Eine weitere ÖFB-Präsidiumssitzung ist also geschlagen. "Ohne Emotion und sachlich", wie Präsident Leo Windtner mit Stolz verkündet hat. Aber es hat auch keinen Grund dazu gegeben, weil in dieser Sitzung rein gar nichts entschieden wurde. Trotz der Hearings des nunmehrigen Ex-ÖFB-Sportdirektors Willi Ruttensteiner und seines Nachfolgers Peter Schöttel standen die Gewichtungen schon lange zuvor fest.

Anders ist es nicht zu erklären, dass eine profunde Analyse und ein detailliertes Konzept (Ruttensteiner) der "Bewerbung" von Schöttel, der auf die Theorie Praktiker sticht Theoretiker baute, unterliegt. "Ich habe kein detailliertes Konzept vorgelegt, das wäre zeitlich nicht möglich gewesen", wie es der neue Sportdirektor formuliert. Vor zehn Tagen hat  der Ex-Rapid-Spieler davon erfahren, ein Kandidat zu sein. In dieser Zeit kein Konzept zusammenzustellen, zeugt nicht unbedingt von unbändiger Arbeitsmoral. Da darf auch seine derzeitige Trainertätigkeit als U19-Teamchef keine Ausrede sein. Worüber sich die Experten einig sind: Ruttensteiner hätte selbst dann eine perfekte Präsentation abgehalten, wenn er erst - wenige Stunden zuvor - nach dem Länderspiel der Österreicher gegen Serbien davon erfahren hätte.

Die 13 Entscheidungsträger haben sich demokratisch dennoch mit 8:5 für Schöttel entschieden. "Es gab Kommunikationsthemen, die nicht zur Zufriedenheit mancher gelöst worden sind, was sicherlich auch den Ausschlag gegeben hat", erklärte Windtner den Ausgang. Einigen Landespräsidenten hatte es sauer aufgestoßen, dass Ruttensteiner viel Zeit mit dem A-Team verbrachte. Dabei war dies der ausdrückliche Wunsch von Teamchef Marcel Koller. Der Schweizer holte sich gerne eine Meinung von "außen" ein. Genau das wurde Ruttensteiner jetzt zum Verhängnis. Obwohl er nicht unbedingt für die sportliche Ergebniskrise des A-Nationalteams verantwortlich gemacht werden sollte. Vielmehr sorgte er seit 2001 in seinen Kernbereichen (vor allem im Nachwuchs und bei den Frauen) federführend dafür, dass es mit dem österreichischen Fußball enorm nach oben ging.

Keine Amtsmüdigkeit bei Windtner

Das ist wohl auch der Grund, warum Windtner für einen Verbleib Ruttensteiners stimmte. Eine weitere Niederlage für den Präsidenten, der aber im Amt bleiben will und nicht über einen Rücktritt nachdenkt. "Wenn es rau wird, muss man am Steuer bleiben." Obwohl er den Eindruck vermitteln wollte, dass das Präsidium in Zukunft an einem Strang zieht und es Aussprachen gegeben hat, ging Windtner nicht mit gutem Beispiel voran. Er gab Ruttensteiner völlig unnötig noch einige Spitzen mit. Einerseits, dass die profunde Analyse mit Zeitverzögerung gekommen sei und man dies schon im Vorjahr erkennen hätte müssen. Andererseits, dass Ruttensteiner durch seine Zeit beim Nationalteam in anderen Bereichen gefehlt hat. Nur blöd, dass diese anderen Bereiche erfolgstechnisch alle auf Kurs sind.

Würde man das Problem beseitigen wollen, müsste die Struktur geändert werden. Aber ein Teammanager nach deutschem Vorbild (Oliver Bierhoff) kommt finanziell nicht in Frage. Somit gibt es mit Schöttel in Zukunft das gleiche Problem, sollte ein Teamchef Unterstützung benötigen. Da kann Windtner gerne betonen, dass Schöttel nicht permanent bei der Nationalmannschaft sein, sondern als "Supervisor" agieren soll.

Keine großen Ansprüche an den Teamchef

Wie die Teamcheffrage bis Ende Oktober gelöst werden soll, wird spannend. Schöttel wird eine Kandidatenliste mit mindestens zehn Kandidaten zusammenstellen. Das Anforderungsprofil, das der Rapid-Ehrenkapitän präsentierte, lässt auf Andreas Herzog, den er als Kandidaten bestätigte, schließen: "Er muss als Trainer schon Erfolge gehabt haben, das müssen aber nicht Titel sein. Erfolg kann man auch auf anderer Ebene haben, indem man Spieler weiterentwickelt." Das trifft wohl auf nahezu alle Trainer zu.

Man wird das Gefühl nicht los, dass Ruttensteiner nur weichen musste, weil es unter ihm genau so eine Vorgehensweise nicht gegeben hätte. Wenn Ex-Teamtormann Michael Konsel Ruttensteiner massiv kritisiert, dass dieser ihn nicht im ÖFB-Nachwuchs sehen wollte, muss man schon Einwände machen. Der 55-Jährige hat bis heute keine Tormanntrainer-Prüfung absolviert. Einstiger Spitzenfußballer, noch dazu sehr fesch, waren Kriterien, die früher regelmäßig einer Überqualifikation gleichkamen. Unter Ruttensteiner hat diese zum Glück nicht mehr ausgereicht.

Kompetenz steht nicht im Vordergrund

Dass die Verhaberung wieder im Mittelpunkt des österreichischen Fußballs steht, will man im Jahr 2017 gar nicht glauben. Aber es sieht alles danach aus, dass die Seilschaften schon gelegt wurden. Vielleicht lassen sich ja bis Ende Oktober zumindest sieben vernünftige Präsidiumsmitglieder finden, die nicht nach Eigeninteressen handeln. "Es ist keine Frage der Kompetenz, sondern eine des gesetzten Rechts", sagt Windtner über die neun Landespräsidenten. Die Hoffnung lebt dennoch: Vier von ihnen haben in der Sportdirektorfrage nach qualitativen Kriterien entschieden. Es wird sich doch noch ein Trio finden lassen, das zumindest in der Teamcheffrage nicht völlig unverständlich zum falschen Zeitpunkt die Hand hebt.