MehrgenerationenwohnenEin Haus, vier Wohnungen und eine Großfamilie

Die Familie Senemann hat ihr altes Einfamilienhaus nahe Graz zum Mehrgenerationenhaus ausgebaut. Hier zeigt sich, wie man als Großfamilie zeitgemäß leben kann – menschlich, ökonomisch und ökologisch sinnvoll.

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© (c) © oliver wolf
 

Sicherheit und Beständigkeit – diese Ziele waren vor zwei Jahren noch eher verpönt. Mit der Pandemie hat sich das geändert. „Das Traditionelle kommt wieder, das gemeinsame Leben als Großfamilie ist wieder eine Sehnsucht“, ist Sabine Senemann überzeugt, „auch, weil es wirtschaftlich und ökologisch sinnvoller ist“.

Sabine Senemann weiß, wovon sie spricht. Sie lebt gemeinsam mit ihrem Mann Thomas, ihren Eltern, Sohn und Schwiegertochter unter einem Dach. Tochter Marie ist häufig da, Enkelin Maja noch viel öfter. Vor Kurzem lebte hier außerdem noch ein Onkel, den Sabine Senemann bis zu seinem Tod zu Hause gepflegt hat. „Er ist in dem Raum gestorben, in dem er auch geboren wurde“, erzählt die Hausherrin.

Sie weiß, dass nicht jeder für dieses intensive Miteinander geschaffen ist. „Aber wir sind der Beweis dafür, dass es funktionieren kann“, sagt sie und ergänzt: „Das Konfliktpotenzial muss man aushalten können, mit Toleranz und Wertschätzung geht das aber ganz gut.“ Die Senemanns sind als Familie langsam gewachsen, zusammengewachsen, ohne sich gegenseitig zu ersticken. Auf ähnliche Art entstand auch ihr Haus. Das ist kein Projekt vom Reißbrett, das sich faktisch selbst erklärt.

"Wir haben lange überlegt"

Am Anfang war da das 100-Quadratmeter-Haus von Sabine Senemanns Eltern aus dem Jahr 1970. Dazu gehörten 6000 Quadratmeter Grund und ein Bauernhäuschen, in dem Senemanns Mutter mit ihren Geschwistern aufgewachsen ist. Mit WC und Waschraum im Freien. „In den ersten Jahren nach unserer Hochzeit haben Thomas und ich im ausgebauten Keller der Eltern gewohnt“, erzählt die Hausherrin. „Wir haben lange überlegt, ob wir ausbauen oder neu bauen sollten, Platz genug ist auf dem Grundstück ja“, sagt Thomas Senemann.

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Wohnporträt: Mehrgenerationenwohnen

Sabine und Thomas Senemann umgeben von der älteren und er jungen Generation: Links außen Juliana Senemann, rechts außen Lukas Senemann mit seiner Freundin Christina.

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So sieht das um- und ausgebaute Haus heute aus. Der rechte Flügel ist Altbestand...

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Das Einfamilienhaus aus dem Jahre 1970 vor dem Umbau.

Privat

Der "Gemeinschaftsraum" mit der 4,5 Meter langen Tafel aus Eichenholz, Verglasung über zwei Etagen, das Raumklima funktioniert hier aber trotzdem auch im Hochsommer ohne Klimaanlage.

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Ein Rundgang durch den "Gemeinschaftsraum", hinter dem Kamin aus Tuffstein gibt es einen Billardtisch und Durchblick zum Hauseingang bzw. den Stiegenaufgang

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Die geschwungene Eichenholztreppe aus der firmeneigenen Tischlerei führt auf die Galerie - zum Elternschlafzimmer und weiter zum Wohnbereich der "Jungen"

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Die Familie wollte "Raum", der definiert sich nicht nur über Quadratmeter, sondern vor allem durch viel "Luft und Licht"

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Der Blick von der Galerie in den offenen, gemeinsamen Wohn- und Lebensbereich für alle. Rechts hinten auf der Galerie der Eingang zum Elternschlafzimmer.

