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Kärntner des Tages

Im Denken und Handeln ein Weitgereister

Herbert Gantschacher (58) erzählt Geschichte und Geschichten weiter. Nach Ostern beginnen in Prag internationale Gedenkaktivitäten, die der Regisseur und Feldforscher mitinitiiert hat.

Sattelfest in Geschichte, Literatur und in seiner Theaterarbeit: Herbert Gantschacher © KLZ/Traussnig
 

Die Schuhe sind eigentlich viel zu robust zum Radfahren, an der Brusttasche kleppert ein draller Karabiner. „Atomkraft nein danke“ steht auf einer runden Plakette: Herbert Gantschacher ist zur Präsentation seiner Projekte zum Kärntner Gedenkjahr 2015 von Villach nach Klagenfurt geradelt. Mit dem Rad war der Theatermann auch auf jenen Wegen unterwegs, die sein „Projektträger“ Viktor Ullmann im Ersten Weltkrieg genommen hat. Da braucht man schon ordentliches Schuhwerk.

Mit dem österreichischen Komponisten Viktor Ullmann (1898-1944) ist es in etwa so wie mit dem Soziologen Wilhelm Jerusalem (1854-1923): Man hat den Namen kaum ausgesprochen, schon kann Gantschacher erzählen, erzählen, erzählen. Von Ullmanns Beobachtungen an der Isonzofront, von seiner Oper „Der Kaiser von Atlantis“, die er im KZ Theresienstadt komponiert hat, davon, dass Theresienstadt quasi das „Guantanamo der Habsburger“ war.

Mit einem schnellen Griff zieht er ein Büchlein aus der Tasche: Dieses „Verzeichnis der Veröffentlichungen Wilhelm Jerusalems“ ist weit gereist, Jerusalem für Gantschacher einer der wichtigsten Denker des 20. Jahrhunderts, zu Unrecht vergessen. Schon kurios, dass die Schwester seiner Lebensgefährtin mit dem Urenkel Wilhelm Jerusalems verheiratet und der wiederum praktischer Arzt in Guttaring ist.

Ein Gespräch mit dem Regisseur, der für die künstlerische Umsetzung seiner Ideen 1992 das Theater Arbos gegründet hat und damit bald einmal in mehreren Städten und Ländern aktiv war, kann sich jederzeit zum Seminar auswachsen. „Nebenbei gibt’s bei mir nicht“, sagt der 58-Jährige. Schuld daran ist – logo – ein Lehrer. „Alles, worauf ich aufbauen kann, verdanke ich Professor Wolfgang Jack“, sagt Herbert Gantschacher. Feldkirchen ist und bleibt seine Heimatstadt, Klagenfurt die Schul- und Bildungsstadt: „Jack hat uns anhand der Literatur die Geschichte bis in die Gegenwart und auch den Nationalsozialismus erklärt.“ Zudem habe der Lehrer allen geraten, richtige Bücher zu lesen, keine Lesebücher. Just zu der Zeit, als der damalige Bundeskanzler Bruno Kreisky das Gratis-Schulbuch eingeführt hat.

Die Eltern haben dann davon geträumt, dass der Bub (das einzige von vier Kindern, das ins Gymnasium gegangen ist) Lehrer wird. „Das hat mich nicht interessiert“, entschied sich Gantschacher für die Literatur und das Theater, finanzierte das Regiestudium in Graz als Sportreporter bei der Kärntner Volkszeitung und lernte Martin Ku(s)ej (aktuell Chef des Residenztheaters in München) kennen, als der noch Handballspieler war.

Den Namen Viktor Ullmann hat Gantschacher 1978 bei einer Diskussion in Graz das erste Mal gehört: „Ein jüdisches Ehepaar erzählte von Musik im KZ“, erinnert er sich. Solidarität mit den Schwächsten der Gesellschaft war dem Mann mit dem „enormen Interesse“ an Geschichte seit jeher wichtig. Sein Engagement zeigt sich in einzigartigen Theaterproduktionen mit Gehörlosen oder mit taubblinden Kindern sowie in diversen Ausstellungen rund um das Forschungsprojekt „Krieg ist daDa“.

Gantschacher schaut halt immer genau hin. Dass ihm bei der Abschlussarbeit die Verbannung des über Nacht zum Staatsfeind gewordenen Physikers Andrej Sacharow in die Quere kam, brachte ihm erste Kontakte zur Dissidentenszene. Als aktives Amnesty-International-Mitglied konnte er „durch Anfragen aktive Kulturpolitik betreiben“, den Kärntner Künstlern hielt er bei der Kulturpreisverleihung 2010 ihr Naheverhältnis zur regierenden Macht vor.

„Ein unglaublich engagierter Mensch, der alles mit unglaublicher Hingabe macht“, sagen seine Freunde. Alles? „Nur auf freiwilliger Basis“, kontert Gantschacher: „Seit 1997 bin ich liiert. Ich glaube, wir wären nur eine Sekunde verheiratet, mit Scheidung am nächsten Tag.“

USCHI LOIGGE

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