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CoronavirusBundesmuseen in der Krise

Wie stellt sich die Lage der Bundesmuseen in Wien dar, mit welchen ökonomischen Folgen haben sie zu kämpfen? Hier eine (gekürzte) Übersicht mit fünf Direktoren im Gespräch.

CORONAVIRUS: KUNSTHISTORISCHES MUSEUM WIEN GESCHLOSSEN
Geschlossen: Das Kunsthistorische Museum Wien © APA/GEORG HOCHMUTH
 

Sabine Haag: Kurzarbeit ist überlebenswichig

Welche konkreten Maßnahmen haben Sie im Zuge der erzwungenen
Schließung Ihres Hauses bereits getroffen?

Sabine Haag, Kunsthistorisches Museum: Wir haben etwa unsere Beethoven-Ausstellung in den Herbst verschoben und die geplante Tizian-Schau gleich um ein Jahr in den Herbst 2021. Das sind Dinge, die wir ausgabenseitig sofort umsetzen konnten.

Haben Sie MitarbeiterInnen zur Kurzarbeit angemeldet?

Haag: Wir haben uns entschlossen, in die Kurzarbeit zu gehen.
Anfangs war es den Bundesmuseen rechtlich ja nicht möglich,
Kurzarbeit zu beantragen. Dass wir das in dieser Rekordzeit umsetzen
konnten, war wirklich ein Kraftakt. Wir haben nun von 1. April bis
Ende Juni 387 MitarbeiterInnen für die Kurzarbeit angemeldet, die
nach dem Modell 0 Prozent/0 Prozent/30 Prozent (0 Prozent
Arbeitsleistung im April, 0 im Mai und 30 im Juni., Anm.) arbeiten
werden, um also im Juni unsere Wiedereröffnung vorzubereiten. Die
Ersparnisse liegen hier für uns im siebenstelligen Bereich, wobei
ich da noch keine genauere Prognose abgeben kann. Klar ist in jedem
Falle: Das ist für unsere Liquidität überlebenswichtig.

Stehen Entlassungen von MitarbeiterInnen im Raum?

Haag: Nein. Durch die Kurzarbeit müssen wir keine Kündigungen
vornehmen.

Können Sie den Verlust einschätzen, der aus der Coronakrise
für Ihr Haus entsteht?

Haag: Wir gehen von einem Verlust im Verbund von bis zu 14,6 Mio.
Euro bis Jahresende aus. Man muss ja auch in der zweiten Jahreshälfte mitbedenken, dass der Tourismus in der bekannten Form nicht stattfinden wird.

Welche politischen Maßnahmen würden Ihnen derzeit am meisten
helfen?

Haag: Unser eigentliches Problem beginnt dann, wenn wir wieder
aufsperren. Wenn wir unseren erfolgreichen Kurs wieder aufnehmen
sollen, brauchen wir unbedingt eine Anhebung der Basisabgeltung -
vor allem die großen drei Museen KHM, Albertina und Belvedere, die
in den vergangenen Jahren sehr erfolgreich gearbeitet haben. Da sind
jetzt schon Gesprächstermine mit Kunst- und Kulturstaatssekretärin
Ulrike Lunacek (Grüne, Anm.) vereinbart.

Können Sie abseits der finanziellen Verluste auch positive
Aspekte der aktuellen Situation erkennen?

Haag: Es ist unglaublich schmerzhaft, ein Museum zuzusperren und
zu wissen, es wird nichts mehr so sein wie an diesem Tag. Das ist
auch eine emotionale Herausforderung. Aber auf die große Kraft zu
vertrauen, die Kunst und Kultur gerade nach der Krise haben werden,
ist doch etwas sehr Positives. Man bewegt sich in den Tagen der
sozialen Isolation nicht in seinen üblichen Gedankenbahnen. Die
aktuelle Bedrückung stimuliert erst einmal nicht zu kreativen
Gedanken, aber das wird kommen. Da wird ein großes Potenzial
freigesetzt werden.

KHM-DIREKTORIN SABINE HAAG
Sabine Haag Foto © APA/HELMUT FOHRINGER

Klaus Albrecht Schröder: Basisdotierung muss erhöht werden

Welche konkreten Maßnahmen haben Sie im Zuge der erzwungenen
Schließung Ihres Hauses bereits getroffen?

Klaus Albrecht Schröder, Albertina: Etwa durch die Senkung der PR-Ausgaben konnten kurz- und mittelfristig Einsparungen erreicht werden. Im nächsten Quartal wurden Ausstellungen verschoben, die Eröffnung der Albertina modern muss vollkommen neu geplant werden und findet aller Voraussicht nach im Sommer oder Herbst statt. Eine weitere wichtige Frage ist, wie wir als Museum insgesamt mit einem nachhaltigen Besucherrückgang von einer Million pro Jahr auf einige Hunderttausend umgehen. In den nächsten eineinhalb bis zwei Jahren werden wir bei
Ausstellungsprojekten verstärkt auf unsere Schausammlung setzen. Wir
prüfen derzeit, ob die Modigliani-Retrospektive im Herbst
stattfinden kann.

