahren bis unter 40 Prozent. Das beinhalte laut Szmej „einen Gemeinkostenanteil, weil wir Krankenanstaltsapotheken-Leistungen für das Krankenhaus erbringen und einen legitimen Gewinnanteil, weil wir entgegen den Regelungen in anderen Bundesländern keine Betriebsabgangs-Deckelungsregelung haben“.
Das Land zahlt über 45 Millionen Euro an Betriebsabgangsdeckungsmittel
Aber das Land leistet laut eigener Angaben sogenannte „Betriebsabgangsdeckungsmittel“. Laut Gesundheitsfonds-Chef Michael Koren waren das über 45 Millionen Euro, die das Land im Jahr 2025 den Barmherzigen Brüdern zugeschossen hat. Die Medikamentenkosten dabei pro Jahr beziffert der steirische Gesundheitsfonds bei den Barmherzigen Brüdern mit 15 bis 16 Millionen Euro pro Jahr, Tendenz steigend.
Szmej liefert eine weitere Erklärung für die Aufschläge: „Das Finanzamt hat im Rahmen einer Betriebsprüfung festgehalten, dass der Medikamentenpreis an das Krankenhaus nicht zu gering bemessen sein darf, da es sonst zu einer Verkürzung der Körperschaftsteuer kommt – wir dürfen den Staat also nicht um die Körperschaftssteuer bringen.“
Was die Barmherzigen Brüder jetzt offen legen
Die Verrechnung der Arzneimittel von der Apotheke an das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder sei der Wirtschaftsaufsicht des Landes Steiermark bekannt, betont man seitens der BHB. Koren sagt: Die Zahlen werden erst jetzt genau überprüft, weil man die Höhe der Aufschläge bisher nicht kannte – die Vereinbarungen zwischen Pharmafirmen und den Barmherzigen Brüdern sind streng geheim. Und sie wurden erst jetzt im Rahmen der Überprüfung offengelegt.