Es war ein Aufschrei. „Am 24. Mai entscheidet sich die Zukunft Venedigs“, schrieb der bekannte italienische Autor Antonio Scurati Anfang des Monats in der Zeitung „La Repubblica“. „Aber es ist nicht sicher, ob Venedig überhaupt eine Zukunft hat“, fügte er hinzu. Das nackte Überleben der Stadt sei „durch eine maritime und eine menschliche Flut“ gefährdet. An diesem Sonntag und Montag finden in Venedig Kommunalwahlen statt. Der gebürtige Venezianer Scurati könnte recht haben mit seiner Mahnung. Laut Experten bedrohen der steigende Meeresspiegel und der Andrang der Touristen die Stadt wie nie zuvor.

Elf Jahre lang war der Konservative Luigi Brugnaro Bürgermeister Venedigs. Seine Kritiker behaupten, der Unternehmer habe die Lagunenstadt wie ein Unternehmen geführt mit dem einzigen Ziel maximalen Profits. Durchschnittlich 60.000 Menschen ergießen sich täglich in die Stadt, an manchen Tagen sind es bis zu 120.000 Besucher. Bei nur noch 48.000 Einwohnern im historischen Stadtkern sind das zwei bis drei Touristen pro Bewohner. 2024 führte die Stadtregierung unter Brugnaro eine weltweit beachtete Eintrittsgebühr ein. An 60 ausgewählten Tagen im Jahr müssen Tagestouristen eine Gebühr von bis zu zehn Euro leisten. Den Andrang hat aber auch diese Maßnahme nicht gedämpft.

Einführung von Obergrenze wird diskutiert

Nach einer Schätzung der „Stiftung Venedig Welthauptstadt der Nachhaltigkeit“ kamen im Jahr 2025 insgesamt 34,5 Millionen Besucher in die Lagunenstadt, darunter auch Pendler, Studenten und Zweitwohnungsbesitzer. Allein 21 Millionen waren Touristen. Politiker wie Ex-Bürgermeister Paolo Costa schlagen deshalb eine Obergrenze für Touristen vor, etwa 60.000 pro Tag per Reservierung. „Die Stadt hat ihre Grenzen, die Nachfrage nicht“, sagt der Wirtschaftswissenschaftler und frühere Rektor der Universität Ca‘ Foscari. Den Touristenfluss vergleicht er mit einer „Badewanne mit einem zu weit aufgedrehten Wasserhahn“. Die Einführung einer Obergrenze ist bei Unternehmern, Restaurantbesitzern und Hoteliers unpopulär. Schon jetzt hängt Venedigs Altstadt fast vollständig am Tropf des Tourismus.

Der Staat hat seinen Teil dazu beigetragen. Ehrwürdige Palazzi verkaufte die öffentliche Hand an private Investoren, die meist Luxushotels entstehen lassen. Der einst städtische Palazzo Papadopoli ist heute das berühmte Aman Hotel, bekannt durch Promi-Hochzeiten. Auch der Palazzo San Cassiano oder der Palazzo della Borsa sind heute Hotels. Die Beispiele sind zahlreich. Fast jeder öffentliche Palazzo, der in Venedig den Besitzer wechselt, wird früher oder später ein Luxushotel. Die Lage auf dem Wohnungsmarkt ist angespannt – auf der anderen Seite gibt es immer mehr Ferienwohnungen für Touristen.

Mose reicht nicht

Und dann wäre da noch die „maritime Flut“, vor der Schriftsteller Scurati warnt. Der Meeresspiegel in der Lagune steigt derzeit um fünf Millimeter pro Jahr. Nach einer Prognose des international renommierten Hydrologen Andrea Rinaldo ist ein Anstieg um einen Meter bis 2100 nicht ausgeschlossen. Schon bei 40 Zentimetern stünde die Stadt ständig unter Wasser. Venedig hat zwar seit 2020 sein Hochwasserschutzsystem Mose. Bei Hochwasser schließen sich die Schleusentore der drei Zufahrten zur Lagune automatisch, der Zufluss aus der Adria ist dann versperrt. Doch das System wurde in den 1980er-Jahren geplant, damals waren die Klimaprognosen noch optimistischer.

„Das Mose reicht nicht, wir können nicht warten“, sagt Rinaldo. Im vergangenen Jahr wurden die Schleusentore 27 Mal geschlossen, in den ersten drei Monaten des Jahres 2026 bereits 30 Mal. „Das System mehr als 50 Mal im Jahr hochzufahren, ist finanziell nicht tragbar“, sagt der Hydrologe. „Es bedeutet den Untergang für die Lagune, die Stadt und den Schiffsverkehr.“ Die Gezeiten sind wesentlich für die Lagune. Fällt der Wasseraustausch weg, verwandelt sich die Lagune in einen stinkenden See. Auch der Schiffsverkehr in den Hafen von Marghera, einen der größten Industrie- und Chemie-Hubs in Italien, wäre blockiert, die wirtschaftlichen Folgen enorm. Hydrologe Rinaldo fordert einen weltweiten Ideenwettbewerb. Das Thema: Wie kann sich die Stadt an das schwierige Zukunftsszenario anpassen?