Haben Sie MitarbeiterInnen zur Kurzarbeit angemeldet?

Schröder: Das ist mit 1. April bereits geschehen. Das betrifft
187 von 227 MitarbeiterInnen. Die erwarteten Einsparungen für die
kommenden drei Monate belaufen sich auf 1,3 Mio. Euro. Wir erhalten
7,3 Mio. Euro Basisdotierung, haben jedoch Personalkosten von 8,9
Mio. und Miete von 1,2 Mio. sowie Energie-, Wartungs- und
Instandhaltungskosten von 1 Mio., dazu kommt der allgemeine
Museumsbetrieb in Millionenhöhe. Das kann ohne einen hochprofitablen Ausstellungsbetrieb nicht aufrechterhalten werden. Das bedeutet umgekehrt, dass mit Einsparung allein die Albertina nicht durch diese Krise kommen kann. In den letzten 20 Jahren haben wir das Museum als Ausstellungsbetrieb organisiert, jetzt muss eine substanzielle Erhöhung der Basisdotierung erfolgen.

Können Sie den Verlust einschätzen, der aus der Coronakrise
für Ihr Haus entsteht?

Schröder: Wir haben dem Finanzministerium eine Schadenssumme bis 30. Juni in der Höhe von 3,3 Mio. Euro gemeldet. Bei einer Wiedereröffnung im Spätsommer oder Herbst beziffern wir den Verlust auf 7,8 bis 8,5 Mio. Euro.

Welche politischen Maßnahmen würden Ihnen derzeit am meisten
helfen?

Schröder: Aufgrund des Totalausfalls der Erträge und der
Reduktion der Einnahmen hilft uns nur eine Inanspruchnahme des
Corona-Krisenfonds.

Können Sie abseits der finanziellen Verluste auch positive Aspekte der aktuellen Situation erkennen?

Schröder: Nein, diese schwere Krise hat keine positiven Effekte.
Wir müssen auch geplante Projekte zur Forschung, Digitalisierung und
Inventarisierung auf den Prüfstand stellen, weil diese nicht durch
die Basissubventionen gedeckt sind.

PRESSEFUeHRUNG AUSSTELLUNG 'RAFFAEL': SCHROeDER
Klaus Albrecht Schröder Foto © APA/GEORG HOCHMUTH

Stella Rollig: 12 Millionen Verlust

Welche konkreten Maßnahmen haben Sie im Zuge der erzwungenen Schließung Ihres Hauses bereits getroffen?

Stella Rollig, Belvedere: Es kommt zu großflächigen Verschiebungen und Absagen von Ausstellungen und Sonderprogrammen.

Haben Sie MitarbeiterInnen zur Kurzarbeit angemeldet?

Rollig: Ja, wir stehen unmittelbar vor Antragstellung. Davon sind ca. 200 MitarbeiterInnen betroffen. Die Berechnung zu den entsprechenden Einsparungen liegt allerdings noch nicht vor.

Können Sie den Verlust einschätzen, der aus der Coronakrise für Ihr Haus entsteht?

Rollig: Die Zahlen liegen hier zwischen 8 und 12 Mio. Euro.

Können Sie abseits der finanziellen Verluste auch positive Aspekte der aktuellen Situation erkennen?

Rollig: Die Krise ist so ernst, dass es geradezu pietätlos wäre, etwas als positive Aspekte zu bezeichnen.

PRESSEFUeHRUNG AUSSTELLUNG 'ATTERSEE - FEUERSTELLE'
Stella Rollig Foto © APA/GEORG HOCHMUTH

Christian Köberl: 2 Millionen Verlust

Welche konkreten Maßnahmen haben Sie im Zuge der erzwungenen Schließung Ihres Hauses bereits getroffen?

Christian Köberl, Naturhistorisches Museum: Das Museum musste für Besucher geschlossen werden, und auch der interne Betrieb wurde auf eine Art Notbetrieb umgestellt, das heißt, es sind nur wenige, systemerhaltende Leute vor Ort.

Haben Sie MitarbeiterInnen zur Kurzarbeit angemeldet?

Köberl: Nein, vorläufig nicht.

Stehen Entlassungen von MitarbeiterInnen im Raum?

Köberl: Nein.

APA: Können Sie den Verlust einschätzen, der aus der Coronakrise für Ihr Haus entsteht?

