Als der US-Außenminister Henry Kissinger den chinesischen Premierminister Zhou Enlai danach fragte, ob denn die französische Revolution seiner Meinung nach mit Erfolg gekrönt war, erhielt er vom Staatsoberhaupt eine vielsagende Antwort: „Es ist noch viel zu früh, das zu beurteilen.“ Ein historisches Missverständnis: Kissinger meinte die Revolution von 1789, Zhou die Studierendenproteste von 1968 meinte. Mit der Frage, ob Proteste aus dem Volk nun wirksam sind oder nicht, beschäftigt sich auch der Politikwissenschaftler Florian Bieber an der Universität Graz. Von ihm ist ebenfalls eine vielschichtige Antwort zu hören.
„Viele Demonstrationen sind auf den ersten Blick nicht erfolgreich, wenn man nur die Erfüllung der unmittelbar gestellten Forderungen als Maßstab heranzieht. Blickt man aber über diesen engen Rahmen hinaus, ergibt sich oft ein ganz anderes Bild“, sagt Bieber und nennt dafür als Beispiel die Studentenproteste im Jahr 1968: Nachdem die Studenten ihrem Unmut über die damals herrschenden Zustände an den Universitäten und in der Gesellschaft Luft gemacht hatten, zogen sie wieder von dannen, ohne ihre selbst gesteckten Ziele erreicht zu haben. Dennoch ist es ihnen gelungen, auf lange Sicht einen Kulturwandel in den europäischen Gesellschaften anzustoßen – hin zu mehr Offenheit und Freiheit.
Bieber führt ein weiteres Beispiel ins Treffen: „1996 und 1997 fanden große Studentenproteste gegen das Milosevic-Regime in Serbien statt. Die Forderungen der Studierenden wurden damals sogar erfüllt, das Regime konnte sich aber an der Macht halten. Als dann aber drei Jahre später Milosevic gestürzt werden konnte, wäre das ohne die vorangegangenen Studentenproteste nicht möglich gewesen – sie haben die Saat für die spätere Entwicklung gesetzt.“ Das öffentliche Aufbegehren habe in kleineren Gemeinden zu Stimmenzugewinnen für die Opposition geführt, die mit neuer Macht ausgestattet verstärkte Präsenz in lokalen Medien erlangte. So geriet das Regime schlussendlich ins Taumeln und war angezählt.
Wunsch nach mehr Demokratie
Was den Druck der Straße erfolgreich macht, hat Bieber in einem aktuellen Buch über die anhaltenden Proteste in Serbien untersucht. Dazu hat er sich bewusst ein autoritäres Regime ausgesucht: „Hier steht bei Protesten vor allem der Wunsch nach Demokratisierung im Vordergrund. Anders als in Demokratien, wo Demonstrationen immer einer konkreten Forderung zugrunde liegen.“
Ein wichtiger Faktor bei erfolgreichen Protesten liege darin, Botschaften zu finden, mit denen sich breite Koalitionen innerhalb der Bevölkerung aufbauen lassen, so Bieber: „In Serbien wurde nicht direkt gegen Diktatur und für mehr Demokratie demonstriert, sondern gegen Korruption und den Niedergang des Bildungs- und Gesundheitssystems. Damit erreichten die Demonstranten auch die Unterstützung aus den kleinsten Dörfern.“
Wie man richtig und erfolgreich protestiert, ist auch Thema bei einer Führung am Fest „Uni Vibes“ am 29. Mai an der Uni Graz. Bieber bestreitet diesen interaktiven Workshop gemeinsam mit seiner Kollegin Nicole Haring, die an der Uni als Kulturwissenschaftlerin mit Schwerpunkt auf amerikansiche Literatur tätig ist. Gemeinsam besprechen die beiden Protest als grundlegendes demokratisches Recht und gestalten mit den Besucherinnen und Besuchern vor Ort kreative Protestplakate. Eine gar nicht so einfach Aufgabe: „Gute Mottos und Parolen zu finden, ist eine große Herausforderung. Erfolgreiche Proteste waren immer gut darin, Menschen einzubeziehen statt auszugrenzen. Ein wichtiger Faktor dabei ist Kreativität - gute Proteste haben oftmals auch einen Sinn für Humor“, so Haring.
Uni Vibes am 29. Mai ab 18 Uhr