Als Rau seine Mitarbeitenden im Vorfeld des 75-Jahr-Jubiläums der Wiener Festwochen fragte, welcher Beitrag ihnen aus den vergangenen Jahrzehnten besonders in Erinnerung geblieben sei, habe es der berühmte Container mit der Aufschrift "Ausländer raus!" neben der Wiener Staatsoper auf Platz eins geschafft. Grund genug, dem 2010 verstorbenen Theaterregisseur und Aktionskünstler heuer eine Ausstellung zu widmen. Anlässlich der Regierungsbeteiligung der FPÖ und im Fahrwasser von Reality-Formaten wie "Big Brother" hatte Schlingensief damals Asylwerber unter permanenter Kameraüberwachung in dem Container leben und das Publikum in einem Online-Voting über deren "Abschiebungen" abstimmen lassen. Ebenjener Container findet sich nun - wie damals durch einen Bauzaun vom Publikum getrennt - im MAK, wo Video-Material die Ereignisse von damals dokumentiert.

Apropos Reality-Fernsehen: Das Kuratorenteam Raphael Gygax und Schlingensief-Witwe Aino Laberenz, die auch den Nachlass verwaltet, zeigt in der Ausstellung auch die Castingshow-Parodie "Freakstars 3000" aus dem Jahr 2002. In der sechsteiligen Serie für den deutschen Musiksender Viva inszenierte Schlingensief mit kognitiv beeinträchtigten Bewohnerinnen und Bewohnern des Berliner Winckler-Hauses einen fiktiven Talentwettbewerb, um "Fragen nach Normalität, Sichtbarkeit und Teilhabe" aufzuwerfen. Präsentiert werden die Video-Ausschnitte - ganz dem Stand der damaligen Technik entsprechend - auf Röhrenfernsehern, die auf einer Bühne vor einem Glitzervorhang drapiert sind.

Die Ausstellung sei nicht als Retrospektive zu verstehen ("Dafür ist sein Werk zu groß"), sondern als Versuchsanordnung, erläuterte Gygax beim Presserundgang. Schließlich sei die angemessene Präsentation der Werkkomplexe "eine Heraus- und Überforderung". Also nützt man die große Ausstellungsfläche im ersten Stock des Museums, um acht Schlingensief-Arbeiten raumgreifend wiederauferstehen zu lassen. Für Laberenz ist es dabei zentral, "dass sein Werk zugänglich und offen bleibt und man sich neu mit ihm auseinandersetzen kann". Das ist laut MAK-Generaldirektorin Lilli Hollein gelungen: "Schlingensiefs Strategien können heute schon fast als Handlungsanweisungen gesehen werden."

Den Anfang der Schau bildet Schlingensiefs Biennale-Beitrag "Church of Fear" aus dem Jahr 2003, in dem er sich mit Angst, Unsicherheit und gesellschaftlicher Kontrolle angesichts der Stimmung nach dem 11. September 2001 auseinandersetzte. Aus dem Jahr der Anschläge auf die Twin Towers stammt unterdessen die Theaterproduktion "Hamlet - This Is Your Family/Nazi Line" am Schauspielhaus Zürich, in der er sich in die Debatte um aussteigewillige Neonazis einmischte und Neonazis auf die Bühne holte. Ein Mitschnitt der Produktion ist auf einer großen Leinwand in einem eigens geschaffenen Theatersetting zu erleben; das europaweite Medienecho findet sich auf einer davor stehenden Litfaßsäule.

Auch "Chance 2000", als Schlingensief eine eigene Partei mit dem Slogan "Scheitern als Chance" gründete, wird in der Ausstellung dokumentiert. Ein eigener Bereich ist schließlich seinen filmischen Arbeiten gewidmet, die in den Jahren vor seinem Tod entstanden. Auf 18 Bildschirmen ist unter dem Titel "The African Twin Towers" Material jenes Films zu sehen, den er 2005 in Namibia drehen wollte, wobei der Betrachter laut den Kuratoren sich den Film durch den jeweiligen Fokus auf einzelne Bildschirme selbst zusammenschneidet. Weiters zu sehen sind der 16-mm-Streifen "Der Fliegende Holländer" und eine großformatige Videoinstallation mit filmischen Auseinandersetzungen seiner Operninszenierungen.

Beinahe übersehen könnte man jenes Flipchart, auf das Schlingensief 2005 den nunmehrigen Titel der Ausstellung gekritzelt hat. Wichtig sei in dem Kontext, so Gygax, dass es sich dabei nicht um ein Exponat handelt, das kurz vor Schlingensiefs Tod entstanden ist. Vielmehr stammt es aus der Zeit, als er in Namibia an "Der Animatograph" arbeitete. Rückblickend treffend ist es dennoch: "Es ist nicht mehr mein Problem! Macht eure Scheiße alleine!"

(S E R V I C E - Wiener Festwochen: Ausstellung "Christoph Schlingensief. Es ist nicht mehr mein Problem!" im MAK - Museum für angewandte Kunst, 13. Mai bis 13. September, www.festwochen.at )