Köberl: Durch den Verlust von Eintritten, Vermietungen, Pachteinnahmen, Shoperlösen usw. sind bis Ende Juni Ausfälle in der Höhe von etwa 2 Mio. Euro zu erwarten. Aber das ist natürlich nur eine grobe Schätzung.

Welche politischen Maßnahmen würden Ihnen derzeit am meisten helfen?

Köberl: Einerseits eine Erklärung, dass der Bund als Eigentümer nachträglich über die Basisabgeltung alle Ausfälle kompensiert, denn Mitarbeiter unter Einkommensverlust in Kurzarbeit zu schicken, aber trotzdem eine Basisabgeltung zu erhalten (die aber nicht ausreicht) ist ein gewisser Widerspruch. Und anderseits ist es für das NHM als Institution eine große Herausforderung, dass durch die Politik mitten in Zeiten der Krise eine komplett neue Geschäftsführung, welche das Haus nicht intern kennt, eingesetzt wird.

INTERVIEW NHM-DIREKTOR KOeBERL ZU '50 JAHRE MONDLANDUNG'
Christian Köberl Foto © APA/GEORG HOCHMUTH

Aufreiter: Kurzarbeit für 60 Prozent

Welche konkreten Maßnahmen haben Sie im Zuge der erzwungenen Schließung Ihres Hauses bereits getroffen?

Peter Aufreiter, Technisches Museum: Da sich die Situation in den letzten Wochen immer wieder sehr schnell verändert hat, mussten wir unsere Maßnahmen immer wieder kurzfristig anpassen. Gleichzeitig sind wir in dieser schwierigen Situation immens dankbar für den unermüdlichen Einsatz, den Zusammenhalt und das Verständnis unserer ca. 220 MitarbeiterInnen. Um Kosten zu sparen, sind wir mit dem Betriebsrat bezüglich Kurzarbeit in Gesprächen, geplant wäre, den Museumsbetrieb ab 1. April auf "Notbetrieb" zu reduzieren.

Haben Sie MitarbeiterInnen zur Kurzarbeit angemeldet?

Aufreiter: Dank des Einsatzes von Staatssekretärin Ulrike Lunacek ist das Modell der Corona-Kurzarbeit jetzt auch für Bundesmuseen nutzbar, was für uns eine absolut notwendige und wichtige Hilfestellung um Kündigungen zu vermeiden ist. Wir werden das Angebot natürlich in Anspruch nehmen. Geplant wäre, dass ca. 60 Prozent der MitarbeiterInnen ab 1. April in Kurzarbeit geht. Mit den daraus resultierenden Einsparungen, können wir innerhalb der nächsten drei Monate zumindest die Hälfte der entgangenen Einnahmen kompensieren.

Welche politischen Maßnahmen würden Ihnen derzeit am meisten helfen?

Aufreiter: Für die Zeit nach Corona würden wir uns wünschen, dass alle Projekte die auch vorher in Planung waren, entsprechend fortgeführt werden können. Dafür gilt es, zeitgerecht alle Maßnahmen zu treffen und alle noch offenen Fragen zu klären, damit wir uns ab Tag 1 der Wiedereröffnung wieder voll auf unsere Besucherinnen und Besucher konzentrieren können.

Können Sie abseits der finanziellen Verluste auch positive Aspekte der aktuellen Situation erkennen?

Aufreiter: Von positiven Aspekten ist natürlich in so einer Situation schwerlich zu sprechen, aber aus rein wissenschaftlicher Sicht ist diese außergewöhnliche Zeit für unsere Sammlungstätigkeiten durchaus spannend. Da geht es etwa um die Frage, welche Effekte es auf unsere Mediennutzung oder unseren Energieverbrauch hat, welche Veränderung in Umwelt daraus entstehen oder welche Folgen sich in der Mobilität beobachten lassen. Außerdem liegt nun unser Fokus noch verstärkter auf der Weiterentwicklung unseres Onlineangebots. Damit wollen wir auch in Österreich lebende Personen im derzeit ungewöhnlichen Alltag begleiten: PädagogInnen, die auf der Suche nach Unterrichtsmaterialien sind, Eltern, die ihren Nachwuchs sinnvoll beschäftigt wissen wollen, Kinder, deren Wissensdurst trotz schulfrei keine Pause kennt. Tatsächlich verzeichnen wir derzeit um 47 Prozent mehr Webseitenzugriffe als im Vorjahreszeitraum und eine Steigerung von 55 Prozent bei neuen NutzerInnen. Alleine die Experimentieranleitungen, die wir für spielerisches Lernen zuhause als Gratisdownload anbieten, wurden bereits beinahe 19.000 Mal aufgerufen.

TECHNISCHES MUSEUM WIEN: AUFREITER
Peter Aufreiter Foto © APA/HANS PUNZ

 

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