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Das Treppengeländer wird auf der Galerie zum Funktionsmöbel mit jeder Menge Platz für Bücher und Spielsachen

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Von der Galerie geht es weiter in den Wohnbereich der "Jungen" unter dem Dach: Optisch und akustisch wurde hier mit einer Tür für eine saubere Trennung gesorgt. Weil man auch in der Großfamilie zwischendurch seine Privatsphäre braucht. Sonst lässt sich die Tür ja leicht öffnen.

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Das Schlafzimmer der Eltern ist eigentlich ein ganzes Wohnzimmer: Rückzugsraum, auch wenn tagsüber einmal der Trubel rundherum allzu heftig wird. Die Grundkonstruktion des Bettes besteht aus Zirbenholz, auch hinter der Steinverkleidung der Wand befindet sich Zirbenholz.

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Das Schlafzimmer der Eltern dockt quasi als eigener "Würfel" an das Gebäude an, wie man an dieser Außenaufnahme gut erkennen kann. Darunter ergibt sich eine überdachte Terrasse....

Privat

.... und daneben gleich ein Pool....

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Ein Blick ins Badezimmer, das zu dem Eltern-Schlafzimmer gehört. Jede Menge Stauraum....

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... und die Sauna mit verfliester Steinbank ist gleichzeitig gewärmte Duschkabine. Die Dusche wurde in die Sauna eingebaut.

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Willkommen unter dem Dach, im Wohnbereich der "Jungen", die auch direkten Zugang zur Dachterrasse haben.

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Im ganzen Haus sind fünf Kachelöfen verteilt, die das ganze Gebäude heizen, das ohnehin nahe am Passivhausstandard geplant wurde.

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Neben der modernen Kücheninsel hat die "junge Generation" auch einen traditionellen Tischherd.

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Fernsehgeräte sucht man bei den Senemanns vergeblich. Dafür gibt es in der Wohnung von Sohn Lukas einen Beamer-Raum für alle. Auch Fernsehen ist gemeinsam schöner.

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Auch die Dachterrasse mit Whirlpool und Feuerstelle wird gern von der ganzen Familie benutzt.

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Im sanierten 180 Jahre alten Bauernhäuschen, in dem Senemanns Mutter mit ihren Geschwistern aufgewachsen ist, hat sich Sabine Senemann ihr Töpferatelier eingerichtet. Auch hier sind Gäste gern gesehen. "Man könnte auch sagen, wir haben unser Ferienhaus gleich am eigenen Grundstück", sagt Hausherr Thomas Senemann.

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Der Garten der Senemanns wäre eine eigene Geschichte wert...

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Der Gartenpavillon - weiter hinten gäbe es noch einen Fischteich zu entdecken...

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Schließlich stand für das Paar fest: „Wir wollen etwas Neues, das alte Haus gehört aber saniert und alten- und behindertengerecht hergerichtet. Und wir wollen nicht mehr Fläche versiegeln, als unbedingt nötig ist.“ Die Lösung: ein Um- und Ausbau des Elternhauses zu einem Mehrgenerationenhaus mit vier separaten, parifizierten Wohneinheiten auf mehreren Etagen – mit jeweils eigenen Zugängen.  Als verbindendes Element gibt es dazwischen ein offenes Entrée mit mehreren Sitzbereichen, einem Billardtisch für alle und direktem Zugang zur überdachten Terrasse mit Pool. Die Küche, die zu diesem Gemeinschaftsbereich gehört, befindet sich im Altbestand. „Die Kinder haben gesagt, wenigstens die alte Küche soll unverändert bleiben, wir haben sie also noch nicht verändert“, erzählt Frau Senemann.

Wissenswert

In der Energieeffizienz liegt das Gebäude nahe am Passivhausstandard. Es gibt zwar eine Gasheizung, hauptsächlich wird aber mit Kachelöfen geheizt. Eine Fotovoltaikanlage mit Speicher und eine thermische Solaranlage gehören zum Energiekonzept.

Neben Möbeln bietet der Tischlereibetrieb der Familie in Vasoldsberg Service bis hin zur Baubegleitung an. Das private Wohnhaus der Familie dient auch als Schauraum für
Kunden. www.senemann.at

Generell lag der Fokus bei diesem Projekt auf Nachhaltigkeit, energietechnisch und bei der Auswahl der Materialien, beim Gebäude und beim Inventar. 2004 begann die Planung mithilfe eines Architekturstudenten aus dem Freundeskreis. Die wichtigste Vorgabe dabei? „Viel Raum, Licht und Luft, und dass man den Garten gewissermaßen ins Haus hineinholt“, sagt die Hausherrin. 2006 war Baubeginn. Die Umsetzung brauchte insgesamt zehn Jahre.
Viel von dem Projekt war Eigenleistung: Die familieneigene Tischlerei, die bis hin zum Fenster- und Portalbau alles aus einer Hand liefert, und das Fachwissen von Sabine und Thomas Senemann waren dabei die ideale Kombination. „Mein Mann und ich haben uns bei der Ausbildung zur Einrichtungsberatung kennengelernt, er als Tischler, ich als Quereinsteigerin. Wir haben uns beide immer schon für barrierefreies Bauen und Wohnen interessiert“, erzählt die Hausherrin, die auch als Mentaltrainerin arbeitet. In ihrem Haus wurde folgerichtig von Planungsbeginn an immer ein Lift mit angedacht. „Der Schacht ist da, man müsste den Lift nur noch hineinstellen.“

Holz, Naturstein, Licht und Luft

Wes Geistes Kind die Bewohner sind, zeigt sich an unzähligen Details: Im Gemeinschaftsraum mit Natursteinboden steht ein 4,5 Meter langer Nussholztisch aus der eigenen Werkstatt vor einem Kachelofen aus Tuffstein. Neben neuen Schränken steht renoviertes Mobiliar. Die geschwungene Treppe, die in die oberen Etagen führt, ist Tischlerarbeit aus Eiche. Das Holzgeländer wird auf der Galerie zum Funktionsmöbel mit Bücherregalen. Der Handlauf mutiert hier zur kommoden Ablagefläche für eine Stehpartie mit Gästen, wenn es im Entrée zwischen Tafel und Billardtisch einmal zu eng werden sollte. Die Senemanns hatten vor Corona oft ein volles Haus – und sie wünschen sich, dass es bald wieder so ist.

Mehr als eine Funktion hat auch das Elternschlafzimmer: Es ist eine eigene kleine Wohnwelt, die auch zum Tagträumen einlädt. Zwei Stufen und zwei Schiebetüren (zwischen denen ein kleiner Vorraum entsteht) trennen den Rückzugsbereich vom übrigen offenen Haus. Im Bett und in einer Wand steckt Zirbenholz, dem man ja eine entspannende, schlaffördernde Wirkung nachsagt. Weil es der Familie optisch aber nicht gefällt, wurde es beim Bett mit schwarz-brauner Mooreiche und an der Wand mit Steinplatten kaschiert. Das Badezimmer bietet mit rundum laufenden Einbaumöbeln jede Menge Stauraum, und die Sauna ist gleichzeitig eine gewärmte Duschkabine mit Sitzbank, auf der sich beispielsweise eine Damenrunde zur geselligen Maniküre treffen kann: Die Dusche wurde einfach in die verflieste Sauna eingebaut – „und das funktioniert gut“.

Mein, Dein - Unseres

Das Stockwerk darüber gehört den Kindern. Lukas, der 26-jährige Sohn des Hauses, hat sich hier mit seiner Freundin Christina eingerichtet. Aber so genau ist das hier nicht mit dem „Mein“ und „Dein“. Das Wohnzimmer der Jungen ist nämlich „Kino“ für alle. „Sie werden in diesem Haus keine Fernsehgeräte finden, stattdessen haben wir einen Beamer-Raum für die ganze Familie“, sagt Lukas. Und dann wäre da auch noch die Dachterrasse mit Whirlpool und Feuerstelle, die man sich gern mit allen anderen teilt. Der Dachgarten ist auch der bewusste Versuch, ein wenig von der durch das Bauen versiegelten Fläche wieder grün zu machen.
Wie wichtig der Naturraum der Familie ist, zeigt sich aber ohnehin schon zu ebener Erd: Was vor dem Umbau großteils verpachteter Acker war, ist heute ein Paradies voller blühender und grüner Nischen. Hier wird naturnah gegärtnert – und im renovierten alten Bauernhäuschen auf dem Grundstück hat Sabine Senemann ihr Töpferatelier.